Clemens Haipl über: Familienfeiern

Wenn man auf völlig Fremde trifft, die einem erzählen, „dass man das letzte Mal noch sooo klein war“ – man aber nicht antworten darf: „Ja, aber jetzt bin ich groß, also gib deine Finger aus meinem Gesicht, sonst schick ich dich ins Heim!“

–, dann ist man höchstwahrscheinlich auf einer Familienfeier. Schöne Sache, da fällt nicht mal mir was zum Nörgeln ein. Vor allem, wenn man es gern stressig hat, ist so eine Familienfeier ein nie versiegender Quell ungebrochener Freude. Wird das Essen rechtzeitig fertig? Wird es allen schmecken? Werden sie auch recht neidisch sein, dass die eigenen Kinder klüger / schöner / erfolgreicher als die anderen sind? Wie lange wird es dauern, bis Onkel / Tante sturzbetrunken unter dem Tisch verschwindet, aber alle behaupten, dass er / sie etwas verloren und / oder er / sie etwas Falsches gegessen habe? Wenn man dann noch große Freude an Erbschaftsstreitereien hat, ist man bei besagten Familienfeiern vorne dabei. Alternativ bieten sich aber auch Latrinenputzen beim Bundesheer oder Scheiteknien beim Opus Dei an. Hat alles seine Befürworter – wie eben Familienfeiern auch. Ich selbst kann mich zu keinem hundertprozentigen „Ja“ durchringen. Das Thema sehe ich ... sagen wir mal ... durchwachsen. Gibt Für und Wider, wie so oft im Leben. Kommt auch auf die Gelegenheit an ... Okay, lassen wir das Gewäsch: Familien feiern gehen mir aber so was von am Allerwertesten vorbei. Mein lieber Herr Gesangsverein! Da möchte ich lieber einen Einzelkurs in Schwangerschaftsgymnastik belegen. Hab ich mehr davon. Es hat mir noch niemand schlüssig erklären können, warum ich mit angeheirateten Unbekannten, die zufällig den gleichen Nachnamen wie die Sippschaft von Geschwistern und Cousins haben, mehr Spaß haben sollte als mit Menschen, die gern an ungeraden Tagen mit der U1 fahren. Und dabei Hodenkrebs haben, meinetwegen. Ist genauso wahrscheinlich. Wenn ich es mir überlege, würde ich sogar mit Letzteren lieber feiern, als auf einer Familienfeier mit der ultimativen Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz konfrontiert zu werden. Ich sehe ja ein: Es ist auch Ansichtssache. Wenn ich gut drauf bin, beobachte ich gern und habe eine diebische Freude an den kleinen Katastrophen und Unzulänglichkeiten des Alltags. Ich kann über grantige Postler grinsen, Verkehrsneurotiker verlachen, und selbst wenn mir Kleingeld in den Gulli fällt, huscht mir mit gnädigem Lächeln nur ein „Hoppla“ über die Lippen. Andrerseits: Wenn ich gut drauf bin, dann bin ich gut drauf – und es ist egal, was passiert. Bei einer der letzten Familienfeiern kam ich drauf, dass ich eine Tante in Österreich und eine in Venezuela habe, von denen ich bisher nichts wusste. Ich will nicht behaupten, dass die Familienfeier schön war, aber das war zumindest informativ. Was ich wohl das nächste Mal erfahren werde? „Clemens, du bist der Messias!“ – „Super, warum sagt ihr mir das jetzt erst?“– „Okay, du bist Harry Potter!“ ... Ach ja: Ich werde heuer Weihnachten erstmals mit Sohnemann feiern. Wenn er nach mir kommt, wird er es hassen. Er ist aber noch klein und kann keine Kolumnen darüber schreiben. So gesehen, Glück gehabt!

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