Carolin Kebekus: "Du gehörst ja nur mal gebumst"

Carolin Kebekus ist Comédienne, Feministin und gilt als lustigste Frau Deutschlands. Nun nennt sie ihr erstes Buch Es kann nur eine geben und kritisiert darin radikal alle. Muss das sein?

Kebekus

"Bekommt eine Frau Kinder und verzichtet auf eine Karriere, ist sie rückständig oder zu faul zum Arbeiten. Zeigt eine Feministin zu viel Dekolleté, kann sie keine Feministin sein. Solidarisieren sich Frauen im Zuge von #Metoo, distanzieren sich andere, weil man ja wohl noch flirten dürfe.“ Willkommen in der Welt von Carolin Kebekus, einer Kabarettistin, die in ihrem Buch Es kann nur eine geben ziemlich viel Wahrheit austeilt – und die auch richtig viel aushalten muss.

"Was wackelt denn da so krass?" und "ein Hefeteig-Tsunami" – das sind nur zwei von tatsächlich Tausenden Onlinekommentaren unter einem deiner TV-Auftritte, bei dem man deine Oberarme wackeln sah. Hat dich diese Abwertung getroffen?

Carolin Kebekus: Natürlich war es im ersten Moment furchtbar, weil man das logischerweise nicht hören will, aber es ging ganz schnell in einen lustigen Moment über, weil ich dachte: Verrückt, da setzen sich Leute echt hin und schreiben das ins Internet? Plus: Es waren tatsächlich zu 95 Prozent Frauen, die diese Kommentare gepostet haben.

Die meisten Kommentare kamen von Frauen – das ständige Vergleichen und Abchecken haben wir also wohl alle. Wie hat dich dieser "männliche" Blick geprägt?

Ich bin mein ganzes Leben lang vom Patriarchat geprägt. Es führt dazu, dass wir alle die Prämisse meines Buchs erfüllen wollen, nämlich: Es kann nur eine geben. Und sobald eine den Platz hat – wie in meinem Fall den Titel als lustigste Frau Deutschlands –, begrenzt man den Platz für andere Frauen. Das ist genau das Gefühl, in dem wir aufwachsen: dass wir untereinander kämpfen müssen, weil wir eben die eine sein wollen und die anderen wegbeißen müssen.

Das ist genau das Gefühl, in dem wir aufwachsen: dass wir untereinander kämpfen müssen, weil wir eben die eine sein wollen und die anderen wegbeißen müssen.

von Caroline Kebekus

Du bist Feministin und sagst das heute ganz offen, aber das war nicht immer so. Du hast selbst Witze über das Aussehen anderer Frauen gemacht. Tut dir das leid?

Ja, aus heutiger Sicht schon, wenn ich mir die alten Nummern ansehe, aber ich weiß schon, was mein Antrieb war: "Ach, andere Frauen sind so uncool, ich bin die Einzige, die mit den Jungs klarkommt!" Das ist auch so ein Mechanismus, den man unbewusst bedient, dass man sich mit Männern gegen andere Frauen verbrüdert. Ich verurteile mich aber nicht für diese Zeit – man braucht auch immer ein bisschen, um Dinge zu verstehen, und früher war eine Feministin für mich etwas Anstrengendes, etwas Männerhassendes, Unweibliches.

Irgendwann habe ich angefangen, das zu hinterfragen, und habe gemerkt, wie verrückt es ist, dass man sagt, eine Feministin hat halt keinen guten Sex. Ich habe dazu mal eine Nummer gemacht: "Ja, du gehörst ja nur mal gebumst, weil dann wachst du auf und denkst wieder normal." Dass man als Frau eine eigene Sexualität haben kann und gleichzeitig für Frauenrechte eintritt, ist für viele nicht vereinbar. Mittlerweile komme ich schnell in so ein Feld, wo man mir sagt: "Ja, du redest ja selbst die ganze Zeit über Sexualität, da musst du dich nicht wundern, wenn dir Leute Schwanzbilder schicken!" Aha, das ist also der Zusammenhang? Cool.

Du schreibst über dein eigenes Körperbild: "Es gibt keine Scheiße, die das Internet über meinen Körper ausschütten könnte, die ich nicht schon selbst über meinen Körper geleert hätte." Ist dein Körperhass schon weniger geworden?

Ich glaube, er ist immer noch da, ich kann mich nicht freisprechen, weil mein Körper anders ist als die, die ich gefiltert im Internet sehe. Ich versuche, selbstbewusst damit zu sein, aber das ist superschwer, weil Frauen in der Gesellschaft von Tag eins dazu erzogen werden, ihren eigenen Körper zu hassen – und dadurch, dass wir die ganze Zeit in so einer Unsicherheit und so einem Hass dem eigenen Körper gegenüber gehalten werden, verdient eine riesige Industrie sehr viel Geld.

Wenn ich sagen würde "Mein Körper ist cool, wie er ist, und ich versuche, ihn durch Sport gesund zu halten, aber nicht, weil ich meine Cellulite beseitigen will!", dann kaufe ich mir keine Cremes oder Massageroller. Und dann wird mit mir kein Geld mehr verdient.

Die "Auserwählte" sein zu wollen, das lernen schon kleine Mädchen. Du schreibst, dass es in quasi allen Kinderbüchern nur das eine coole Mädchen gibt – egal, ob bei Biene Maja oder der TKKG-Bande, und sogar die tolle Pippi Langstrumpf braucht die maximal uncoole Annika, um zu strahlen. Wie kommen wir denn da raus?

Ach, es gibt ganz viele Möglichkeiten, früh anzufangen, Mädchen einfach ein bisschen kompetitiver zu erziehen. Als ich als Mädchen in der Tanzgruppe getanzt habe und wir bei einem Bewerb verloren haben, sagten alle: "Hauptsache, wir sind dabei, Gewinnen ist doch egal!"

Aber wenn mein Bruder im Fußball verloren hat, gab es eine Abmahnung vom Trainer und es wurde überlegt, wie man nächstes Mal wieder gewinnen kann. Mädchen sollen nicht zu ehrgeizig sein, weil sie sonst schwierig und zickig werden, und als Folge haben einen dann nicht mehr alle lieb. Es gibt kleine Stellschrauben bei Kindern, aber auch als Frauen können wir anderen Frauen empfehlen, uns zusammenzutun und den Mythos von "der einen" selbst mitentzaubern.

Als Frauen können wir anderen Frauen empfehlen, uns zusammenzutun und den Mythos von "der einen" selbst mitentzaubern.

von Caroline Kebekus

Du produzierst deine Shows selbst, aber deine berufliche Emanzipation hat lange gedauert. Warum?

Ich wollte immer den Eindruck hinterlassen, dass ich eben nicht so ehrgeizig bin, und mir wurde auch oft nahegelegt, ich soll bitte nicht größenwahnsinnig sein. Es waren Mechanismen, die mich kleinhalten, aber dennoch maximal von mir profitieren wollten. Und irgendwann habe ich mir gedacht: Das sind doch meine Texte, mein Beruf, alles dreht sich um mich, warum soll ich nicht am meisten davon profitieren? Dann habe ich mich von allen getrennt, mit zwei Frauen zwei Firmen gegründet, produziere und veranstalte selbst. Jetzt bin ich unabhängiger und mehr beteiligt – wie ich es auch sein sollte.

Kebekus

Buchtipp
"Es gibt ein höchst dämliches Gesetz, das lautet: Eine Frau reicht, mehr brauchen wir nicht."
Es kann nur eine geben von Caroline Kebekus (€ 18,50) erscheint am 7. Oktober 2021 bei Kiepenheuer & Witsch.

 

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