Cecily Corti im Interview: "Empathie kann man lernen"

Cecily Corti kennt keine Berührungsängste: In der 2004 gegründeten VinziRast, einer Notschlafstelle für Obdachlose, packt sie selber tatkräftig mit an. Da wird gekocht, geredet, zugehört und Mut gemacht – ganz ohne Vorurteile.

Mittlerweile sind noch drei weitere Projekte dazugekommen. Jetzt hat die Witwe von Axel Corti in „Man muss auf dem Grund gewesen sein“ ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet. Was Heimat für sie bedeutet, wie jede und jeder im Alltag helfen kann und welche Rolle Empathie dabei spielt, hat Cecily Corti im Gespräch mit der WIENERIN verraten.


Obwohl Österreich zu den reichsten Ländern der Welt zählt, braucht es so etwas, wie eine Notschlafstelle. Sie engagieren sich schon lange sozial, was ist Ihre Erfahrung: Werden wir durch unseren Wohlstand weniger solidarisch?
Cecily Corti: Es scheint so zu sein! Bei früheren Flüchtlingsbewegungen – ob das Ungarn war oder der Balkan – war das anders, die Menschen waren offener. Jetzt herrscht Angst vor, die auch politisch geschürt wird. Ich bin entsetzt, dass in der Berichterstattung über Traiskirchen oder anderswo immer wieder die Rede davon ist, wie man die Bevölkerung vor den Flüchtlingen schützen kann. Wovor muss man denn die Bevölkerung schützen? Sind Flüchtlinge Kriminelle? Warum haben wir nicht so viel Selbstbewusstsein, dass wir sagen: „Das packen wir!“. Wir könnten den Flüchtlingen ja auch unsere Kultur und unsere Werte vermitteln – aber das meint auch, dass wir uns unserer Werte wieder bewusst werden müssten. Die Menschen sehen ihren Wohlstand in Gefahr. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Lebensweise und unseren Wohlstand radikal infrage stellen und auch etwas davon abgeben müssen. Und dass es uns deswegen nicht wesentlich schlechter gehen wird.

Warum haben wir nicht so viel Selbstbewusstsein, dass wir sagen: „Das packen wir!“?
Cecily Corti über die aktuelle Flüchtlingswelle


In unserer Gesellschaft fragt man ja gerne nach dem Nutzen, dem Mehrwert. Welchen Mehrwert hat das Helfen?
Das erleben wir jeden Tag: Wir helfen uns selber indem wir anderen helfen, wir erweitern unseren Horizont. Ich persönlich finde die Begegnung mit anderen Kulturen spannend. Ich glaube, dass es auch ganz wichtig ist, dass wir unsere Kultur vermitteln, ohne zu sagen, unsere wäre besser. Viel mehr geht es darum, Menschen, die in unser Land kommen, das Positive erleben zu lassen. Wir sind als Gesellschaft fokussiert auf Materie, auf die Machbarkeit – der Mensch bleibt in meiner Wahrnehmung auf der Strecke.


In Ihrem Buch schildern Sie eine Kindheit, die von Flucht und Heimatlosigkeit geprägt war. Ihre Familie wurde aus Slowenien vertrieben, ihr Vater verschleppt und ermordet. Können Sie sich deshalb besser in die Obdachlosigkeit, die Heimatlosigkeit hineinversetzen?
Als Kind denkt man nicht über Heimatlosigkeit nach. Ich kann nicht sagen, dass ich mich damals heimatlos gefühlt habe – die Nähe zur Familie, zu den vertrauten Menschen hat mich davor bewahrt. Es war mehr die Not meiner Mutter, die mich sehr geprägt hat. Ich denke, das hat unbewusst in mir drinnen weitergelebt. Empathie mit Menschen, die obdachlos oder einsam sind, das spielt schon eine Rolle. Ich habe erlebt, wie schnell Konflikte und Spannungen entstehen – und letztendlich auch Krieg.


Was bedeutet Heimat denn heute für Sie?
Für mich meint es, die Heimat in sich selbst zu finden. Unabhängig zu sein, im Grunde frei zu sein von Vorstellungen, dass andere dafür zuständig sind. Von bestimmten Orten habe ich mich schon lange frei gemacht. Mir ist es wichtig, dass ich mit mir selbst im Reinen bin. Familie hat ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert für mich, der Kontakt zu meinen Kindern und Enkeln.


In der VinziRast heißen jene, die Unterschlupf finden, „Gäste“. Warum?
Die Menschen, die zu uns kommen, sind unsere Gäste. Ich wüsste auch nicht, wie man sie sonst nennen sollte. Ich glaube schon, dass Worte eine Bedeutung haben. Wir zeigen den Menschen, dass sie willkommen sind, dass wir sie nicht beurteilen, dass sie Menschen sind wie wir. Wir nehmen sie ernst und vielleicht gelingt es uns, ihnen zu vermitteln, dass sie viel mehr sind als der Status, in dem sie sich jetzt gerade befinden. Mir liegt viel daran, zu zeigen, dass auch in ihnen eine Kompetenz liegt, ihr Leben zu gestalten. Wir haben oft keinen Rat, aber wir bleiben dabei, wir fliehen nicht, wir hören zu, können auch mal still sein.


Hatten Sie am Anfang manchmal Berührungsängste oder Scheu?
Hatte ich nicht, das traue ich mich wirklich zu sagen. Manchmal hat mich das selber überrascht, es war erstaunlich. Ich habe mich mit den Menschen in der VinziRast sofort wohl und vertraut gefühlt. Mir war von Anfang an bewusst, dass es Hindernisse geben wird, dass ich auf Wände stoßen werde. Aber ich wusste auch: Ich gehe es an! Natürlich bin auch ich nicht frei von Angst – außer in der Begegnung mit dem Menschen.


Ein Großteil Ihrer Gäste sind Männer. Was ist mit obdachlosen Frauen?
Wir nehmen in unserer Notschlafstelle auch Frauen auf und lassen Pärchen in einem Bett schlafen. Es sind aber viel weniger Frauen.


Was bedeutet Obdachlosigkeit für Frauen?
Das wage ich nicht zu beurteilen, weil ich selber in diesem Sinne nie obdachlos war. Manche obdachlose Frauen kommen bei Männern unter, die im Ausgleich häufig sexuelle Dienste einfordern. Bei uns in der Notschlafstelle achten wir sehr darauf, dass allein stehende Frauen nicht belästigt werden. Gleiches gilt übrigens für rassistische Bemerkungen: Das geht bei uns gar nicht, da bin ich sehr streng.


Sind Sie ein politischer Mensch?
Natürlich bin ich ein politischer Mensch. Ich hatte aber nie das Bedürfnis, in die Politik zu gehen – mein Weg ist einfach ein anderer.


Welche Motivation, wenn nicht eine politische, steckte hinter der Gründung der VinziRast? Warum ausgerechnet in diesem Bereich?
Auslöser war für mich die Begegnung mit dem Pfarrer Wolfgang Pucher aus Graz (Anm. Gründer der VinziWerke in der Steiermark), der bei einer Veranstaltung von der Sünde der Distanz und von bedingungsloser Akzeptanz gesprochen hat. Das hat mich zu einer Zeit getroffen, in der ich immer drängender das Bedürfnis hatte, meinen Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft zu leisten, mich nicht ohnmächtig zu fühlen. Ich fühle mich mitverantwortlich für die Welt, in der ich lebe. Ich habe mir also überlegt, was ich ohne konkrete Ausbildung im sozialen Bereich tun kann. Und ich habe mich gefragt, was bedingungslose Akzeptanz für mich bedeutet.


Und was bedeutet bedingungslose Akzeptanz für Sie?
Dass jeder willkommen ist, ohne Urteil, ohne jegliche Erwartungen. Wir nehmen die Menschen so an, wie sie sind.


Wie kam Ihr Engagement anfangs an?
Sehr unterschiedlich. Die offiziellen Stellen waren sehr skeptisch und zurückhaltend. Sie glaubten nicht, dass nicht-professionelle Kräfte zurande kommen mit dieser – wie sie meinten – schwierigsten Gruppe. Ich habe mir gedacht: Was macht den Menschen zum Menschen? Was ist für mich die Essenz des Menschseins? Und dann habe ich gemerkt: Da kann ich ansetzen! Ich habe ja ganz klein begonnen und niemals gedacht, dass sich das so entwickeln würde.


Aber dann konnten Sie Menschen wie Hans Peter Haselsteiner für Ihr Projekt gewinnen...
Ursprünglich wollte ich jemanden finden, der Baumaterialien günstig zur Verfügung stellen kann. Eine Bekannte von mir kennt Dr. Haselsteiner. Ich dachte mir: Vielleicht könnte Sie eine Verbindung zu ihm herstellen. Sie war anfangs sehr zurückhaltend, aber einige Zeit später erhielt ich einen Anruf und hatte einen Termin bei Dr. Haselsteiner. Ich erzählte ihm in einer knappen viertel Stunde, worum es geht und er sagte: „Des gfoit ma, des moch i!“. Das war eine unglaublich vorbehaltlose Zusage, so etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Das hat mir gefallen!

Jede und jeder kann dazu beitragen, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verändert.
Cecily Corti


Kann man Empathie „üben“?
Ja, ganz bestimmt!


Und wie?
Indem man bei uns in der Notschlafstelle ehrenamtlich Nachtdienst macht (lacht). Oder indem man zum Beispiel mit den eigenen Defiziten und Ängsten vertraut wird, der eigenen Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und der Erfahrung von Respektlosigkeit. Wenn ich diese Erfahrungen zulasse, ist es eigentlich selbstverständlich, dass ich anderen ihre Ängste und Unzulänglichkeiten auch zugestehe. Oder eben spüre, dass andere etwas in mir berühren, das ich kenne.


Was kann jede und jeder tun? Wie kann man im Alltag helfen?
Nicht wegschauen! Nicht urteilen! Und sich immer wieder klar machen: Wir wissen nicht, wieso ein Mensch in die Situation gekommen ist, da zu stehen und die Hand aufzuhalten oder eine Zeitung zu verkaufen. Wir können ein Verständnis dafür entwickeln, warum ein anderer Mensch anders denkt. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass jede und jeder einzelne dazu beitragen kann, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verändert. Empathie ist die Voraussetzung für eine erneuerte Gesellschaft.

Cecily Corti wurde in Wien geboren und verbrachte ihre Kindheit in Slowenien. Nachdem ihre Familie vertrieben und der Vater ermordet wurde, landete sie schließlich in Salzburg. Sie heiratete den Regisseur Axel Corti und bekam drei Söhne. Nach dem Tod ihres Mannes begann Corti sich sozial zu engagieren und gründete 2004 die VinziRast, eine Notschlafstelle für Obdachlose. Es folgten das VinziRast-Corti-Haus mit Übergangswohnungen und die VinziRast-Wohngemeinschaft. 2013 wurde die VinziRast-mittendrin eröffnet, ein innovatives Wohnprojekt, bei dem Studierende und ehemals Obdachlose gemeinsam wohnen. Corti wurde für ihr Engagement vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem „Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte“.

Cecily Corti, Man muss auf dem Grund gewesen sein, Brandstätter, € 19,90.

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