Brauchen wir eine andere Fehlerkultur?

Fehler zu machen scheint in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen zu sein. Das macht den Umgang mit ihnen so schwierig – egal, ob es um soziale Themen wie Feminismus und Nachhaltigkeit oder um Job und Beziehung geht.

Fehlerkultur
Wer sich online an Debatten zu Feminismus, Rassismus oder Nachhaltigkeit beteiligt, lernt schnell: Fehler darfst du dir in der Community keine erlauben – sei es, die falschen Begriffe zu verwenden oder nicht auf dem neuesten Stand zu sein. Ist fehlende Fehlertoleranz der Grund, warum sich die Linke so oft selbst zerfleischt? Wir haben mit ­Nachhaltigkeitsexpertin Nunu Kaller (Kauf mich! Auf der ­Suche nach dem guten Konsum; Kremayr & Scheriau, € 22,–) über die toxische Fehlerkultur gesprochen.

Wir sind in der Redaktion beim Thema Fehlerkultur schnell auf Angela Merkel gekommen, die heuer quasi zum "ersten Mal" ­gesagt hat: "Ich habe einen Fehler gemacht." Und plötzlich haben alle Zeitungen darüber geschrieben …

Nunu Kaller: Ich habe das gefeiert! Genau so sollte es gehen. Ich halte es für einen Beweis von Stärke, zu sagen: "Hey, ich hab da was falsch gemacht. Ich versuche, es besser zu machen." Das erfordert Mut.

Du stehst öffentlich für das Thema Nachhaltigkeit ein. Wie sehr ist man da unter Druck, ja nichts falsch zu machen?

Bei mir selbst spüre ich das nicht so sehr. Aber was mir echt oft auffällt bei einer sehr großen Influencerin: Die wird für jeden kleinen Dreck kritisiert – von der falschen Nagellackfarbe bis zu "Sie lebt Veganismus falsch", wo du dir denkst: "Das ist euer Problem?" Ich sage gerade im Bereich der Nachhaltigkeit: Man kann nicht alles richtig machen. Wenn du die gesamte Last des Klimawandels auf deine Schultern legst, hast du erstens kein schönes Leben, bist zweitens chancenlos und drittens nach drei Wochen nur noch frustriert. Also wenn etwas gerade nicht so ist, wie ich es mir selbst vorschreibe – ja, dann mache ich es am nächsten Tag halt wieder richtig.

Auch wenn man sich an Feminismusdebatten beteiligt, fällt auf: Fehler werden nicht leicht verzie­hen. Ist das auch deine Erfahrung?

Ich sehe das so: Es gibt immer ein übergeordnetes Ziel. Es gibt beim Feminismus das Ziel, das Patriarchat niederzureißen. Darum geht es. Aber es gibt doch nicht nur einen Weg dorthin. Sich gegenseitig Dinge vorzuwerfen – was bringt das? Ich sehe auch einen Unterschied, ob ich mich mit einer Person anlege und sage "Du bist schlecht und du machst das falsch", oder ob ich mich mit Unternehmen anlege und sage: "Hey, ­Leute, ihr habt schon eine Verantwortung!"

Oft geht es nur um einzelne ­Begriffe und feine Nuancen. Sind diese kleinen Unterscheidungen so wichtig?

Ich glaube, es ist wichtig, auf unbewusste Strukturen hinzuweisen. Ich habe in meiner Kindheit auch "bis zur Vergasung" gesagt – weil es einfach alle gesagt haben. Natürlich ist Sprache ein fließender Prozess. Und das Hinweisen – "Hey, Moment, das hat den und den Hintergrund!" – finde ich total gut. Aber der Ton macht die Musik: Beschimpfe ich die Person gleich, was ihr eigentlich einfällt, dass sie das sagt? Oder sage ich: "Du, pass auf, ‚bis zur Vergasung‘ kommt aus dem KZ-Bereich – ned so schlau, das zu verwenden."

Ist das nicht ganz stark ein Fight innerhalb der linken Bubble?

Sehr oft. Es gab letztens in der ­feministischen Community zwei Shitstorms, und ich habe dann ein Posting gemacht und gesagt: "Leute, hört bitte auf, euch gegenseitig zu bashen, ihr seid damit Erfüllungsgehilf*innen des Patriarchats, wenn Frauen sich gegenseitig erklären, was die andere nicht tun darf oder falsch macht." Jede Frau hat das Recht, sich zu äußern! Ich habe danach unfassbar viele Privatnachrichten bekommen, die mir zugestimmt haben, aber das nicht öffentlich tun wollten.

Warum eigentlich nicht?

Ich glaube, weil es hart ist, sich dieser Kultur entgegenzustellen. Das Traurige ist, oft denke ich mir: "Wieso gehst du eigentlich auf mich los? Wir haben das gleiche Ziel."

Woher kommt diese Fehler­suche, dieser Genuss, die Leute auf ihre Fehler hinzuweisen?

Ich glaube, das sollte ein*e Psycho­log*in beantworten. Aber in neun Jahren Kampagnenarbeit zum Thema Konsum habe ich keine ­einzige Person erlebt, die durch Shaming in guten Konsum hineingepusht wurde. Das geht nicht. Du musst die Leute positiv abholen. Ohne dieses "Wie kannst du nur? Du bist ein böser Mensch!" – da greife ich mir an den Schädel. Es mag ja das Ziel stimmen, aber man muss sehen, dass es unterschiedliche Wege dorthin gibt, und sich gegenseitig akzeptieren.

Warum ist das so schwierig?

Ich glaube immer mehr, dass es mit diesem Bild von Perfektion zu tun hat, das uns immer vermittelt wird: In der Werbung, in Social Media, in den Magazinen sind alle perfekt. Dir wird das "richtige" Leben vorgelebt – damit kann man in der Realität kaum mithalten. Da ist es eine natürliche Reaktion, dass man erst mal den Haken beim anderen sucht.

Wir werden ja schon von Kindheit an, spätestens ab der Schule, auf Fehlersuche getrimmt …

In meiner Kindheit war Schule natürlich ein Thema, aber meine Noten waren meinen Eltern ziemlich wurscht. Dadurch bin ich mit weniger Druck aufgewachsen. Meine Mutter und meine Großmutter haben, wenn etwas nicht gepasst hat, immer gesagt: "Es ist so." Ich habe mir das sogar auf den Knöchel tätowiert, weil es mich erdet. Ich kann entweder völlig auszucken oder sagen: "Okay, es ist so – und wie mache ich weiter?" Und wenn mir jemand gegenübersitzt, und ich finde, der hat die ultimative Trottelmeinung: "Es ist so."

 

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