Bohème digitale

Früher saß die Bohème in Cafés, heute tut sie das auch, nur ist inzwischen immer der Laptop dabei. Ein Report über die Arbeit von morgen.

Früher saß die Bohème in Cafés, heute tut sie das auch, nur ist inzwischen immer der Laptop dabei. Die Selbstverwirklichung zwischen Nachtleben und Jobprojekten ist längst die Arbeit von morgen. Ein Report über selbstbestimmtes Leben, Freiheit – und Ausbeutung.

Text Julia Wagner Fotos David Bacher, Hans Jansen, Petra Rautenstrauch, Eva Tuerbl, beigestellt

Das Loft in Brook­lyn kann im Winter sehr kalt werden. Dann sitzt Eva ­Tuerbl schon mal in einen dicken Pulli gehüllt am Küchentisch, direkt vor dem kleinen Heizstrahler, während sie in ihren Laptop tippt. Manchmal arbeitet die 25-Jährige schon frühmorgens um fünf Uhr, oft auch spätabends. Der Grund: Die Auftraggeber der Fotografin, Stylistin und Korrespondentin sitzen größtenteils in Deutschland, mit sechs Stunden Zeitunterschied. Die wenigsten von ihnen kennt sie persönlich, denn die Deutsche gehört zur Avantgarde der neuen Kreativen, der digitalen Bohème, deren Arbeitsplatz und -grundlage das Netz ist. Während die traditionelle Bohème gerne Gedichte in schlecht beheizten Dachstübchen verfasste, nutzt die junge Generation global das Web 2.0. Nur die Räume, so scheint es, sind manchmal ähnlich schlecht beheizt.

Die Bohème von heute ist digital, mobil, verdient ihr Geld in kreativen Bereichen – und schätzt vor allem den Spaß an der Arbeit. Und das jenseits der Festanstellung. Brotlos ist ihr Tun heute nicht mehr, auch wenn Durststrecken zwischen den einzelnen Projekten an der Tagesordnung sind. Das „irgendwie Durchwursteln“ gehört dazu.

„Die Freude an dem, was ich mache, ist mir wichtiger als regelmäßiges Einkommen“, sagt auch Eva Tuerbl. Arbeit erscheint nicht mehr als Frondienst, sondern als Teil eines neuen Lebensstils, der sich über Selbstverwirklichung, -verantwortung und Kreativität definiert. Als vergangenes Jahr Wir nennen es Arbeit, ein Buch der Berliner Holm Friebe und Sascha Lobo, erschien, hatte die neue ­Bewegung endlich ihr Manifest. Ende August fand heuer in Berlin dann das ­Festival 9to5 – Wir nennen es Arbeit statt. Als Absage an den normalen Werktag fanden die Veranstaltungen nachts statt. Dann, wenn viele von ihnen sonst auch am Schaffen sind.

Mehr über die modernen Job-Nomaden in New York und Berlin, Wien und Paris lesen Sie in der November-Ausgabe der WIENERIN.

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Eva Tuerbls Büro? Hat sie auf den Knien.

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