Claudia Kottal: "Rollenbilder können wir nur gemeinsam verändern"

Die Schauspielerin Claudia Kottal führt in "Vor dem Fliegen" erstmals Regie. Und hat in Sachen Feminismus einiges zu sagen.

„Wir haben alle ständig damit zu tun – und wir merken’s gar nicht mehr.“ Diese ernüchternde Bilanz zieht Schauspielerin Claudia Kottal über die Selbstverständlichkeit von Sexismus in unserem Alltag. Genau das ist auch Thema ihres neuen Stücks, bei dem die 35-Jährige erstmals Regie führt. In „Vor dem Fliegen“ hat sie sich den Stoff des Roadmovies „Thelma & Louise“ zu eigen gemacht und erzählt darin, wie sich zwei Frauen auf die Suche nach Freiheit und Selbstbestimmtheit machen. Wir haben die frischgebackene Regisseurin zum Gespräch getroffen.

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Haben Sie das Gefühl, dass angesichts der Rückwärtsentwicklungen wegen Donald Trump & Co. ein Wiederaufleben der Frauenrechtsbewegung stattfindet?

Claudia Kottal: Irgendwie kann ich diese Entwicklungen gar nicht glauben. Es wirkt für mich wie ein schlechter Sketch. Aber wir müssen uns trotzdem auf Österreich konzentrieren und nicht immer nur mit dem Finger auf die USA zeigen. Das schiebt das Problem nur weg. Deshalb: ja, es ist schon sichtbar, dass jetzt viele Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen, trotzdem müssen sie das nicht nur gegen Trump tun, sondern immer auch gegen die Situation in ihren eigenen Ländern und Betrieben.

Inwiefern sind Geschlechterrollen und –stereotype in Ihrem neuen Stück „Vor dem Fliegen“ ein Thema?

Sie sind das zentrale Thema des Stücks, sowie auch des Films „Thelma & Louise“, auf dem das Stück basiert. Wir haben beschlossen, dass wir uns den Film hernehmen und ihn in die Lebensrealitäten verschiedener Frauen übersetzen. Dazu haben wir mehrere Interviews mit Frauen geführt, um an die Stimmen dieser Frauen heranzukommen. Lustiger Weise sind sich alle Frauen ziemlich einig gewesen.

Was hat die befragten Frauen denn besonders gestört?

Dass wir noch immer in einer Welt und in einem Land leben, in dem kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt wird.

Aus Ihrer Erfahrung als langjährige Schauspielerin: wie omnipräsent ist Sexismus in der Kunst- und Kulturbranche?

Wir haben alle ständig damit zu tun – und wir merken’s eigentlich gar nicht mehr. Es ist so erschreckend normal und selbstverständlich für uns, wenn ein Mann dir an den Hintern fasst. Gerade wenn es Hierarchien gibt und die betroffenen Frauen sich deshalb nicht wehren – aus Angst, jemanden schlecht dastehen zu lassen oder etwas zu verlieren. Der Theaterbetrieb ist generell ein wahnsinnig hierarchischer. Ich hatte sehr viel Glück, aber natürlich auch einige schlechte Erfahrungen gemacht. Dass man runtergemacht wird, beschimpft wird, nichts zu melden hat. Es gibt aber zum Glück eine große Welle der Auflehnung, immer mehr SchauspielerInnen stehen auf und sagen: „Jetzt ist Schluss.“

Spiegelt sich das auch in den Rollen wider, die Ihnen angeboten werden

Ein gewisses Schubladendenken ist sicherlich vorhanden. Diese Schubladen haben wir schließlich alle. Aber das ist natürlich etwas, woran man arbeiten kann. Aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten wird leider viel zu wenig riskiert, viel zu wenig Neues ausprobiert.

Wie ist Ihnen die Idee gekommen, das Stück „Vor dem Fliegen“ auf die Bühne zu bringen?

Der Film ist wahnsinnig toll und das Thema berührt mich sehr. Die Thematiken erinnern mich stark daran, wie ich aufgewachsen bin und was ich so erlebt habe. Meiner Meinung nach ist es immer besser, etwas auf die Bühne zu bringen, wozu man selbst viel zu sagen hat und in das man eigene Emotionen stecken kann.

Welche Botschaft möchten Sie mit dem Stück vermitteln?

Was mir wichtig ist: die Frage aufzuwerfen, ob sich wirklich so viel geändert hat, seitdem der Film vor über 25 Jahren erschienen ist? Wäre diese Geschichte heute denkbar? Ist überhaupt irgendwas anders? Das zentrale Thema ist die versuchte Vergewaltigung von Thelma. Als ich angefangen habe, mich mit dem Inhalt zu beschäftigen, habe ich mir gedacht: heute spricht man sicher mehr darüber, die Situation ist nicht so hoffnungslos, wenn Frauen eine Vergewaltigung anzeigen. Aber das stimmt leider überhaupt nicht. Zehn Prozent werden angezeigt, ein Prozent der Täter werden verurteilt. Es ist ein Thema, das stark verpufft. Außer es kann instrumentalisiert werden, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Obwohl so viele Täter Österreicher sind, liest man nicht über diese Fälle.

Ihre Protagonistinnen im Stück sind Mitarbeiterinnen im Elektromarkt. Warum haben Sie sich für genau diese Berufsgruppe entschieden?

Ich finde diese Chefetagen-Debatte ein bisschen schwierig, weil ich jemand bin, der ja eigentlich für den Abbau von Chefetagen generell plädieren würde. Was mich interessiert, sind die arbeitenden Menschen – und zwar die, die man nicht als erfolgreiche Vorzeigebeispiele hervorkramen kann. Wenn ich Millionen am Konto habe, kann ich auch leichter sagen, dass ich emanzipiert bin, weil Geld Macht bedeutet. Wenn ich sie aber nicht habe, wird es schwieriger.

Wir müssen mehr Stücke schreiben, die mit den wahren Lebensrealitäten der Menschen zu tun haben – und wir müssen diese Stücke dorthin bringen, wo sie gesehen werden.
Claudia Kottal

Das heißt: Ihrer Meinung nach werden die vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen zu wenig auf der Bühne abgebildet?

Ja. Hier bedingen sich wohl die Stücke und das Publikum gegenseitig: viele Geschichten werden nicht erzählt. Menschen aus sozial schwachen Schichten sind auch nicht die, die ein Theater besuchen, weil sie das Gefühl haben, dass das gar nicht für sie gemacht worden ist. Wir müssen mehr Stücke schreiben, die mit den wahren Lebensrealitäten der Menschen zu tun haben – und wir müssen diese Stücke dorthin bringen, wo sie gesehen werden.

Um zum Anfangsthema zurückzukehren: warum ist Feminismus Ihrer Meinung nach noch immer so ein Reizwort?

Das hängt viel damit zusammen, dass Schuld hin- und hergeschoben wird, dass zu wenig über das Thema gesprochen wird, dass viele nicht gut informiert sind. Ich höre auch ganz oft: die Frauen schreien nach Emanzipation, aber dann wollen sie doch, dass ich ihnen in die Jacke helfe! Wenn wir die Rollenbilder wirklich ändern wollen, müssen wir das alle gemeinsam machen, und zwar mit den Männern. Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Feminismus bedeutet einfach nur, dass man Unterschiede anerkennt, aber deswegen keine Diskriminierung zulässt. Das sollten wir doch alle unterschreiben können.

"Frauen, die komplett ungezähmt sind, haben keinen Platz in dieser Welt"
- Callie Khouri, Drehbuchautorin "Thelma & Louise"

1991 eroberten zwei Frauen erstmals die Männerdomänen "Roadmovie" und "Western" und schrieben damit Filmgeschichte. Das ikonische Ende dieses Hollywoodklassikers ist wohl Vielen in Erinnerung geblieben: Umzingelt von dutzenden Polizeifahrzeugen und Helikoptern entscheiden sich Thelma und Louise für einen anderen Ausweg - sie steigen aufs Gas und steuern vor der atemberaubenden Kulisse des Grand Canyon direkt auf den Abgrund zu. Und fliegen...

In "Vor dem Fliegen" suchen zwei junge Frauen mehr als 25 Jahre später ihren Platz in der Gesellschaft, ihre individuellen Werte, ihren ganz persönlichen Begriff von Freiheit. Eine Geschichte über tiefe Freundschaft, Selbstbestimmtheit und den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen.

Regie/Buch: Claudia Kottal
Mit: Julia Schranz, Anna Kramer
Musik: Eva Jantschitsch
Ausstattung/Bühne: Monika Rovan

Tickets & Termine: http://www.bronski-gruenberg.at/#spielplan

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