Clemens Haipl über: Austern

Schleimig, salzig, nach Fisch riechend und wird lebendig geschlürft...:gibt es Verlockenderes? Ich gestehe, nach üblichen Maßstäben ist die Auster nicht DAS Lebensmittel, das man bei Steckbriefen als Lieblingsspeise angibt (da haben wir ja „Spaghetti, Schnitzel und Thailändisch“, gell?).

Austern? Ich habe erst drei-,viermal in meinem Leben Austern gegessen und ich habe gegen ein fünftes Mal rein gar nichts einzuwenden. Nichts gegen die gepflegte Auster am Naschmarkt, aber gegen ein Dutzend „Huîtres“ am Markt in Paris erstanden kann sich das gewöhnliche Weichtier hierzulande brausen gehen, ist quasi ein Weichei. Alleine die Mengenangabe: Wo bekommt man heute noch irgendetwas im Dutzend? Gut, Aposteln- aber sonst? Kilo, Gramm, 10, 20 ... Hauptsache metrisch, aber ein Dutzend Austern ...jawohl, so gehört das!

Wichtig ist, dass man sie sich an Ort und Stelle vom geschulten Personal öffnen lässt. Als Laie hat man nämlich keine ernsthafte Chance gegen Austern, die in sich gekehrt, verschlossen bleiben wollen. Und gefährlich ist es natürlich auch. Schnell ist man mit dem Messer ausgerutscht und ... Sie wissen schon ... Messer, Gabel, Scher´ und Licht ... und der Schrecken aus der Tiefe heisst nicht umsonst so. Jedenfalls: Austern, Baguette, Champagner und ich bin dabei. Es muss nicht alles schlecht sein, was die Reichen so machen. Manchmal haben die durchaus Recht.

Apropos: Ich wollte eigentlich kein Wort über Richard Lugner verlieren, aber der Mann ist sogar aufdringlich wenn er gar nicht da ist... Dass Richard Lugner Austern gerne mit Ketchup verzehrt, muss man nicht wissen, jetzt wissen Sie es aber und ich kann Ihnen versichern, dass mir das Schreiben dieser Zeilen keine Freunde bereitet. Einzig die journalistische Pflicht gemahnt mich zum Weiterschreiben, um Zeugnis davon abzulegen, wie tief die menschliche Gattung sinkt, in welch himmelschreiende Sphären ihre Geschmacklosigkeit steigen kann: Austern mit Ketchup! Es ist ein Drama. Warum nicht gleich Cola-Rot aus einer Château-Mouton-Rothschild-Château-neuf-du-Pape-Cuvée und Hofer-Cola. Weil´s eh schon wurscht ist. Ich bin wirklich kein Snob, kein Gralshüter des guten Geschmackes...aber....nein, das geht einfach nicht. Austern mit Ketchup, das weckt den Tierschützer in mir. Lieber würde ich die Tiere aus ihren Farmen befreien, eigenhändig zum Meer zurücktragen und mich dann von den Grünen für den Nationalrat nominieren lassen.

Gut, ganz so kuschelig wie kleine Pelztierchen sind Austern selten, auch entsprechen sie nicht dem herkömmlichen Kindchenschema- aber sie sind sehr pflegeleicht, ruhig, genügsam....und schmecken tadellos. Jetzt noch ein bisschen was für die Bildung: Austern hat man schon in der Steinzeit gegessen. Weniger aus Angeberei, als aus Hunger. Sind leichte Beute, laufen nicht davon. Kaiser Vitellius soll bei einem Mahl 1000 Austern gegessen haben. Er galt als herrschsüchtiger Trunkenbold. Von Vielfraß ist keine Rede. Und, um den Exkurs abzurunden: Casanova hat nach eigenen Angaben 50 Austern am Tag gegessen, weil sie seiner Manneskraft so zuträglich gewesen sein sollen. Wie gesagt, ich mag Austern auch. Am besten im Dutzend.

Wiederschaun.

Aktuell