Clemens Haipl über: Candle-Light-Dinner

Romantik ist der Tod des Intellekts“, pflegte mein Freund T. zu sagen. Ich blicke in den Spiegel und frage mich: „Wen tötet die Romantik, wenn es schon um den Intellekt nicht berauschend bestellt ist?“

Oder im Rückkehrschluss: „Kann nur wahrhaftig romantisch sein, wer strunzdumm ist?“ Ich werde aufmerksam sein, wenn sich das nächste Mal ein gehauchtes „Du bist so romantisch“ in mein Ohr schmeichelt. Was will sie mir damit sagen? Dass ich ein Volldillo vor dem Herrn bin? Sie mir nicht zutraut, meine eigenen Schuhe zu binden, ich mich von einem Einzeller bloß durch die Frisur unterscheide? Was weiß ich, vielleicht bin ich zu vorsichtig. Punkt ist: Brennende Kerzen umgarnt von leckerem Essen, gutem Wein und zwei schmelzenden Augenpaaren ... schon schön ... wer kann da nein sagen? Nur wahre Geistesgröße? Nein, das glaube ich nicht. Ich ziehe allerdings das leicht angebrannte, selbstgemachte Dinner mit ausrinnenden Kerzenstumpen daheim dem etepetete livrierten Gastro-Erlebnis im In-Lokal vor. Weil ich vermutlich so dumm und infolge dessen romantisch bin. Eine meiner Tanten versuchte einst, ihren Herzbuben mittels eines selbstgemachten Truthahns zu betören (selbst „zubereitet“ wäre wohl treffender – Tiere und somit auch Vögel macht der liebe Gott, nicht die Hausfrau –, aber das nur am Rande). Jedenfalls war sie sehr aufgeregt vor dem sich anbahnenden Erlebnis der erotischen Sonderklasse mit Federvieh und hat einen geschätzten Tag mit Kochbüchern und Zutaten verbracht.

Dummerweise gehen die gängigen Kochbücher davon aus, dass der Romantiker in Ausbildung (trotz verminderten Intellekts) weiß, dass man ein Tier ausnehmen muss, bevor man es in der dafür vorgesehenen Art zubereitet. Also seiner inneren Werte befreien, nicht bloß des Federkleides berauben muss. Meine Tante war scheinbar so hoffnungslos romantisch, dass sie das nicht wusste. Sie kredenzte dem vermutlich schon hocherregten Auserwählten stolz einen äußerlich tadellosen Truthahn, aus dem beim ersten Anstich Blut und Gedärm sonder Zahl quollen. Die Getränke waren aber angeblich in Ordnung und es wurde eine längere und für alle Seiten (außer die des Truthahns) erfreuliche Beziehung daraus. Der gute Wille zählte und vielleicht haben die beiden zu fortgeschrittener Stunde aus den Eingeweiden ihre Zukunft gelesen. Gallier haben das früher so gemacht. Auch ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen: Ein lapidares Frühstück, eingekauft beim billigen Laden, stand vor einigen Jahren am Anfang meiner jetzigen Kernfamilie. Also ein paar Semmeln, Marmelade und Kaffee als Initialzündung zur Weitergabe der Gene. Nobel war das nicht und ich hatte bestimmt keine zwei zusammenpassenden Kaffeetassen.

Und ich bin mir sicher, dass sich keine Kerzen am Tisch befanden. Romantik und somit auch Candle-Light- Dinners sind relativ. Wahrscheinlich sind meine inneren Werte aber besser als die eines Truthahns. Zumindest ein bisschen.

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