Bratislava "ertwittert"

Lasst den "Lonely Planet" daheim, echte Insidertipps gibt´s bei Reisen mit Twitter. Redakteurin Julia Wilczoc ließ sich zur Probe durch Bratislava „zwitschern“. Kommen Sie mit!

In den USA gehören Begriffe wie Twittertripping oder TwiTrip längst zum Grundwortschatz, hierzulande entlocken die kryptischen Worte den Zuhörern meist nur fragende
Blicke. Dabei ist das Prinzip dahinter schnell erklärt: Man lässt sich über die 140 Zeichen kurzen Twitter-Nachrichten (sogenannte Tweets) von Ortskundigen durch eine x-beliebige Stadt leiten. Klingt einfach? Ist es auch!

Vor dem Selbsttest kam jedoch die Frage auf: Kann eine Mikroblogging- Seite besser sein als bewährte Reiseführer? Um das zu ergründen, begebe ich mich samt Fotografin an einem Februarmorgen ins von Wien aus benachbarte Bratislava, und zwar ganz ohne besagte Reiseführer, sondern lediglich mit meinem Internethandy in der Tasche. Zwei Wochen zuvor hatte ich mich bei Twitter angemeldet und dort die Frage „I'm going to Bratislava. Any suggestions for cool places?" in den Äther geworfen. Schon wenige Tage später konnte ich mich vor Vorschlägen kaum retten, die brav notiert wurden.

Das Reiseziel erreicht, entpuppt sich tatsächlich gleich der erste Tipp aus meinem neu gewonnenen Twitter-Freundeskreis als touristischer Volltreffer: Das auf einer Halbinsel inmitten des Donaustroms gelegene Danubiana Meulensteen Art Museum (nahe dem Cunovo-Wasserwek) beherbergt auf zwei Etagen moderne Werke slowakischer und internationaler Künstler. Der angrenzende Skulpturenpark glänzt mit noch mehr Kunst und einem berauschenden Blick auf das Dreiländereck Slowakei / Österreich / Ungarn.

So geht's:
■ Unter www.twitter.com registrieren und mit Freunden vernetzen.
■ Wer schon länger dabei ist und viele Follower hat, hat’s leichter, in der Wunschreisestadt Twitter-Kontakte zu finden. Einfach Fragen wie „Looking for a cheap hotel in Bratislava“ in den Äther tweeten und auf Antworten warten.
■ Twitter-Neulinge geben die gewünschte Stadt in die Suchfunktion ein und schreiben die so gefundenen Kontakte direkt an. In Bratislava“ in den Äther tweeten und auf Antworten warten.

Auf der Fahrt in die circa 15 Kilometer entfernte Innenstadt sieht es ganz so aus, als würde unsere Reise verfrüht enden. Was keiner meiner Follower (User, die meine Tweets verfolgen) vorhersehen konnte: Wir biegen falsch ab und landen auf einer tiefverschneiten Straße. Die Räder drehen durch, wir stecken fest. Nach minutenlangem Buddeln und Fluchen naht plötzlich die Rettung - ein anderer Wagen befreit uns. Bratislava, wir kommen, jetzt erst recht!

Zur Antwort auf den Schock knurren unsere Mägen. Doch wohin, wenn man zum ersten Mal in einer Stadt ist? Tweet, tweet - ein Twitter- Freund der ersten Stunde schlägt den Slovak Pub (Obchodna 62) vor. Dort ist es, Holzofen und Karodecken sei Dank, richtig gemütlich. Vor allem ist der Laden proppenvoll - so viele junge Leute können nicht irren. Die mit slowakischen Spezialitäten wie Kartoffelnockerln mit Speck und Piroggen gespickte Speisekarte ist nichts für Entscheidungsmuffel. Wir verputzen nach längerem Überlegen ein leckeres Sauerkrautgericht und wagen uns nur ungern zurück in die Kälte.

„Wo bitte geht's jetzt hier zum Shoppen?", wollen wir wissen. Das fragen sich laut meinen Internetbekannten selbst die Einheimischen, denn ich empfange via Twitter den Hinweis, dass Bratislava zwar eine super Stadt, zum Einkaufen jedoch gänzlich unspannend sei. Ein Blick um die eigene Achse genügt, um das zu bestätigen: Weder die Kramläden und Modeketten auf der tristen Einkaufsmeile Obchodna noch die großen Einkaufstempel am Stadtrand laden zum Shopping-Exzess ein. Macht nichts, wir wollen sowieso lieber die Stadt erkunden, als unsere Konten auszuschlachten. Mehr Sightseeing steht auf dem Programm, ausnahmsweise einmal nicht von Twitter, sondern von realen Freunden angeregt.

Wir trotzen Schnee und Eis und erklimmen den Felsen, auf dem die Burg Bratislava thront, schließlich eines der Wahrzeichen der slowakischen Hauptstadt. Pflichtprogramm hin oder her, dort oben ist es, pardon, schweinekalt. Als wir unsere Füße nicht mehr spüren, lassen wir die mächtige Burg einfach Burg sein und flüchten ins Warme.

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