Brauche ich eine beste Freundin?

Früher hatte ich eine beste Freundin, heute hat sich das verändert. Ist ein*e beste*r Freund*in wichtig für unser Wohlbefinden?

Beste Freund*innen

Während der Schulzeit gab es zwei verschiedene Arten von Mädchen in meiner Klasse. Diejenigen mit engen Freundesgruppen, wo man nicht genau definieren konnte, wer am engsten befreundet war. Und diejenigen (wie mich), die eine beste Freundin hatten. Eine ride or die, the one, soul sister, my PERSON. Wie in einer guten Beziehung war ich damit vollständig zufrieden und erfüllt und hab mich auch nicht weiter umgeschaut. Ich war schließlich versorgt. I had found the one.

Wir wurden erwachsen

Vermutlich können sich viele denken, wie die Geschichte ausging. Wir wurden erwachsen. Ich habe das große Glück, mit dieser tollen Frau, die schon im Kindergarten meine BFF war, nach wie vor gut befreundet zu sein. Würde ich sie als meine beste Freundin bezeichnen? Nein.

Das liegt nicht mal zwingend daran, dass wir uns auseinandergelebt haben (zugegeben, wir hatten Anfang 20 ein paar schwierige Jahre), sondern dass ich meine Definition von Freundschaften geändert habe. Ich habe Menschen in verschiedenen Intensitäten, für verschiedene Momente. Nicht eine Person, die alles abdeckt. Vor kurzem habe ich ein Modell in der Psychologie gefunden, dass diese Definition ganz gut erklärt und zwar die Dunbar-Zahlen.

150 wichtige Menschen

Laut Freundschafts-Forscher Robin Dunbar hat jede*r von uns rund 150 Beziehungen gleichzeitig in unserem Leben. Es ist fast unmöglich, mehr gleichzeitig zu betreuen und am Leben zu erhalten. Als ich diese Zahl am Anfang gelesen hab, habe ich mir zuerst gedacht, das muss ein Schreibfehler sein. Ich meine, 150 Menschen?! Das ist eine Menge. Robin Dunbar bricht diese aber in verschiedene Gruppierungen herunter. Sieht man sich das an, so macht die Zahl durchaus Sinn:

Verschiedene Intensität

Jede*r von uns hat laut seiner Rechnung rund 1,5 Personen, die intime Freund*innen sind. Meist sind das die romantischen Lebens-Partner*innen, aber nicht immer. Die nächste Gruppe sind enge Freund*innen, die wir um zwei Uhr früh mit einem Problem anrufen würden, an deren Schultern wir uns ausweinen und die alles stehen und liegen lassen, um uns zu helfen. Diese Gruppe umfasst 5 Menschen, wobei die intimsten Menschen aus Gruppe 1 schon inkludiert sind.

Jede Gruppe wird nun größer, die nächste (gute Freund*innen) umfasst 15 Menschen. Das ist der innere soziale Kreis, Menschen, mit denen man Hobbys teilt, gerne Zeit verbringt, mit denen wir Spaß haben. Hätten wir Kinder, wären sie die Menschen, in deren Obhut wir, ohne zu zögern, unsere Kinder lassen würden. Das sind gute Freund*innen. In diese 15 Menschen sind die 5 aus der Gruppe enge Freund*innen inkludiert. Also insgesamt sind es 5 enge Freund*innen und 10 gute Freund*innen.

Hochzeitsgesellschaft

Jetzt wird es nochmal größer. Gruppe 3 umfasst 50 Personen und das sind einfach Freund*innen. Es sind die Menschen, die man zu einer größeren Grillfeier, einer Geburtstagsfeier oder Ähnliches einladen würde. Menschen, mit denen man eine gute Zeit hat.

Jetzt kommen wir zur letzten Gruppe, Gruppe 4. Hier sind wir dann bei den 150 Personen. Das sind die Menschen, die zu Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen kommen. Wir sehen sie nicht dauernd aber sie nehmen doch in irgendeiner Weise einen Stellenwert in unserem Leben ein.

Wieder muss man bedenken, in jeder Gruppe sind die Personen aus der Gruppe davor inkludiert. Die Hochzeitsgesellschaft zum Beispiel besteht also aus den intimen, engen, guten, normalen Freund*innen und den Bekannten. So kommen wir auf die 150.

Glücklich und zufrieden

Wer nun aufmerksam seinen sozialen Kreis durchdenkt, wird schnell merken, dass an der Rechnung was dran ist. Bei mir zumindest. Deshalb finde ich es auch völlig in Ordnung keine beste Freundin mehr zu haben, sondern mehrere Freund*innen, bei denen ich weiß, dass ich jederzeit auf sie zählen oder mit ihnen Spaß haben kann. Übrigens: Für die Zufriedenheit ist es nicht wichtig, eine beste Freund*in zu haben. Laut einer Studie von Degges-White aus dem Jahr 2021 reichen im Erwachsenenalter 3 bis 5 gute Freund*innen völlig aus, um zufrieden zu sein!

 

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