Clemens Haipl über: Glühende Kohlen

Es gibt Menschen, die mögen das: unkomfortabel im Wald übernachten, Insekten essen und am Schluss barfuß über glühende Kohlen laufen. Ich gehöre nicht dazu. Ja, da kann man mich ruhig eigen nennen...

...aber ich fühle mich in 4- bis 5- Sterne- Hotels einfach wohler und gehe, wenn überhaupt, barfuß dann schon lieber über dicke Plüschteppiche. Völlig verrückt, ich weiß. Aber ich bin Künstler, und da ist man manchmal völlig crazy. Was ich aber recht spitze finde, sind glühende Kohlen, wenn sie sich in einem handelsüblichen Griller befinden und das oberhalb von ihnen gelagerte Fleisch gewissenhaft erwärmen und somit die im Grillgut enthaltenen Proteine in der dafür vorgesehenen Art und Weise zum Stocken bringen.
Auch hier schwimme ich bewusst gegen den Strom, wenn ich sage: Ja, ich weiß, es ist für Männer eher untypisch, aber ich grille gerne. Sehr gerne! Zündeln an sich ist schon super und wenn man dann noch Essen drauflegen und verkohlen darf, lebt das Kind im Mann glückselig auf, dafür muss man Verständnis haben. Leider verfügt der von mir gemietete Wohnraum weder über Garten noch Balkon oder anderwärtige Möglichkeiten, legal zu grillen. Ich habe darum in der Mitte des Wohnzimmers den Parkettboden herausgerissen, eine kleine Mulde ausgehoben und sie mit Holzkohle angefüllt. An der darüberliegenden Stelle am Plafond habe ich ein kreisrundes Loch ausgeschnitten, damit der Rauch abziehen kann.
Und so sitze ich sehr zufrieden in meiner Mietwohnung und röste allerhand leckere Dinge, die mir Vegetarier gerne verbieten würden, während dichter, würziger Rauch durch das Loch im Plafond zieht und das ganze Haus mit wohlriechenden Aromastoffen versorgt ... nein, natürlich nicht. Reingefallen, Herr Vermieter! Ich wollte nur wissen, ob Sie Frauenzeitschriften lesen. Oder ob Sie sich welche wenigstens vorlesen lassen, weil Sie keine Zeit zum Selberlesen haben. Häuser kaufen, Menschen rausekeln und den verbleibenden Rest an Bewohnern schikanieren, auf dass sich der Zaster mehre, ist ja anstrengend, ich weiß. Nicht aus Erfahrung, aber ich kann es mir vorstellen. Hardcore- Kapitalismus hat ja auch irgendwo mit „glühenden Kohlen“ zu tun. Wegen der Kohle ... im Sinne von „Geld“, verstehen Sie? Wortwitz. Nicht sehr gut, ich weiß. Hab ich aber auch nie behauptet. Andererseits: Wenn man sich mit seinen Nachbarn im Haus gut versteht, spricht nichts dagegen, durch Böden und Plafonds durchzubrechen. Alle könnten dann ein kleines, offenes Lagerfeuer im Wohnzimmer haben.
Das sieht sehr hübsch aus und wärmt im Winter. Im Herbst auch, wenn es kalt ist. Und dem Vermieter erzählt man einfach nichts davon.
Weil Frauenzeitschriften liest der sowieso nicht.

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