Bumerang

Manche Dinge im Leben kriegt man immer wieder an die Birne geklatscht. Das können Mmenschen sein oder Themen – und manchmal sind es auch nur bestimmte Worte.

Was haben ein Zen-Meister und eine Domina gemeinsam? Sie sind das, was ich in letzter Zeit lernen musste zu sein: streng. Meine Achtung vor diesen beiden Berufsgruppen ist seitdem übrigens total gestiegen. Denn streng sein ist total anstrengend. Begonnen hat diese Phase mit dem Pubertätsschub, den mein Mädchen Anfang des Jahres gemacht hat. Freundinnen, Facebook, Handy - das bekam in ihrem Leben auf einmal eine Wichtigkeit wie die erste Mondlandung für die Menschheit. Schule hingegen wurde dieses lästige Unnötige, was sie gemeinerweise davonabhielt, 24 Stunden am Tag mit ihrer Mädchenclique zusammenzupicken. Sie dazu zu bringen, wenigstens das Allernötigste zu tun, war schon ungefähr so mühsam, wie wenn man eine riesige Steinkugel einen Berg hinaufrollen wollte. Tag für Tag, Woche für Woche kämpfte ich diesen Kampf. Dennoch kam eines Tages die Nachricht von der Schule: Gefährdung in Mathe. Und ein paar Wochen später jenes i-Tüpfelchen im Mitteilungsheft, das mich fassungslos explodieren ließ: „Rosa macht in letzter Zeit keine M-Hausübungen!"

Mutterfrust.

Ich tobte etwa eine halbe Stunde lang. Am Ende hatte ich eine raue Stimme und sie Handy-, Ausgeh- und Freundinnenverbot, bis Mathe für dieses Schuljahr geschafft ist. Rosa weinte, Rosa fügte sich - fürs Erste. Dann kamen schon wieder die ersten Versuche, an Handys ran- und bei der Tür rauszukommen. Und ich? - Ich wusste: „Karen, jetzt musst du zur strengen Kammer auf zwei Beinen werden. Wenn du jetzt wieder nachgibst, hast du in puncto Autorität für immer bei ihr ausgeschissen." Nun, was soll ich sagen, es war eine interessante neue Erfahrung. Zwei Wochen lang aufpassen wie ein Gefängniswärter im Hochsicherheitstrakt, dass keine der neuen Regeln gebrochen wird; das Handy und andere Belustigungen eisern zu verweigern - unglaublich, wie streng man als strenge Mutter mit sich selbst sein muss. Irgendwann, als ich mir einmal völlig fertig fünf Minuten auf dem Liegestuhl im Garten gönnte, hatte ich diesbezüglich ein Aha-Erlebnis. Mir wurde nämlich klar, dass „streng", „anstrengend" und das englische Wort für Kraft „strength" nicht von ungefähr denselben Wortstamm haben dürften. Die Überlegung, dass es zur Strenge die Stärke braucht und diese also irgendwo eine positive Sache ist, verblüffte mich. Ich hatte das Wort bislang immer nur mit so unsympathischen Gouvernanten wie dem unsäglichen Fräulein Rottenmeier aus Heidi assoziiert.

Abgesehen davon hatte ich seit meiner eigenen Teenie-Zeit eine persönlich gestörte Beziehung zu dem Wort. Es begann, als ich mit jugendlichem Ernst in die Welt blickte und meine Umgebung das gründlich missverstand. Denn wer will schon als 15-Jährige in der Disco ständig gefragt werden, warum sie „immer so streng" dreinschaue? Vor allem, da ich mich selbst eigentlich als den verständnisvollsten Menschen der Welt empfand. Ich konnte ja sogar verstehen, wenn mich jemand wegen meines Blicks nicht leiden konnte ...

Da ich also angeblich schon so furchterregend streng schaute, fühlte ich mich unwohl damit, auch wirklich streng zu sein. Das Ergebnis? - Eine Reihe von Menschen, die mir lustig auf der Nase herumgetanzt haben. Aber damit muss jetzt Schluss sein. Denn eine Mischung aus Zen-Meister und Domina zu werden, das ist doch eigentlich gar nicht so schlecht ...

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