Captain Marvel: Darf's ein bisserl Feminismus sein?

Zwanzig Filme, zehn Jahre. Marvel hat lange auf seine erste Titelheldin warten lassen. Und leider trotzdem nicht alles ganz richtig gemacht. Eine Kritik.

+++Achtung, hier ist alles voller Spoiler. Sei gewarnt! Aber du hast auch auf eine Rezension geklickt, also dürfte dich das nicht so sehr überraschen.++

Captain Marvel in Binary-Form

Eigentlich ist "Captain Marvel" eine sehr klassische Origins-Story. Es geht also ums Suchen und Finden, um das Werden und Sein und um den steinigen Weg zum Helden-, pardon: Heldinnentum. Der ist nicht nur in der fiktiven Welt des Marvel Cinematic Universe (MCU), sondern auch in der Realität schwierig. Besonders für Frauen, Superheldin hin oder her.

Sexistische Trolle attackierten "Captain Marvel"

Wütende Männeraktivisten versuchten in den letzten Wochen verzweifelt, die Filmwelt so zu belassen, wie sie immer schon war. Mit Männern auf Filmplakaten und Frauen in Nebenrollen, wo sie unbewusst schön sein und die männliche Hauptfigur in ihrer Entwicklung unterstützen dürfen. Nur bitte bloß nicht mehr! Ohne den Film gesehen zu haben, vergaben diese Männer auf der Filmplattform rottentomatoes schlechte Bewertungen für "Captain Marvel" und konnten die Publikumsbewertung schon vor der Premiere auf den niedrigen Wert von 36% drücken. So groß ist die Angst vor einem feministischen Superheldinnen-Manifest auf der großen Leinwand also.

Dass Hauptdarstellerin Brie Larsondann auch noch "wagt", für Interviews zum Film gezielt JournalistInnen auszuwählen, um eine größere Diversität in der Berichterstattung zu garantieren, war dann noch das intersektionale Tüpfelchen auf dem feministischen i. Superheldinnen mit politischen Botschaften, die hätten im Superhero-Unterhaltungskino nichts verloren und würden das ganze MCU zerstören, behaupteten die verängstigten Männer. Und überhaupt: Wer will sowas eigentlich sehen?

Das MCU ist politisch - nicht erst seit "Captain Marvel"

Das ist sowieso und gerade bei Marvel eine ignorante Kritik. Die Filme des MCU sind von Beginn an vergleichsweise divers und durchaus politisch. In den "Captain America"-Teilen "The Winter Soldier" und "Civil War" geht es etwa um Sicherheitspolitik und Überwachungsstaat. "Thor -Ragnarok" beschäftigt sich hinter knallbuntem Popcornkino mit Imperialismus, Migration und Geflüchteten. Und, nicht zuletzt, "Black Panther" hinterfragt wenig subtil die rassistische Darstellung afrikanischer Staaten und ihrer Kulturen in Medien und Popkultur. Dafür gab es großartige Kritiken, den ersten Kostümdesign-Oscar für eine Schwarze Frau - und einen historischen Beweis dafür, dass finanzieller und künstlerischer Erfolg nicht nur mit und für die weiße Hegemonie funktionieren kann.

Ein bisschen mehr "Black Panther"

"Captain Marvel" hätte das feministische Gegenstück zu "Black Panther" werden können - und hat sich am Ende doch nicht ganz getraut. Dabei gibt die Geschichte genug her: Als Soldatin einer außerirdischen Eliteeinheit der Kree wird Vers vom Erzfeind, den Skrulls, gefangen genommen. Vers landet per Zufall auf der Erde. Einem "shithole", wie die Kree sagen. Dort soll sie eigentlich brav auf Verstärkung warten, widersetzt sich ihrem paternalistischen Boss aber und entdeckt, gemeinsam mit neuem Sidekick-Buddy Nick Fury (einem mit CGI verjüngten Samuel L. Jackson), dass sie hier eigentlich ein Leben als Air-Force-Pilotin Carol Danvers hatte. Der Rest ist die Rückkehr zur menschlichen Identität, zu den bei den Kree verpönten Emotionen und der Stärke, die man aus ihnen ziehen kann, und die Besinnung auf die eigene Kraft. Als Belohnung gibt es das reine Gewissen, das ein/e SuperheldIn für das HeldInnentum nun mal braucht.

Carol Danvers ist dabei durchaus sympathisch. Sie ist witzig und schiebt lustige One-Liner, sie nimmt sich selbst nicht ganz ernst, ist in wichtigen Momenten aber willensstark und bereit, das Richtige zu tun - und dabei auch ziemlich badass. Ein klassischer Superhelden-Charakter, nur eben als Frau. Wo "Black Panther" aber die rassistischen Erfahrungen Schwarzer Menschen schonungslos thematisierte und sich nicht davor scheute, einer überwiegend weißen ZuseherInnenschaft ihre eigenen Privilegien und internalisierte Rassismen vor Auge zu führen, bleibt "Captain Marvel" zu zahm. Ihre Rebellion in einer von Männern dominierten Welt, ihr Aufstand für sich selbst und für das Richtige, sind zu oft nur lose Erzählungen der anderen Charaktere über Carol selbst. "Show, don't tell!", möchte man die Kinoleinwand da teilweise anschreien.

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Das geschieht dann auch, ist aber nur in der aus den Trailern schon bekannten und im SuperheldInnen-Genre allseits beliebten "Warum fallen wir? Damit wir wieder aufstehen können"-Montage richtig eindrucksvoll. Carol geht, allen Misserfolgen zum Trotz, ihren Weg. Dieser Wille zum Weitermachen, diese Weigerung eine Niederlage zu akzeptieren und aufzugeben, das zeichnet Captain Marvel als Superheldin letztlich aus. An den Pathos von Gal Gadots "No Mans Land"-Szene in "Wonder Woman" kommt sie dennoch nicht heran.

Eine Liebeserklärung an die 90er - in a good way!

Trotzdem: Captain Marvel macht Spaß. Es hat alles, was die 1990er so zu bieten hatten. Die Dynamik zwischen Larsons Carol Danvers und Samuel L. Jacksons Nick Fury ist eine herrliche Hommage an jedes Roadtrip-Movie: da sitzt jeder Witz - auch die vorhersehbaren. Die Liebe kommt von Danvers BFF Maria Rambeau (Lashana Lynch) und deren TV-Trope-coolen Tochter Monica (Akira Akbar). Wie in den lesbischen Romanzen der frühen '90er ("Eine Klasse für sich" oder "Grüne Tomaten") ist der homosexuelle Subtext in der Beziehung zwischen Carol und Maria kaum zu übersehen, sogar die Klischee-Lederjacke ist dabei. Ausgesprochen wird dann trotzdem nichts. Das ist schade.

Dafür bricht Captain Marvel mit der der Filmwelt so eigenen Idiotie unbewusster Konfliktverlängerung aus mangelnder Kommunikation und spricht tatsächlich offen mit ihren Gegenübern - sogar mit ihrem bösen Gegenspieler, Ben Mendelssohn als gestalwandelnder Skrull-General Talos. Allein wegen dessen australischem Akzent sollte man den Film übrigens wenn möglich in Originalsprache anschauen. Goose, die Katze, ist ein weiteres Highlight. Und als Carols Hauptgegner am Ende verzweifelt brüllt, sie solle sich ihm doch in einem fairen Kampf stellen und auf ihre Superkräfte verzichten, ballert sie ihn gnadenlos und in bester Indianer-Jones-Manier nieder. Warum auch auf einen Vorteil verzichten? Als ob der weiße, mächtige Mann das jemals getan hätte.

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The Power is Female

Wie es sich gehört, beherrscht "Captain Marvel" am Ende den Himmel. Das sieht auch optisch wirklich eindrucksvoll aus. Ein bisschen overpowert schwebt eine leuchtende Brie Larson im All und man weiß: So sollte eine erste Superheldin ausschauen. Die KinobesucherInnen sehen das ähnlich und sind im Allgemeinen nicht ganz so deppert wie die männlichen Onlinetrolle. Die Einspielergebnisse liegen schon nach dem ersten Wochenende weit über den Erwartungen. "Captain Marvel" ist nach "Black Panther" die zweiterfolgreichste Einführung eines neuen Charakters in das MCU und der erfolgreichste Superheldinnenfilm aller Zeiten.

Rottentomatoes hat die verfrühten NutzerInnen-Rezensionen inzwischen gelöscht, und wenn auch die Trolle nicht ganz aufgegeben haben, klettert der Audience Score seit dem Release kontinuierlich nach oben. Bei den Kritikerin hat Captain Marvel einen mehr als soliden Score von 80 Prozent.

Wer will, kann den Publikumsscore auf rottentomatoes auch selbst recht einfach nach oben pushen - obwohl eine der ultimativen Messages von "Captain Marvel" so natürlich nicht unterzeichnet werden kann: Katzen, egal woher sie kommen, sind nämlich magische und anbetungswürdige Wesen - egal, welche Unsinnigkeiten das MCU hier verbreiten möchte. Aber im Sinne des Feminismus kann man da schon mal ein Auge zudrücken.

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