Clemens Haipl über: Kantinenessen

Wie drücke ich das diplomatisch aus, ohne irgendjemanden zu nahe zu treten und nicht als undankbarer, verwöhnter Fratz dazustehen ...

Lassen Sie es mich so formulieren: Meine Freundin merkt intuitiv, wenn ich in der Kantine essen war. Sie legt mir dann eine Windel über die Sessellehne und packt mir eine Airsickness-Tüte (ja, „ Speibsackerl“) ein. Aber bleiben wir fair: Es liegt auch an mir. Ich verfüge über einen der empfindlichsten Verdauungstrakte von Wien und Umgebung, esse oft zu schnell, und gewiss habe ich schon den einen oder anderen Bissen nicht 80-mal gekaut, wie man das in der Volksschule gelernt hat. Die Mitarbeiter der Kantine sind entzückend! Sie sind ausnehmend freundlich, sie geben mir oft mehr als eigentlich nötig wäre, wir tauschen gerne Höflichkeiten aus und es trifft sie bestimmt keine Schuld. Aber: Warum wird mir verlässlich wie der Wechsel der Jahreszeiten jedes Mal so derart schlecht, wenn ich in der Kantine mehr als ein Glas Wasser konsumiere, dass ich es gerade so lange bedauern kann, dort gegessen zu haben, bis ich wieder dort bin? Eine bösartige Fügung der Götter? Der Fluch des Lucullus? Will mir das Universum etwas über mich und meinen Zugang zu meinem Körper sagen? Angewandter Masochismus? Ich bin etwas verzagt. Heikel bin ich nämlich nicht. Geht rein technisch nicht mit drei Geschwistern. Da lernt man zu essen, was auf den Tisch kommt. Im Fall der Kantine kommt aber nichts auf den Tisch. Man stellt sich – seinem Schicksal ergeben – in die Reihe der Mitgefangenen und holt sich das Verderben bringende Etwas selbst an den Tisch. Sehr unvernünftig, aber immer wieder tut man es trotzdem. Grausam zerhackstückelte Überlebende des großen Salad Massacre 09 legen sich kraftlos auf die Beilagenbahre. Die zurecht mit Schande aus dem Kartoffeldorf vertriebenen Outlaws, die sich neuerdings als Pommes frites verdingen, triefen vor Fett und jagen nun kleinen Kindern Angst ein. Dem Ausgedinge des holländischen Exil-Glashauses entfleucht, gesellt sich ausgemergeltes Gemüse auf den Teller, das sich nicht entscheiden konnte, ob es Sterbehilfe in Anspruch nehmen oder doch an Altersschwäche zugrunde gehen sollte und so im Botanikkrema torium zu seinen letzten unwürdigen Resten zusammengekocht wurde. Die letzten zähen Zeitzeugen von Obelix’ Wildschweinen und der heiligen Kuh der Israeliten steigen direkt von meinem Tablett in den Fleischhimmel auf ... Es ist nicht schön, sagen wir es, wie es ist. Die Vernunft wiederum sagt längst: „Geh zum billigen Laden deines Vertrauens und suche dein Glück in einer Wurstsemmel mit Gurkerl.“ Die Gewohnheit sagt: „Komm, diesmal wird es bestimmt anders.“ Die Folgen sind bekannt: Windel und Kotztüte. Dem Vernehmen nach soll es Kantinen geben, die ihre Hauptaufgabe nicht in der Entsorgung von Biomüll, sondern in der Ernährung von Menschen sehen – allein ich wurde ihrer noch nicht ansichtig. Ich war mein Leben lang brav und strebsam, habe vieler Herren Brot gegessen und ihre Lieder gesungen, aber stets endete Ersteres in Magenschmerzen.

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