Chemnitz würde hier nicht passieren? Dann pass mal auf!

Die gewalttätigen und rassistisch motivierten Ausschreitungen rechtsextremer Gruppen in Chemnitz erschüttern über Ländergrenzen hinweg. Wer glaubt, dass diese Vorfälle weit weg von der österreichischen Realität stattfinden, sollte nochmal genau nachdenken.

440km. So weit liegen die deutsche Stadt Chemnitz und Wien auseinander. Da liegt es nahe zu sagen: "Was in Chemnitz passiert, geht mich nichts an" oder "Das was in Chemnitz passiert, das gäb's bei uns nicht". Es ist einfach, diese Verantwortung von sich zu weisen, die Augen zu verschließen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre.

Nein, es ist nicht alles in Ordnung

Aber das ist es nicht. Und das war es eigentlich auch nie. Für die weiße Mehrheitsgesellschaft ist das immer noch schwer vorstellbar. Realitäten von Menschen mit Migrationshintergrund, von Menschen mit anderer Hautfarbe, werden hinterfragt, negiert oder schlicht weg kleingeredet. "Geh, jetzt reg dich nicht so auf, bei uns ist es doch eh nicht so schlimm, sei froh, dass du hier leben darfst" - Sätze, mit denen viele ÖsterreicherInnen täglich konfrontiert werden.

In der deutschen Stadt Chemnitz (Sachsen) war es nach dem Tod eines Mannes zu rassistisch-motivierten Ausschreitungen Rechtsextremer gekommen, als Tatverdächtige wurden zwei Migranten im Polizeibericht genannt. Als Reaktion darauf kam es im Zuge einer Demonstration am Sonntagabend zur "Jagd" auf  "nicht-deutsch aussehende" Menschen, ein Mitglied der AfD hatte via Twitter zur "Selbstjustiz" aufgerufen.

Sehr anschaulich wird diese Realität etwa im Dokumentarfilm "Schwarz in Wien" dargestellt. Ein Beitrag des ORF-Formats "Heimat, fremde Heimat", der kürzlich medial für viel Aufmerksamkeit sorgte, weil man ihn aus "formalen Gründen" aus dem Programm genommen hat, um ihn dann einige Wochen später auf einem deutlich schlechteren Sendeplatz neu zu platzieren. In dem Film (hier nachsehen, noch 4 Tage in der TV-Thek verfügbar) berichten Schwarze ÖsterreicherInnen über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus, schildern wie ihnen ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus abgesprochen, nicht ernst genommen oder belächelt werden ("das war ja nicht 'so' gemeint).

Reaktionen auf den Aufmarsch in Chemnitz

Auch auf Twitter meldeten sich seit Chemnitz viele von Rassismus Betroffene zu Wort, die von ähnlichen Erfahrungen berichten:

Kritik an Wortwahl der Medien

Die österreichische Journalistin Olja Alvir kritisiert unter anderem die Haltung und Wortwahl der Medien während der Bericherstattung über Chemnitz. Vielfach kam es zu einer Verharmlosung der Geschehnisse, die Verfolgung der Menschen und die Gewaltbereitschaft rechtsextremer Mobs wurde heruntergespielt.

 

 

#metwo: Alltagsrassismus ist unsere Realität!

Unter dem Hashtag #metwo (mehr dazu hier) hatten sich in den letzten Wochen bereits viele von Rassismus betroffene mit ihren Geschichten auf Twitter zu Wort gemeldet. Damals äußerten sich PolitikerInnen nur zögerlich, wenn überhaupt und redeten die Erfahrungen vieler klein.

Darunter Außenministerin Karin Kneissl, die in einem Interview meinte "jeder sei von blöden Aussagen betroffen" und "man müsse diese mit Humor nehmen". Das mangelnde Verständnis für die Erfahrungen vieler ÖsterreicherInnen, dass anhand solcher Aussagen sehr eindeutig zu beobachten ist, zeigt, wie viel Aufarbeitung hier noch zu leisten ist.

Rassismus und Fremdenhass ist genauso in Österreich ein Problem

Gleichzeitig weigert sich die aktuelle Regierung an dieser Stelle anzusetzen. Im Gegenteil: Weiterhin hetzen Parteimitglieder einer Regierungspartei öffentlich gegen Schwarze (aktuell hier), eine österreichische Europaabgeordnete bezeichnete Afrikaner (sic!) als "arbeitsscheu" und Flüchtlingen wird mit Kürzungen oder dem aktuellen Lehr-Verbot immer mehr der Zugang zu Integration verwehrt. 

 

Damit das, was in Chemnitz passiert, hierzulande nicht Realität wird, gilt es Menschen zu glauben, die über Rassismus berichten. Es gilt, sich klar dagegen zu positionieren und rechtsextremen Haltungen entschieden entgegen zu treten, selbst - oder gerade wenn - diese von der eigenen Regierung in die Welt gesetzt werden. 

In Wien sagt man gerne "wart' ma mal ab, wird scho passen". In Chemnitz ist genau das passiert. Lassen wir es hier nicht so weit kommen.

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