Christl Clear: "Muss dir wurscht sein!"

Ich mach einfach. Bloggerin, Influencerin, Persona: Christl Clear ist ein Multitalent und in Wien ein Household Name. Jetzt hat die Unternehmerin ein Buch geschrieben.

Christl Clear: "Muss dir wurscht sein!"

"Guten Morgen! Ich hoffe, es geht euch gut, mir geht’s eigentlich ganz gut. Ich hab jetzt gleich einen Frühstückstermin, danach geh ich Fotos machen und sonst steht heute eigentlich nicht viel an. Na gut, ich meld mich später. See you later, alligator!" Die Szene stammt aus einer typischen Insta-Story von Christl Clear. Die Unternehmerin hat vor zehn Jahren begonnen, ihren Gedanken ungefiltert freien Lauf zu lassen und "in ihr Handy zu reden".

"Mein Mann Markus hat mir damals Snapchat gezeigt. Am Anfang war ich von diesen Filtern und den komischen Clips überfordert; dann hab ich einfach in die Kamera geredet, was mir gerade eingefallen ist, und gemerkt, das kommt gut an." In der damals noch mehr als heute nach Perfektion strebenden Social-Media-­Welt fast schon progressiv! Einen Businessplan hat die Unternehmerin nie gemacht. Vielmehr hat sie mit "viel Bauchgefühl und wenig Wirtschaftswissen" ihr Projekt der Ich-Marke gestartet.

New Business

Vor einigen Jahren war Christl (die real übrigens Christiana heißt) noch Redakteurin bei diversen Lifestylemagazinen in Wien. Irgendwann hatte sie laut eigenen Angaben genug davon, sich von "alten weißen Männern" die Welt erklären zu lassen, und hat begonnen, alles, was in den Magazinen keinen Platz gefunden hat, in einem Blog aufzuschreiben. Daraus wurde Christl, die Influencerin, und schließlich Christl, die Autorin.

Ihr Business­modell zu erklären ist für viele immer noch schwierig, auch wenn sich die Außen­wahrnehmung in den letzten Jahren massiv verändert hat. Ihr größtes Kapital ist sie selbst: "Ich würde sagen, ich bin ein menschliches Medium wie Fernsehen oder Zeitschriften, nur mit persönlicher Note und politischer Haltung. Zwischendurch schalte ich eben auch Werbung. Daneben schreibe ich Kolumnen, moderiere, mache Mode- und Beautyshoots."


In Amerika hätte Christl wohl bereits eine eigene Show auf einem Entertainmentsender – denn egal, ob sie gerade Packerln von der Post ab­holen war, ihr Mann ihre Story crasht oder sie ungeschminkt darüber spricht, dass sie noch ihre Steuern machen muss, irgendwie will man ihr immer zuhören. Ihr Content ist so alltäglich wie unterhaltsam und berührt eine stetig wachsende Social-Media-Community – obwohl oder gerade weil sie auch vor Pro­blemthemen nicht zurückschreckt.

Schwere Kost

Als die Black Lives Matter-Bewegung letztes Jahr auch Österreich erreichte, drehte Christl ein Video, das viral ging und auf ­Social Media rund 288.000 Mal geklickt wurde. Darin spricht sie emotional über die Tötung von George Floyd und darüber, wie es schwarzen Menschen und People of Color in einer rassistischen Welt geht. Floyd war ein schwarzer Mann und Christl erklärte mit Tränen in den Augen, dass es auch ihre Brüder, ihre Freunde, ihre Onkel hätte treffen können, weil Rassismus all­gegenwärtig ist – auch wenn ihn viele Menschen noch nie wahrgenommen haben, weil er ihre Lebenswelt nicht berührt.

Christl hat damit nicht nur ihre eigene Community bewegt, sondern viele andere Menschen wach­gerüttelt und vielleicht mehr erreicht als so manche Schulstunde zu diesem Thema. Aber auch das ist typisch Christl Clear: Wenn es hart auf hart kommt, sagt sie, was gesagt werden muss, und leiht ihre Stimme und Reichweite gerne auch marginalisierten Gruppen.

Multitalent

Mit ihrem Buch Let me be Christl Clear wird die Neo-Autorin noch persönlicher. Sie schreibt über Beziehungen, Verlustängste, ihre Arbeit, Rassismus, Frauensolidarität und widmet ein Kapitel dem wohl persönlichsten Thema – ihrem Kinderwunsch. "Es hat mir geholfen, mir alles von der Seele zu schreiben. Ich wollte alles in dieses Buch packen, weil das alles ein Teil von mir ist. Ich will niemanden anlügen. Ich kann kein Buch schreiben, das Let me be Christl Clear heißt und dann bin ich nicht crystal clear about it. So lebe ich mein Leben!"

Mit ihrem Buch will sie "die Mitzi aus Kaisermühlen" genauso abholen wie alle anderen Menschen, die es interessiert – mit essayartigen Kapiteln: "Wir sind gerade durch eine Pandemie gegangen und brauchen nicht noch was, das uns anstrengt. Ich wollte kurze Kapitel, ein Buch, das man auch mal weglegen kann, wenn man gerade die mentale Stärke nicht hat. Eines, das man querlesen kann, wenn man will." Ihr Buch liest sich, als würde man ihr live beim Denken zuhören. Und ganz ehrlich, genau das macht den Charme von Christl eben aus.

Was, glaubst du, ist es, das die Menschen so spannend an dir finden?

Christl Clear: Die Mischung macht’s: Dass ich schwarz bin und mit einem weißen Mann verheiratet bin, die Tatsache, dass wir so unterschiedlich sind, aber trotzdem irgendwie urgut zusammenpassen, mein Blick auf Dinge – ich sehe viele Dinge anders aufgrund meiner Dia­spora-Herkunft, der Kombi aus meinem Aussehen und der Tatsache, dass ich wienerisch rede und wienerisch bin. Auch, dass ich älter bin und nicht alles so ernst nehme, ist wohl wichtig, ich strebe nicht nach Perfektion – nicht für mich selbst und auch nicht für die Welt. Dadurch, dass ich Erfahrungen gemacht habe, die andere noch nicht gemacht haben, kann ich auch ernste Themen ansprechen, die vielleicht andere Influencerinnen nicht ansprechen, weil sie das Gefühl dafür nicht haben.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?

Ich wollte immer ein Buch schrei­ben und habe mir gedacht, irgendwann wird es schon kommen. Dann war ich im Urlaub und habe eine E-Mail vom Verlag bekommen. Die haben lustig gefunden, was ich mache, wir haben uns getroffen und über mögliche Themen geredet. Ich wollte ein Buch über Erwartungshaltungen, die uns Frauen in die Wiege gelegt werden, schreiben. Du kommst auf die Welt als weiblich gelesene Person, und schon geht es los: Süß sollst du sein, Röcke sollst du anziehen, brav sollst du sein – ich finde das unglaublich nervig. Ich bin wahnsinnig gerne eine Frau, aber es ist anstrengend, weil die Welt es uns so anstrengend macht.

Vor 20 Jahren hätte sich keiner deinen Job vorstellen können, vor einigen Jahren wurde noch verbal auf Influencer hin­geschlagen. Wie ist das heute?

Ich glaube, das Rad hat sich weitergedreht und alle haben verstanden, dass es ein Job ist. Es war leicht, auf diesen Beruf hinzubashen, weil dahinter meist weiblich gelesene Menschen stehen – sie werden oft nicht ernst genommen. Es ist viel Neid im Spiel, und wenn man das weiß, kann man besser damit umgehen. Alles, was von Frauen dominiert ist, wird zuerst niedergemacht. Ich glaube, der Gedanke dahinter ist, uns klein zu halten. Warum sollten wir uns kein Business aufbauen können, weil wir auch Kinder kriegen könnten? Das verstehe ich nicht.

Du schreibst in deinem Buch, dass du eine Feministin bist, die noch lernt …

Ja, so ist es. Ich musste mir wahnsinnig viele frauenfeindliche Angewohnheiten und Dinge, die im Alltag ganz normal sind, abgewöhnen oder hinterfragen. Da musste ich mir eingestehen, dass ich halt auch lernen muss. Also bin ich eine Feministin in Ausbildung.

Was hältst du von Frauennetzwerken?

Ich bin eine grauenvolle Netzwerkerin. Ich will meistens über normale Sachen tratschen und nicht übers Business oder die Politik reden. Ich will wissen, wie es dir geht und was du im Fernsehen schaust. Meine Schwester ist eine tolle Netzwerkerin – ich steh immer daneben und denk mir: "Ach, I wish I could!" Ich glaube, wir brauchen Netzwerke, damit wir nicht alleine sind. Mir ist es urwichtig, Frauen zu supporten, weil wir alle unterschiedlich sind und trotzdem eine gemeinsame Erfahrungswelt als Frauen haben. Das Schlimmste, was es gibt, ist, wenn Frauen einander in den Rücken fallen. Das tut auf einem ganz anderen Level weh.

Bezeichnest du dich selbst als Businessfrau?

Ja, aber ich bin so ein bisserl reingerutscht in die G’schicht. Ich würde jetzt nicht herumlaufen und sagen, dass ich eine Businessfrau bin, aber ich bin selbstständig, ich habe mir das aufgebaut mit viel Bauchgefühl und wenig wirtschaftlichem Wissen. Ich habe ein Business, ich bin eine Marke. Meine Freundinnen erinnern mich immer wieder daran. Also ja, ich bin eine Businessfrau.

Wie sehr stimmt die Marke Christl Clear mit der Privatperson Christiana überein?

Ich glaube, das, was man sieht, sind 100 Prozent, ich zeige aber nur 50 Prozent von meinem Leben. Ich bin sehr authentisch vor der Kamera: Ich sage, wenn ich einen Scheißtag habe – oder wenn ich mich nicht schminken will, mache ich es nicht. Aber man sieht natürlich nicht alles. Ich will auch nicht, dass man alles sieht. Ich würde nie die Kamera auf einen Streit zwischen mir und meinem Mann halten, das wäre nicht gut für uns. Ich habe auch bewusst das Kinderwunschthema auf ­Social Media nicht angesprochen, das wollte ich mir in meiner Ehe ausmachen. Meine Mutter weiß es bis heute nicht und wird es aus dem Buch erfahren. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht, dass sie ihre Sorgen auf mich projiziert – oder dass Followerinnen ihre Sorgen auf mich projizieren in einer Zeit, wo ich wahnsinnig viel Energie brauche. Ich suche mir schon bewusst aus, was ich zeige und was nicht, aber das, was ich zeige, bin zu 100 Prozent ich.

Warum wolltest du damit jetzt nach außen gehen?

Es wird einfach nicht darüber ­gesprochen. Ich glaube, ich hole damit viele Frauen ab, wenn ich sage: "Du bist nicht krank mit unerfülltem Kinderwunsch, du bist nicht komisch, du hast nichts falsch gemacht." So was passiert tatsächlich häufiger, als man glaubt. Es ist nicht abnormal. Ich will nicht, dass es ein Tabuthema ist. Ich habe mir vor einem Jahr mit meinem Mann Markus ausgemacht, dass wir das jetzt so behandeln, als hätte ich schlechte Zähne und müsste oft zum Zahnarzt, um sie mir komplett neu machen zu lassen. Das ist für mich ein Zugang, der es mir möglich macht, nicht übermäßig zu ver­zweifeln, wenn es wieder nicht klappt. Es runterzuschreiben hat mir auf eine ganz andere Art geholfen.

Hast du manchmal Angst, dich durch deine Offenheit auch verletzlich zu machen?

Als mein Vater vor einigen Jahren gestorben ist, hat das in meinem Kopf etwas ver­ändert. Ich hatte keinen Bock mehr, die Starke zu sein, ich war immer die Starke und fand es eigentlich viel anstrengender, als ich dachte. Es war befreiend, traurig zu sein; die zu sein, die ich wirklich bin – da sind halt viele Emotionen. Ich habe dann angefangen, zu sagen, was ich denke – und auch, Nein zu sagen –, das kommt mit so einem Level an Befreiung, unvorstellbar! Wenn man, glaube ich, verstanden hat, wie schön es ist, wenn man carefree ist, ist das Leben angenehmer – weil wir Frauen eh schon so ein anstrengendes Leben haben. Wenn ich es mir dadurch leichter machen kann, dann mache ich das.

Denkst du manchmal noch da­rüber nach, was andere Menschen über dich denken?

Nein, ich sage immer: "Das muss dir wurscht sein!" Irgendwer wird dich immer scheiße finden. Wenn man sich dessen bewusst ist, lebt es sich viel leichter. Mich belastet es eher, dass manche Menschen so wenig Empathie für andere haben. Dass sie nicht nachdenken, wie es beim Gegenüber ankommt, wenn sie ihren Emotionen freien Lauf lassen.

Was wünschst du dir für dein Buch?

Ich hoffe, die Menschen können was mitnehmen – und dass mir die Leute erzählen, dass sie es jemandem schenken, von dem sie glauben, dass es die Person lesen muss, weil es ihr hilft. Das wäre mein ideales Szenario. Ob es ein Bestseller wird, ist mir wurscht.

 

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