Brexit? "Let's not talk about it"

England vor dem Brexit. Was denken die Menschen dort wirklich? Eine Bestandsaufnahme von WIENERIN-Autorin Martina Parker.

„Auf Brexit“, sagt meine britische Freundin Sarah und hebt das Sektglas. Es ist Weihnachten und mir bleibt der Truthahn im Hals stecken. Alle am Tisch starren sie an. „Ok, let's not talk about it“, sagt sie und grinst schief: „Mag noch jemand Preiselbeersauce?“

„Let's not talk about it“, ist derzeit ein viel gehörter Satz, wenn die Rede auf den Brexit kommt. Denn die Volksentscheidung, dass das Vereinigte Königreich die EU verlassen wird, hat die ganze Nation gespaltet. Und die Bruchlinie geht quer durch Familien, Partnerschaften und Freundeskreise.

Über den Brexit spricht man nicht

Sarah hat für den Brexit gestimmt, weil sie glaubt, dass die Kohle, die England an die EUzahlt, dann ins nationale Gesundheitssystem (NHS) gesteckt wird. Die führenden Vertreter der "Vote Leave"-Kampagne fuhren mit einem roten Bus durch das Land, an dessen Seite stand: "Wir schicken jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU. Lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren." Die Zahl war eine glatte Lüge und von dem Versprechen haben sich die Brexitbefürworter nach der Abstimmung rasch distanziert. Aber die Lüge und das falsche Versprechen fielen bei Sarah und vielen Briten auf fruchtbaren Boden.

„Das nationale Gesundheitssystem ist nämlich eine Katastrophe“, sagt Sarah: Man bekäme ja gar keine Ärztin mehr zu Gesicht. Eine Pflegeexpertin entscheidet, ob man überhaupt krank genug für eine ärztliche Begutachtung sei. Letzten Winter war Sarah dreimal hustend und fiebernd bei der Nurse. Als sie endlich zu einem Mediziner weiter geleitet wurde, hatte sie bereits eine verschleppte Lungenentzündung.“ Nach dem Brexit wird so was nicht mehr passieren, hofft sie. Österreich hält sie, was die Krankenversorgung anbelangt, für das gelobte Land. Allerdings hat sie eine Schnappatmung bekommen, als sie einmal meinen SVA-Erlagschein gesehen hat. In England gibt es kein Beitragssystem, die Krankenversorgung wird rein über Steuern gedeckt. Und das mehr schlecht als recht.

„Let's not talk about ist“, heißt es auch wenn ich meinen Freund Sam treffen. Sam ist ebenfalls für den Brexit, weil er ein Tory – also ein britisch Konservativer - ist.

Die Brexitbefürworter wettern gegen die Einwanderer aus Osteuropa, die angeblich nur wegen der Sozialleistungen kommen. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie Sam für den Brexit sein kann, wo seine Großeltern doch selbst Osteuropäer waren, die auf der Flucht vor den Nazis von England aufgenommen wurden. „Hätte Großbritannien ihnen nicht Asyl gewährt, würde es dich gar nicht geben!“, hat ihm letztens eine Freundin an den Kopf geworfen. Aber die Diskussionen führen zu nichts, sie reißen nur Sprünge in die immer brüchiger werdende Freundschaft. Also sagen wir besser: Let's not talk about it. Aber wir fragen uns, wie viel ist eine Freundschaft noch wert, wenn man über weltbewegende Dinge nicht mehr reden kann.

"Waren die immer schon Rassisten und warum habe ich das nie bemerkt?"

Meine Freundin Hannah ist Deutsche und lebt ihr ganzes Erwachsenen-Leben lang in England. Fast genauso lang zahlt sie die Raten für ihr Reihenhaus in Nordlondon ab. Es heißt, die Häuser werden nach dem Brexit stark an Wert verlieren. Hannah ist freiberuflich beim Film. Zahlreiche Projekte sind europäische Co-Produktionen. Im Moment ist vieles „on hold“. Keiner weiß, wie es nach dem Brexit weiter geht. Viel mehr als die berufliche Unsicherheit kümmern sie aber der neu entflammte Nationalismus, der mit der Anti-Europahaltung einhergeht. Die abfälligen Kommentare, die Engstirningkeit, der Populismus. Hannah zog einst aus einer deutschen Kleinstadt nach London, weil sie es weltoffen, international, liberal fand. „Viele meiner Kollegen sind das immer noch, aber bei anderen frage ich mich: Waren die immer schon Rassisten und warum habe ich das nie bemerkt?“ So was stellt das ganze Weltbild auf den Kopf.

Menschen mit einer pro-europäischen Haltung glauben ja oft, dass die Briten inzwischen ihren Fehler eingesehen hätten. Dass sie bemerkt hätten, dass sie von gewissenlosen Politikern manipuliert wurden und deswegen bei einem zweiten Referendum mehrheitlich für den Verbleib in der EU stimmen würden. Aber Hannah glaubt, dass das nicht stimmt: „Die meisten Briten sehen ihr Land nicht als Teil von Europa.“ Wenn ich nach Deutschland gefahren bin, hat es auch schon früher immer geheißen: Fährst Du nach Europa?“ „Aber England gehört doch auch zu Europa!“, habe sie dann gesagt.“ „England ist eine Insel“, hieß es dann: „Europa ist der Kontinent!“

Je näher der Brexit rückt, desto schwärzer wird der Galgenhumor. Auf Etsy kann man sogar Scherzartikel wie Nigel Farage Vodoo Puppen kaufen.

Und natürlich häufen sich auch Brexitwitze. Wobei die „Enter the Europe Witze“ gerade besonders populär sind. Diese Redensart bedeutet nämlich nicht nur der EU beitreten, sondern auch: jemanden aus Europa flachlegen.

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