#ChallengeAccepted: Warum Frauen jetzt Schwarz-Weiß-Selfies posten (und das nichts mit Empowerment zu tun hat)

Auf der Social Media-Plattform Instagram wollen sich Frauen gegenseitig mit Schwarz-Weiß-Bildern empowern. Der Hashtag #ChallengeAccepted ist ein weiteres Beispiel für schief gegangenen Online-Aktivismus.

#ChallengeAccepted: Warum Frauen jetzt Schwarz-Weiß-Selfies posten

"Ich liebe diese einfache Art, uns gegenseitig aufzumuntern", schreibt Cindy Crawford unter ein Schwarz-Weiß-Foto, das sie beim Spazieren am Strand zeigt. Was aussieht wie das Cover einer Ausgabe der VOGUE oder eine Hochglanz-Werbung für das neuste Calvin Klein Parfüm, ist in Wahrheit die neueste Hashtag-Kampagne #ChallengeAccepted. In der Challenge, die hier accepted wird, nominieren sich Frauen gegenseitig dazu, ein Selfie oder Foto in schwarz-weiß zu posten. Das soll Empowerment und Unterstützung sein.

Mehr als drei Millionen Fotos finden sich bislang unter dem Hashtag. "Der Trend nimmt weiter zu, die Nutzung des Hashtags hat sich innerhalb des letzten Tages verdoppelt", sagte eine Sprecherin von Instagram am Montag gegenüber der New York Times. "Die meisten Teilnehmer*innen posten dazu Notizen über Stärke und Unterstützung für ihre Communities." Passend dazu taucht der Hashtag #womensupporting in vielen Postings auf, so auch in Khloe Kardashians Bildunterschrift am Sonntag: "Für all meine Queens - lasst uns Liebe verbreiten und uns daran erinnern, ein bisschen netter zueinander zu sein. #womensupportingwomen".

Warum schwarz-weiße Selfies?

Die feministische Brandrede der US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez vergangene Woche habe eine wahre Flut an Postings über Feminismus und Empowerment in den sozialen Medien nach sich gezogen, so Cristine Abram, eine Managerin des Social Media Marketing Unternehmens Later gegenüber der New York Times. Das könnte auch die aktuelle Schwarz-Weiß-Challenge gestartet haben. Es ist immerhin nicht das erste Mal, dass sich Influencer*innen und Stars mit vagen Hashtags und schwarz-weißen Fotos für 'eine gute Sache' stark machen. 2016 fand sich unter demselben Hashtag eine Kampagne, die das Bewusstsein für Krebserkankungen stärken sollte, passenderweise ebenfalls mit Schwarz-Weiß-Fotos. Der Algorithmus der Social Media Plattform begünstigt so ein Aufwärmen, weil ihm die Dynamiken bereits bekannt sind. Postings bekommen so sehr schnell mehr Reichweite. Laut Instagram stammt das erste Posting in der aktuelle Welle von der brasilianischen Journalistin Ana Paula Padrão.

Selfies sollen an Femizide und Gewalt gegen Frauen erinnern

In der Türkei teilen gerade vermehrt Frauen schwarz-weiße Fotos, um auf die erschreckend hohe Zahl der Femizide und der Gewalt gegen Frauen im Land aufmerksam zu machen. Allein 2019 wurden in der Türkei 430 Frauen ermordet, im ersten Halbjahr 2020 waren es 118 Frauen. Gerade in den letzten Wochen hat der gewaltsame Tod der Studentin Pinar Gültekin für einen landesweiten Aufschrei gesorgt. Die Studentin war von ihrem Exfreund ermordet worden. Zehntausende Frauen sind seit ihrem Tod auf die Straße gegangen. In den sozialen Medien sollen die schwarz-weißen Fotos an die Ästhetik der Bilder ermordeter Frauen erinnern. Zusätzliche Hashtags, die das klar machten, gingen im Laufe der Challenge aber verloren: #kadınaşiddetehayır, zu Deutsch "Nein zu Gewalt gegen Frauen", und #istanbulsözleşmesiyaşatır, das übersetzt "Die Istanbulkonvention lässt weiterleben" bedeutet und auf das von mehr als 30 Staaten unterzeichnete Abkommen gegen Gewalt an Frauen anspielt.

Was ist jetzt so empowernd an einem Selfie in schwarz-weiß?

Davon ist unter den Bildern bekannter Influencerinnen und Stars nichts mehr zu lesen. Die Kampagne mag gut gemeint sein, die Mehrheit der Postings sagen aber wenig bis nichts aus. Im Gegenteil: Sie sind stilisiert und normschön, die schwarz-weiße Ästhetik ist zusätzlich schmeichelhaft. Das ist keine Auseinandersetzung mit einzementierten Schönheitsidealen, mit sexistischer Sprache oder Gewalt gegen Frauen. Wie schon die schwarzen Vierecke am #BlackOutTuesday als Unterstützung der Black Lives Matter-Bewegung, sind auch die schwarz-weißen Selfies vor allem eines: zahnlose Selbstdarstellung. Für die Teilnehmer*innen sind sie ungefährlich. Wer nichts sagt, macht sich immerhin auch nicht angreifbar und verärgert die eigene Community nicht. Gleichzeitig wird Zusammenhalt und Unterstützung signalisiert - nur eben ohne ein tatsächliches Eintreten für Werte und Prinzipien.

Das ist auch die Kritik, die langsam an der Challenge, die keine ist, laut wird. "Ladies", scherzt etwa die Autorin Alana Levinson am Montag auf Twitter, "statt heiße Schwarz-Weiß-Selfies zu posten, könnten wir doch ganz ruhig mit dem Feminismus anfangen und erstmal was risikofreies machen, wie die Freundschaft zu unseren Freunden abbrechen,die andere missbraucht haben." Da müsste man halt tatsächlich was tun.

 

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