Buch des Monats: Als die Tauben verschwanden

„Ich erwarte nicht, dass man einen 1.000-Seiten-Wälzer über Estonias Geschichte liest“, sagt Sofi Oksanen, die wichtigste finnisch-estnische Schriftstellerin der Gegenwart. In ihrem neuen Roman folgt man einer Estin und zwei Esten zur Zeit der deutschen Besatzung in den 1940ern und 20 Jahre später.

Frau Oksanen, wie haben Sie all die Fakten recherchiert?

Ich habe in historischen Archiven recherchiert, alte Propagandabücher und die Berichte der Geheimdienste gelesen und mit vielen Leuten gesprochen. Dadurch kam ich auch zum Titel des Buches. Viele Esten erinnerten sich an die deutsche Besatzungszeit, währen der sie Hunger litten und deshalb die Tauben aßen. Das war für sie äußerst seltsam.


Was lasen Sie in den Geheimdienstakten?

Das war der gruseligste Part der Recherche: zu sehen, dass die Geheimdienstler – Deutsche wie Sowjets – ohne Emotionen über Menschen berichteten. Die Nazis waren dabei, ihr Netzwerk zur Errichtung der KZs aufzubauen. Also wollten sie wissen, wie das estnische Volk auf Züge reagiert. 1941, nach der Massendeportation durch die Sowjets, hatten Esten Panik vor Zügen. Berichtet wurde lapidar, dass die Leute Züge nicht beachteten, weil sie selbst nicht darin sein wollten.


Angesichts der Ukraine-Krise haben Sie einen sehr aktuellen Roman geschrieben …

Wobei man sich das nicht unbedingt wünscht als Autor … Wichtig war mir, in meinem Buch zu zeigen, wie Okkupation eine ganze Gesellschaft infiziert. Wenn wir z.B. jetzt die Kriegsschlagzeilen über die Ukraine lesen, erfahren wir nur etwas über die Kämpfe – aber nie, was die Besatzung wirklich bedeutet.

Als die Tauben verschwanden

Buchtipp:

Als die Tauben verschwanden

Sofi Oksanen

€ 20,60, KiWi-Verlag

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