#BoycottMulan: Alles, was Disney bei der Mulan-Neuverfilmung falsch gemacht hat

'Mulan' war eine der am sehnlichsten erwarteten Live-Action-Versionen eines Disney-Klassikers. Davon kann keine Rede mehr sein: Eine Woche nach Veröffentlichung gibt es bereits einen Hashtag, der zum Boykott des Films aufruft. Was es am neuesten Disney-Film zu kritisieren gibt.

Warum ein Hashtag zum Boycott von Mulan aufruft

Es hätte ein weiterer milliardenschwerer Blockbuster für Disney werden sollen. Die Formel klang vielversprechend: eine bekannte Story mit viel Raum für Nostalgie. Genug kulturelles Bewusstsein, um ein asiatisches Volksgedicht tatsächlich mit einem rein asitatischen Cast zu erzählen. Eine atemberaubende Cinematographie, aufregende Kampfszenen und dann noch ein bisserl female empowerment. Fertig ist der progressive Film-Hit 2020?

Diesmal nicht. Was sich in kritischen Worten der vergangenen Wochen bereits angekündigt hat, ist nun wahr geworden: Knapp eine Woche nach dem weltweiten Release ist Mulan ein gesellschaftspolitisches Fiasko mit Tragweite und dem eigenen Anti-Hashtag #BoycottMulan. Warum man dem neuesten Disney-Film tatsächlich skeptisch gegenüber treten sollte.

Da filmen, wo Menschenrechtsverletzungen passieren

Die Dreharbeiten zu Mulan fanden in der chinesischen Provinz Xinjiang in Zentralasien statt. Die Region ist ein autonomes Gebiet der Uigur*innen. Seit den 1990ern protestiert die Volksgruppe regelmäßig gegen die chinesische Zentralregierung und für eine eigenständige Republik. Ein vermehrter Zuzug von Han-Chines*innen hat die Lage zusätzlich verschärft.

Aktuell ist der Konflikt auf einem menschenrechtsverachtenden Höhepunkt. Die chinesische Regierung "hält Millionen oder mehr Menschen, die zu muslimischen Minderheiten gehören, in Internierungsscamps fest", schreibt die New York Times schon im Dezember 2019. Aktuelle UN-Schätzungen gehen von einer Million Menschen aus, die "willkürlich in Internierungslagern festgehalten und dort politisch und kulturell indoktriniert werden." Die Inhaftierten sind hauptsächlich Uigur*innen. Offiziell werden die Lager als "Umerziehungscamps" bezeichnet, die "die Sicherheit erhöhen sollen", wie die BBC schreibt. Dagegen sprechen Berichte von tiefgreifenden Menschenrechtsverletzungen: Zwangsarbeit, Zwangssterilisation, Zwangsabtreibungen und Indoktrinierung.

Erste Berichte über solche Internierungscamps gab es bereits 2017. Disneys Produktionsteam verbrachte zu dieser Zeit mehrere Monate damit, die Region zu erkunden. Als "legwork research, bevor die Kameras filmen", formulierten sie es in einem Artikel des Architectural Digest. Regisseurin Niki Caro postete im September 2017 ein Foto einer Sanddüne in Urumqi, der Hautstadt von Xinjiang. Inzwischen sammeln sich unter dem Posting mit Kommentaren der #Boykott-Mulan-Bewegung. "Wunderschöne Aufnahme, aber wo sind die Menschen?", schreibt ein User. "Achja, stimmt ja, sie sind in Konzentrationslagern interniert."

Ein Dankeschön für Internierungslager?

Im Abspann dankt Disney acht Regierungsorganisationen in der Xinjiang Provinz, darunter das Public Security Bureau (PSB) in Turpan. Die Stadt im Nordosten Xinjiangs soll mehrere Indoktrinierungslager beherbergen, das PSB soll für die Administration dieser Lager verantwortlich sein. Weiters wird auch die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des CPC Xinjiang Uighur Kommitees erwähnt, einer Behörde der Kommunistischen Partei Chinas.

"Mulan bedankt sich ausdrücklich bei der Öffentlichkeitsarbeit der CPC Xinjiang", schreibt die in Hong Kong geborene, britische Autorin Jeannette Ng auf Twitter. "Ihr wisst schon, da wo der kulturelle Genozid gerade stattfindet."

Eine Userin findet noch drastischere Worte: "Das ist genau so, als würde man einen Film in Deutschland drehen und den Nazis für ihre Hilfe danken."

Hauptdarstellerin für die Polizei in Hong Kong

Im Sommer 2019 brachen in Hong Kong weitreichende Proteste gegen die Peking-nahe Regierung aus. Waren die Demonstrationen zu Beginn noch friedlich, entwickelten sie sich nicht zuletzt wegen des brutalen Vorgehens der Polizei gegen Demonstrant*innen und expliziten Drohungen mit militärischer Gewalt seitens der chinesischen Zentralregierung zunehmend zu einem gewaltsamen Volksaufstand.

Mulan-Darstellerin Liu Yufei drückte im vergangenen Jahr mehrmals ihre Unterstützung für die Polizeigewalt in Hong Kong aus: "Ich unterstütze Hong Kongs Polizei, ihr könnt mich nun schlagen", postete sie im August 2019 auf der chinesischen Social Media Plattform Weibo. Yifei, die die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, hat ihre Aussagen in späteren Interviews nicht widerrufen. Donnie Yen (Kommandant Tung) hat sich ebenfalls gegen die pro-demokratischen Proteste gestellt. Vertreter*innen des Pro-Demkoratischen-Lagers in Hong Kong setzen sich deswegen auch für #BoycottMulan ein.

Wie war das nochmal mit der Repräsentation?

Hua Mulan ist die Heldin eines alten, chinesischen Volksgedichtes. Die Geschichte ist ungefähr 1500 Jahre alt. Wie es sich für die zeitgemäße Erzählung einer solchen Geschichte gehört, sind auf der Leinwand alle Mitwirkenden Asiat*innen. Disney hat zumindest den ersten Teil der Repräsentation halbwegs richtig hinbekommen. (Chines*innen beschweren sich online zuhauf über stereotype und schlicht falsche Akzente.)

Hinter der Kamera sieht es aber ganz anders aus. Regisseurin, Kostümdesignerin, Drehbuchautor*innen, Cinematographie, Schnitt und die Casting-Direktion: Für die wichtigen Positionen in der Filmcrew hat Disney keine einzige Person mit chinesischem Background verpflichtet. Wohl aber sollen sie eine uralte Geschichte authentisch erzählen. Wie soll das gehen, wenn keine Verbundentheit zur Kultur besteht?

Bi-Erasure statt einer LGBTIQ-Geschichte

Apropros Repräsentation: Die ging beim Verzicht auf die Liebesgeschichte zwischen Mulan und dem Offizier Li Shang auch auf der Leinwand verloren.

Li Shang ist wohl einer der ersten bisexuellen Charaktere im Disney Universum, auch wenn das so niemals jemand offiziell ausgesprochen hat. Die sexuellen Spannungen zwischen Mulans männlichem Alter Ego Ping und dem kommandierenden Offizier sind subtil genug, dass sie von Unaufmerksamen gerne übersehen werden. Aber sie sind doch sehr eindeutig vorhanden. In der Community ist Li Shang eine Ikone - und wäre für die Repräsentation so wichtig gewesen. Stattdessen hat man ihn komplett aus dem Skript gestrichen, seine Figur auf zwei Charaktere aufgeteilt. Kritiker*innen bezeichnen romantischen Ersatz bestenfalls als "farblos".

Man wollte keine Beziehung aus einem unausgeglichenen Machtverhältnis zeigen, so Produzent Jason Reed. "Gerade in Zeiten von #MeToo hielten wir es nicht für angebracht, dass ein kommandierender Offizier gleichzeitig die Liebesbeziehung sein sollte." In der LGBTIQ-Community stieß das auf Unverständnis: Es sei zwar wichtig, Machtverhältnisse zu berücksichtigen - in der Beziehung zwischen Mulan/Ping und Li Shang wäre Missbrauch aber nie ein Thema gewesen. Letztendlich ginge es Disney nur darum, den queeren Kontext zu entfernen, so die Kritik.

Soll man Mulan boykottieren?

In China ist Mulan bereits gefloppt: Auf der Review-Seite Douban hat es ein Rating von 4,7/10. Am Eröffnungswochenende spielte der Film geschätzt 23,2 Millionen US-Dollar ein. Zum Vergleich: Der König der Löwen konnte letztes Jahr am ersten Wochenende 54 Millionen US-Dollar einnehmen und Christopher Nolan’s aktueller Action-Thriller Tenet eröffnete mit 30 Millionen. "Für einen Film, der auf das Reich der Mitte zugeschnitten ist, ist dieses glanzlose Debüt völlig aus den Fugen geraten", sagt ein Senior Analyst des Unterhaltungsforschungsunternehmens Exhibitorgegenüber CNN. Artikel und Kritiken zu Mulan sollen in China von einem Media Blackout betroffen sein. Die chinesische Regierung wolle so die internationale Empörung über die Situation in Xinjiang verschleiern.

Auf der anderen Seite fordert eine Petition Disney auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Und Joshua Wong, einer der führenden Aktivist*innen der pro-demokratischen Proteste in Hong Kong, schreibt auf Twitter: "Wer Mulan schaut, stellt sich nicht nur blind gegenüber Polizeigewalt und Rassismus, sondern unterstützt auch die Masseninternierung der muslimischen Uiguir*innen".

 

Aktuell