Clemens Haipl über: Almrausch

Ich habe als Kind auf einer Alm gehen gelernt. Vermutlich haben mich meine ersten aufrechten Schritte als Erdenbürger direttissima in eine Kuhflade gelenkt. Schön blöd: Da wächst man in Mamas Bauch heran, wird per Presswehen...

... in die kalte, grelle Welt gespien und dann Monate lang genötigt, endlich gehen zu lernen ... und dann, wenn man unter großer Anstrengung die ersten Schritte versucht, steht man bis zum Knöchel in Kuhgacksi. Ich habe seitdem dennoch eine große Zuneigung zum Gehen selbst und zu Almen. Einen Almrausch habe ich noch nie gehabt, weil ich als Kind die großen Biergläser nicht heben konnte und seit ich erwachsen bin noch nie auf einer Alm war. Ich würde das gerne nachholen, aber im Sommer sind Almhütten immer ausgebucht. Wenn mir jemand eine hübsche vermitteln könnte, verspreche ich hier und jetzt, mich gewissenhaft zu betrinken und einen auf Almöhi zu machen. Ich weiß schon, dass der Almrausch eigentlich eine Pflanze ist, die privat Alpenrose heißt.

Aber Murmeltiere murmeln ja auch nicht, nur weil sie so heißen. (Das ist jetzt nicht logisch, aber das macht nichts.) Früher war ich sehr verwirrt ob der Tatsache, dass Murmeltiere eigentlich pfeifen. Jetzt sehe ich das gelassen und wäre tatsächlich sehr überrascht, am Wegesrand zwei Murmeltiere zu treffen, die vor sich hinmurmeln und – so sie meiner ansichtig werden – so tun, als würden sie über etwas ganz anderes sprechen. Über den Urlaub, zum Beispiel. Vielleicht murmeln Murmeltiere nur, wenn keine Menschen in der Nähe sind. Und dann unterhalten sie sich über nette Einrichtungsideen für ihre Bauten oder die Unfinanzierbarkeit der Krankenkassenreform. Man weiß es nicht, weil eben keine Menschen dabei sind. Da müsste man einmal genauer nachfragen, aber die Zeit nimmt sich ja niemand heutzutage.

Analog zum Almrausch gibt es auch noch das Wüstendelirium, die Waldtrance und die gemeine Steppenhalluzination. Sie sind teilweise giftig und erfreuen sich großer Beliebtheit bei den Tieren. Die sind aber auch relativ anspruchslos, weil sie kein Fernsehen haben und deswegen nicht von der Werbung komplett verrückt gemacht werden können. Außerdem gibt es auf Almen sehr viel Gras und meistens einen Bach in der Mitte. Er führt kaltes Wasser, das der Bauer zum Gießen des vielen Grases benötigt. Die Kühe machen aus dem Gras Milch, die dann auch wieder irgendwie im Bach landet. Das ist der Kreislauf der Natur.

Der Almrausch steht meistens nur daneben und wiegt seine hellrot-rosa Blüten im Wind. Wenn einer weht.

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