Christina Stürmer im miss-Interview

Herz statt Verstand, Landleben statt Großstadt, Ruhe statt Hektik: Christina Stürmer (30) wusste schon immer, was sie will – aber zehn Jahre nach „Starmania“ weiß sie es noch ein kleines bisschen besser. miss bat die Vorzeige-Österreicherin zum Interview.

Jasmin Kreulitsch: Hallo Christina, lange nicht mehr gesehen. Wo warst du denn?
Christina Stürmer: Ich lese in den Zeitungen immer: „Nach zweieinhalb Jahren kehrt sie zurück!" Aber das stimmt so nicht. Ja, das letzte Album erschien vor zweieinhalb Jahren, aber mein letztes Konzert hab ich vor anderthalb Jahren gespielt. Und seitdem haben wir an dem neuen Album gearbeitet. Normal war es so, dass das Songwriting parallel lief zu den Konzerten und wir zwischen Studio und Bühne gependelt sind. Jetzt habe ich halt gedacht, ich will alles ein bisschen gemütlicher angehen und mir mehr Zeit lassen. Im Endeffekt haben wir ein Jahr an dem neuen Album gearbeitet. Die Zeit haben wir gebraucht - und ich finde, das hat sich auch ausgezahlt. Ich meine: Jede andere Band macht auch Pausen zwischen den Alben. Nur bei uns, weil wir fast jedes Jahr ein Album veröffentlicht haben, heißt es: „Wie, anderthalb Jahre macht die nix? Das geht ja nicht!"

Also stimmt es nicht, wenn über all geschrieben wird, dass du dir eine Auszeit genommen hast?
Es war keine wirkliche Pause. Ja, ich war zwei Wochen in Los Angeles, in San Diego, in Las Vegas, und ja, ich war kurz in London, aber ansonsten haben wir tatsächlich am Album gearbeitet. Natürlich nicht jeden Tag, aber doch sehr konsequent. Ich hab letzten Sommer das erste Mal, seit ich auf dem Land wohne, meinen Garten genutzt. Eben weil ich alles viel entspannter angegangen bin. Aber eine Auszeit war das nicht.

Wenn man viel unterwegs, viel unter Menschen ist, und es ist laut und hektisch, dann brauche ich einfach meine Ruhe!

Stimmt, du lebst ja seit einer Weile im Weinviertel. Bereust du es, dass du nicht mehr in Großstadt bist?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe ja drei Jahre in Wien gewohnt, und das war prinzipiell schön, aber auf die Dauer geht das nicht für mich. Ich bin halt auf dem Land groß geworden (lacht).

Was genau meinst du damit?
Wenn man viel unterwegs, viel unter Menschen ist, und es ist laut und hektisch, dann brauche ich einfach meine Ruhe, wenn ich nach Hause komme. Es macht mir ja alles total viel Spaß - aber damit das so bleibt, brauche ich zwischendurch meine Ruhe. Und die hab ich halt zu Hause im Weinviertel. Da wohnen nur 350 Leute und dich weckt maximal der Hund vom Nachbarn oder Vogelgezwitscher oder die Tochter der Nachbarin, die auf der Schaukel sitzt und quiekt, weil so eine Freud' hat (lacht).

Christina Stürmer im Interview mit Jasmin Kreulitsch, stellvertretende miss-Chefredakteurin

Nimmt man dich auf dem Land als normale Nachbarin wahr oder doch als die Christina Stürmer?
Meine Nachbarn sind echt liebe Leute, die mich total normal behandeln. Am Anfang war es natürlich so, dass die schon geschaut haben: „Wer zieht denn jetzt da her? Die Stürmer?" Aber ich denke, das ist normal, wenn man irgendwohin zieht, man braucht halt eine Aufwärmphase. Meine Nachbarin, die ist mittlerweile eine echt gute Freundin geworden. Die hat das super gemacht. Die kam auf mich zu mit der Haltung: „Also die behandle ich jetzt aber nicht anders, nur weil sie die Stürmer ist!" Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ich steh einfach drauf, wenn das alles so normal ist.

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Christina Stürmer
Es gibt halt viele Schulterklopfer. Da ist es umso wichtiger, dass ich ein ganz normales Leben leben kann.
Ja, ich will irgendwann Kinder haben. Weil ich total auf Kinder stehe.

Gehst du dann auch auf Feuerwehrfeste bei dir im Dorf?
Nein (lacht)! Aber bei uns gibt's jedes Jahr ein Straßenfest, wo die Leute aus meinem Grätzel miteinander feiern. Da sind dann von den 350 Einwohnern halt nur 50 dabei und wir grillen und trinken - und vertiefen quasi unsere Nachbarschaftsliebe (lacht). Das ist immer lustig. Und mir wichtig, damit man das normale Leben nicht aus den Augen verliert.

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Wie meinst du das?
Man hört in dem Geschäft echt viel Blödsinn. Da kommt dann einer daher und sagt: „Mann, siehst du heute gut aus!" Und ich weiß ganz genau: Ich bin unausgeschlafen und schlecht drauf und das stimmt überhaupt nicht. Das ist dann auch egal, aber es gibt halt so viele Schulterklopfer. Da ist es umso wichtiger, dass ich ein ganz normales Leben leben kann.

Du bist schon lange mit Oliver zusammen, ihr lebt und arbeitet zusammen. Geht man sich nicht irgendwann auf die Nerven?
Es gibt natürlich Zeiten, wo man sich viel sieht, da muss man schauen, dass man zwischendurch Abstand gewinnt. Aber unser Haus hat auch drei Stockwerke, da klappt das schon (lacht). Aber er ist auch nicht immer dabei, wenn ich unterwegs bin. Es geht sich alles wunderbar aus, weil wir nicht 24 Stunden aufeinanderpicken. Das soll nicht negativ klingen, aber ein bisschen Abstand ist auch gut, weil man sich dann viel mehr freut, wenn man sich wieder sieht. Andererseits ist es auch schön, wenn er auf Tour dabei ist und mein Leben begreift. Er weiß genau, was ich tue und warum ich unterwegs bin. Ein Partner, der überhaupt nicht aus dem Business kommt, würde das vermutlich überhaupt nicht verstehen. Wichtig ist nur, dass man lernt und weiß, wie viel Freiraum der andere braucht.

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In einem Interview hast du gesagt „Ich brauche keinen Vertrag für die Liebe". Was bedeutet das?
Das habe ich nie so gesagt. Ich werde in letzter Zeit immer öfter gefragt: „Du bist jetzt 30, was ist mit heiraten, was mit Kindern, wann wirst du sesshaft?" So: Ich habe ein Haus im Weinviertel, also bin ich sesshaft. Denn da werde ich bleiben. Familie? Ja. Das Thema ist sicher präsenter, als es mit 16 war. Mit 30 denkt man natürlich darüber nach. Und ja, ich will irgendwann Kinder haben. Weil ich total auf Kinder stehe. Aber ich höre die biologische Uhr noch nicht ticken. Und zum Thema Hochzeit: Ich bin nicht abgeneigt, aber ich muss nicht kirchlich heiraten. Ich brauche diesen ganzen Schnickschnack nicht.

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Apropos Herzensangelegenheiten: Dein neues Album heißt „Ich hör auf mein Herz", passend zu deinem Tattoo. Wie weh hat es getan, es stechen zu lassen?
Es hat gar nicht soo weh getan, hat aber doch drei bis vier Sitzungen gebraucht. Nur an den Stellen, wo unter der Haut Knochen und Knorpeln sind, war es schlimm. Aber ich bin ja hart im Nehmen (lacht).

Was war zuerst da: der Spruch „Wenn du dich selber suchst, hör auf dein Herz", den du dir tätowieren hast lassen - oder der Name fürs Album?
Das Tattoo ist schon fast zwei Jahre alt, aber der Gedanke dahinter, der Leitsatz, dass ich seit Ewigkeiten auf mein Herz und meinen Bauch höre, den gibt es lange. Ich habe viele Menschen um mich, die mich beraten, mit Ideen und Strategien - und das ist alles super, aber es muss sich bei mir immer mit dem Bauch und mit dem Herz gut anfühlen. Als wir mal mit der Band über Songideen gebrainstormt haben, hatten wir das Thema „Herz versus Hirn". Und dann ist auch der Song dazu entstanden - und es war klar: Das Album heißt „Ich hör auf mein Herz".

Du hörst auf dein Herz. Und auf wen sonst noch?
Ich höre mir prinzipiell alles an. Und bin nicht sturschädlat (lacht). Ich blocke auch nicht alles von Vornherein ab. Aber im Endeffekt geht es darum, was sich am besten anfühlt. Ansonsten sind es meine Eltern, denen ich auf privater und emotionaler Ebene immer zuhöre.

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