Brunnenpassage am Yppenplatz: "Solidarität statt Bobo-Hütte"

Mit Kunst das Zusammenleben fördern – egal woher man kommt oder wo man lebt. Das ist das Ziel der Brunnenpassage am Yppenplatz.

Als die Firma Steinway ein Klavier zum Yppenplatz lieferte, war die Verwunderung groß. Doch die Star-Pianistinnen Ferhan und Ferzan Önder wollten auch „mal für die Türken am Brunnenmarkt spielen“ und nicht nur für das typische Publikum im Konzerthaus. Wenn Anne Wiederhold-Daryanavard, die Leiterin der Brunnenpassage, solche Geschichten erzählt, dann ist sie sichtlich stolz. Denn genau das war ihr Ziel, als vor zehn Jahren das Haus mitten in Ottakring gegründet wurde: die aktive Teilhabe an Kunst zu fördern – egal woher man kommt oder wo man lebt.

Und seither hat sich viel verändert. „Früher haben die Leute unsere Idee bloß nett gefunden, heute ist sie notwendig“, ist die 43-Jährige überzeugt. Denn: „Das Zusammenleben in einer Stadt ist eine der größten Fragen unserer Zeit.“ Wien brauche diese Orte der Solidarität dringend. „Und sie sollten in einer internationalen Metropole ganz normal sein.“ Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

Wie hat sich die Brunnenpassage in den 10 Jahren ihres Bestehen verändert?

Anne Wiederhold-Daryanavard: Als ich hier das erste Mal im Jahr 2007 drin stand, war das wirklich noch eine Markthalle. Es war alles in orange, es standen noch die Kühlregale da. Man hätte sich nicht vorstellen können, dass da irgendwann einmal Kunst stattfindet. Am Anfang war alles noch klein und unvorstellbar. Jetzt ist es eine richtige Institution, wo ständig Programm ist.

Wir haben in 10 Jahren über 4000 Veranstaltungen gehabt. Wir können hier vor Ort eigentlich gar nicht mehr Menschen erreichen. Mit 25.000 bis 30.000 aktiv mitmachenden BesucherInnen jährlich, ist die Halle ausgelastet. Die Sichtbarkeit hat sich massiv verändert, vor allem in den letzten Jahren. Wir stellen in der Brunnenpassage auch die Frage, wie Kunst in die Gesellschaft hineinwirken kann. Wie sie sich positiv auf Zusammenleben und sozialen Zusammenhalt auswirken kann. Wir diskutieren, erproben, verwerfen.

Welche neuen Zugänge sind dazugekommen?

Wir sind viel internationaler geworden – ständig kommen Nachfragen aus anderen Ländern, wie man unser Konzept auch dort umsetzen kann. Weil das Thema auch immer wichtiger geworden ist. Vor ein paar Jahren wurde unsere Arbeit noch als „sehr nett“ bezeichnet, heute ist sie notwendig. Als Zeichen, dass Zusammenleben eine der großen Fragen der Menschheit ist. Wie kann man das unterstützen und fördern, wie kann etwas getan werden, damit die Menschen die Angst voreinander verlieren?

Das ist für mich die größte Veränderung: dass die Notwendigkeit immer stärker wurde. Und damit wir auch immer sichtbarer wurden. Wir sind ein Stück weit immer der Zeit voraus. Aber was passiert danach? Das ist derzeit die Frage, die wir uns jetzt stellen. Partnerschaften mit großen etablierten Kulturinstitutionen sind der nächste wichtige Schritt. Da gibt es solche großen Gräben in der Gesellschaft, und es braucht jahrelange Projekte, um sie zu schließen. Die einen sitzen eben in den Hochburgen, die anderen hier am Markt.

Spürt ihr die gesellschaftlichen Probleme in eurer Arbeit?

Ich bin sehr froh, dass wir zum Glück noch nie mit direkten Anfeindungen zu tun hatten. Sehr wohl ist es aber so, dass ganz viele unserer BesucherInnen, Mitwirkenden, unser Personal mit noch massiveren Diskriminierungen zu tun hat. Auf einer individuellen Ebene haben diese populistischen Hetzreden, und was im Netz passiert, durchaus heftige Auswirkungen. Vor zwei Jahren hat eine Kollegin gesagt, sie hat Angst, auf der Straße zu sein.

Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass auf der kollektiven Ebene zum Glück nie so war, dass wir als Haus beschimpft worden wären. Es ist aber viel präsenter für Menschen geworden, wie wichtig unsere Arbeit ist. Etwa aus der Stadtplanungssicht. Wie könnte man in der Architektur und Stadtplanung solche Orte andenken und schaffen? Wo gibt es heutzutage Orte für alle?

Was mir persönlich immer präsenter geworden ist, ist dass wir nicht kommerziell arbeiten. Das ist in der heutigen kapitalistischen, weltweit geprägten Gesellschaft etwas ganz Wunderbares.
Anne Wiederhold-Daryanavard

Welche Auswirkungen hat die Veränderung der Gegend rund um den Yppenplatz auf eure Arbeit?

Von den BesucherInnen habe ich das Gefühl, dass wir unsere Zielgruppen besser erreichen als je zuvor, obwohl diese Gentrifizierung stattfindet. Unser Ort entwickelt sich nicht zur Bobo-Hütte, wie vielleicht die ganzen Cafés drumherum. Im Gegenteil, wir arbeiten nicht-kommerziell. Der Ort ist über die lokale Nachbarschaft bekannt geworden, viele Geflüchtete nehmen einen weiten Weg auf, um hierherzukommen, weil sie hier sie selbst sein können, und nicht mit irgendwelchen Zuschreibungen konfrontiert werden.

Trotzdem: eine Kollegin, die hier eine Wohnung gesucht hat, hat obwohl sie hier aufgewachsen ist, nichts gefunden, was sie sich leisten kann. Das finde ich schlimm. Aber das betrifft natürlich ganz Wien, dass alles teurer wird. Viele kommen aber natürlich auf den Yppenplatz, um einen Café Latte zu trinken, und gehen wieder.

Ich wohne direkt am Yppenplatz und bei mir im Haus leben noch immer Leute, die die Toilette am Gang haben. Es gibt auch keinen Dachgeschossausbau. Aber klar: es hat sich verändert. Wobei viele Marktstandler auch sagen, dass es sich verbessert hat. Viele sind dankbar, dass sie einen beheizten Stand haben und nicht mehr auf der Straße bei Wind und Wetter arbeiten. Diese Aufwertung hat viele positive Aspekte, die Verdrängung ist wienweit ein Thema. Ich hab nicht das Gefühl, dass hier Verhältnisse herrschen wie am Prenzlauer Berg.

Der Yppenplatz in Wien ist in den letzten Jahren zu einem kulinarischen und kulturellen Hot-Spot geworden

Ist die österreichische Kunst- und Kulturszene vielfältig genug?

Da kann noch sehr viel getan werden. Das Thema Mehrsprachigkeit auf die Bühne zu bringen oder diese klassischen Rollenzuschreibungen zu brechen – ob jetzt die Blackfacing-Debatte, oder wer jetzt wie besetzt wird, aus optischen oder sprachlichen Gründen. Ich freue mich, dass viele Theatermenschen zu uns kommen und ihr Stück auch auf Arabisch oder Serbisch machen können – und genug Publikum dafür hier in Wien finden. Das sollte in einer internationalen Metropole ganz normal sein. Oft sind es in den großen Häusern aber einzelne Produktionen, und weniger, dass sich ein ganzes Haus ändert.

Statt zu sagen, dass man auch eine Produktion über Flucht aufnimmt – meistens auch sehr klischeehaft – wäre es natürlich viel interessanter, wenn die Institution insgesamt wach wird und realisiert, wie die Gesellschaft heute zusammengesetzt ist. Wenn sich im Personal, auf der Programmebene etwas ändert. Damit automatisch auch auf der Publikumsebene. Wenn Zusammenarbeiten zwischen großen Institutionen und lokalen Orten verstärkt stattfinden. Es bündelt sich leider noch immer alles im Zentrum.

Diversität sollte aber endlich etwas Normales werden. In der Wirtschaft ist es ja schon teilweise angekommen, aber in der Kultur ist es noch ein langer Weg.

An welchen Strukturen liegt das?

Leider gibt es schon immer noch welche, die denken, dass es eine bestimmte Leitkultur gibt. Die das Gefühl haben, man müsste Menschen, die keinen Zugang zu Kunst und Kultur haben, etwas Bestimmtes vermitteln. Doch es geht um eine transkulturelle Aneignung von Kunst, wo Menschen selber auch zu Mitwirkenden werden. Mir geht es überhaupt nicht darum, dass wir diese Hochburgen abbauen, sondern dass sich dort etwas transformiert und in der jetzigen Zeit ankommt.

Wir müssen immer mehr internationale Kooperationen starten, solidarische Vernetzung international fördern. Es ist einfach notwendig, das es solche Orte gibt. Gerade in Zeiten von repressiver Politik.

Die Ausstellung Sharing Stories. Dinge sprechen fragt, wie auch in Museen Geschichten unterschiedlicher Menschen so gezeigt werden können, dass sich diese als Erzählende darin erkennen. Sharing Stories hat 2015-2017 unterschiedliche Menschen eingeladen, einen für sie bedeutsamen Gegenstand mitzubringen und dessen Geschichte zu erzählen. Zudem wurden weitere Personen um ihre Sicht auf einzelne ausgewählte Gegenstände gebeten, um so unterschiedliche, vielfältige Sichtweisen zu ermöglichen.

Ab 25.10. gibt es für Interessierte die Möglichkeit, weitere Gegenstände zu bringen und ihre Geschichte zu erzählen. Information und Anmeldung für Interviews: sharingstories@weltmuseumwien.at

Öffnungszeiten der Ausstellung ab Fr 27.10. täglich außer Mittwoch, 10 bis 18 Uhr; Freitag bis 21 Uhr im Weltmuseum Wien, Heldenplatz

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