Brüder Bouroullec

Sie arbeiten für die Besten der Branche, und wollen dennoch keine Stars sein. Die Bouroullecs, mit Preisen überhäuft, bleiben lieber im Hintergrund. Für DIVA WOHNEN machte Erwan Bouroullec eine Ausnahme und plauderte über Depp, Design und Denkarbeit.

Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec wuchsen auf dem Land auf. Genauer gesagt in der Bretagne, in einem Haushalt, in dem Design eigentlich keine Rolle spielte. Doch das wiederum sollte in ihrem weiteren Leben keine Rolle spielen. Ronan studierte Design in Paris, Erwan ging in Cergy auf die Kunsthochschule. Ihr erstes gemeinsames Projekt »Disintegrated Kitchen« stellten sie 1997 auf der Mailänder Möbelmesse vor. Seit 1999 arbeiten sie in ihrem Studio in Paris zusammen. Ihre Auftraggeber sind die Besten der Branche - Cappellini, Kartell, Ligne Roset, Magis oder Vitra. Ihr Name steht für eine konzeptstarke Arbeit, die Funktionalität mit Lyrik verbindet. Erwan Bouroullec selbst ist schmal, auffällig unauffällig und spricht mit leiser Stimme.


Vor kurzem interviewte ich Ihren Designer-Kollegen Jasper Morrison: Er sagte, er würde sich selbst als einen Troubleshooter beschreiben. Was steht auf Ihrer Visitenkarte?
Ich bin ein Zweifler. Und das ist auch Teil meiner Arbeit. Mein Bruder und ich machen interessante Projekte, reproduzieren uns aber nicht selbst, das ist nicht unser Stil. Für mich ist ein guter Designer wie ein guter Schauspieler, jemand, der die Fähigkeit
hat, verschiedene Arten von Personen in verschiedenen Situationen zu interpretieren und trotzdem er selbst zu sein. Und es ist sehr kompliziert, Empathie für den Kontext aufzubringen und ihn auf intelligente Art zu interpretieren. Verstehen Sie?


Klar, welchen Schauspieler haben Sie da vor Augen?

Wenn ich jemanden nennen würde, der noch am Leben ist, dann denke ich, Johnny Depp ist ziemlich interessant. Seine Art und Weise, sich in einer Art »Märchensituation « wiederzufinden. Ja, ich denke, er hat diesen sehr speziellen Charme. Und mich selbst würde ich gern als jemanden mit einem Maximum an Empathie sehen. Empathie ist mir sehr wichtig.


Bei der Mailänder Möbelmesse haben Sie Ihre neueste Kreation »L'Oiseau« präsentiert - ein liegender Vogel aus Holz. Können Sie uns dazu mehr erzählen?
(Lacht.) Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin fasziniert von »primitiven« Zivilisationen, die Art, wie sie leben, die Feinsinnigkeit der Objekte, der Mix zwischen Hyperfunktionalität und unglaublichem Charme. Davon bin ich fasziniert, und speziell von Objekten, die diese Gesellschaftsform produziert, alle eher symbolische Objekte. Nehmen Sie zum Beispiel die Inuit: Sie leben in einer ziemlich komplexen Umgebung, haben aber wenig Material zur Verfügung. Also mussten sie aus so gut wie nichts etwas erschaffen. Ich finde es zum Beispiel sehr inspirierend, mich nach Kinderspielsachen von Inuit umzusehen. Sie zeigen immer eine sehr spezialisierte Art und Weise, Holz zu verwenden, eine kleine Menge Holz, um zum Beispiel ein kleines Kajak herzustellen, mit einer Figur darin. Das mag ich. Ich denke, man findet ähnliche Objekte auf der ganzen Welt - diese Objekte sind sehr wichtig, sie haben viel Charme. Vielleicht wirken sie etwas altmodisch oder unnötig, aber für mich ist das ein Ausdruck der Fantasie, von Feinheit - das ist etwas sehr, sehr Wichtiges. Was ist die Atmosphäre, die ein Objekt seiner Umgebung verleiht, was ist der »Impact« der Form im Raum? Deshalb der Vogel für Vitra.

Ist der Vogel nicht auch eine Hommage an den »Eames House Bird«?
Sie wissen vielleicht, dass wir immer selbst die Fotos schießen, wenn wir können. Für Vitra haben wir vor einigen Jahren Fotoshootings gemacht - und da gibt es ein sehr bekanntes Bild vom »Wire Chair« von Eames, das Eames selbst mit seiner Frau geschossen hat, und da ist auch dieser Vogel auf dem Stuhl. In einem Buch über Eames' Haus entdeckte ich den Vogel auf einem Regal, also fragte ich, ob er einverstanden sei, wenn ich diesen Vogel fürs Shooting reproduziere, und er stimmte zu. Und das ist ein großartiger Vogel. Er ist nicht von Eames gemacht, Eames kaufte ihn selbst irgendwo, einfach nur ein großartiges Objekt. Ich denke, das war eine gute Idee.


Können wir Bouroullec-Design in Ihrer eigenen Wohnung finden?

Ich habe selbst keine Designobjekte in meiner Wohnung. Ich mag es nicht, davon umgeben zu sein. Irgendwie würde mich das zu sehr ablenken.


Ein andere Frage: Ist Humor ein wichtiger Bestandteil des Designs?

Ja, Humor und Finesse zu gleichen Teilen. Ich mag simple Objekte. Minimalismus und stylishe Accessoires enttäuschen mich aber. Ich brauche einfache Objekte, aber mit einer bestimmten Sinnlichkeit, einer bestimmten Raffinesse. Ein gutes Objekt setzt sich aus einer großen Anzahl unterschiedlicher Elemente zusammen. Preis, Gewicht, Komfort, ein gewisser Wohlfühlfaktor, die Intelligenz des Objekts. Und natürlich das Unternehmen, für das man das Objekt kreiert, und die Frage nach dem Warum.


Wie groß ist Ihr Anteil während eines Designprozesses und wie groß der Ihres Bruders?

Das ist wirklich immer ein Mix. Es ist unmöglich, das in Prozenten auszudrücken. Wir verschwenden keine Zeit damit, uns kreative Anteile zu erkämpfen.


Sind Sie immer der gleichen Meinung?

Nein. (Lacht.) Wir arbeiten auf der Basis, dass wir versuchen, am Ende das Beste voneinander zu bekommen. Wir halten nichts vom Weg des geringsten Widerstandes oder von Mittelmaß. Wir müssen immer sehr, sehr überzeugt sein. Design ist ein kollektiver Prozess, wir selbst eine kollektive Intelligenz. Wir können sehr gute Ideen haben, brauchen aber eine gute Company, um sie zu verbreiten. Wir sind sehr wichtige Partner im Projekt, benötigen aber eine geeignete Umgebung. Besonders am Anfang jedes Projekts ist es sehr schwierig, weil Kreativität ein komplexer Prozess ist.


Wie frei können Sie im Designprozess sein? Werden Ihnen von den Labels, mit denen Sie arbeiten, Richtlinien vorgeschrieben?

Nein, nein. Ich bin wirklich vollkommen frei. Ich fühle mich auch frei. Ich bin in der sehr luxuriösen Situation, dass ich meiner wahren Leidenschaft auch als Beruf nachgehen kann. Ich liebe es, jeden Tag etwas Neues zu entdecken, zu entwerfen. Noch dazu ist dieses Unternehmen wie eine Familie für mich - eine sehr italienische Situation (lacht).

»Für mich ist ein guter Designer wie ein guter Schauspieler. So wie Johnny Depp zum Beispiel. Ich mag seine Art und Weise, sich immer in einer Art Märchensituation wiederzufinden.«
Erwan Bouroullec, Designer

»Wir sind nicht immer einer Meinung, aber wir versuchen am Ende das Beste voneinander zu bekommen.«
Erwan Bouroullec über seine Arbeit mit Ronan

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