Bodyfreedom: Warum haben wir so ein starkes Bedürfnis Frauenkörper zu kommentieren?

Elly Magpie hat als dicke Frau ein "Fitnessstudio für alle" gegründet. Mit uns spricht sie darüber, warum das nötig war, welche negativen Eigenschaften dicken Menschen zu­geschrieben werden und wieso sie glaubt, dass alle Menschen – auch sie – fettfeindlich sind.

Elly Magpie vor umgefallenen braunen Stühlen

"Sport sollte dazu führen, dass du dich gut fühlst" – das ist das Motto von Elly Magpie, die das erste "Fitnessstudio für alle" in Wien eröffnet hat. Für Elly gehören Bewegung und Selbstliebe zusammen, Leistung und Perfek­tion werden hintangestellt. Denn wir müssen nicht alle Leistungssportler*innen werden, wie sie sagt. Sie möchte besonders mehrgewichtigen Menschen den Spaß an Bewegung zurückgeben und eine sichere Umgebung schaffen, in der sie sich ausprobieren und auch mal scheitern können.

Wir haben die ausgebildete ­Fitnesstrainerin zum Interview getroffen, in dem sie uns strahlend von ihrer Arbeit erzählt und wütend wird, wenn es um die Frage geht, wieso Menschen das stetige Bedürfnis haben, Körper zu kommentieren.

Wienerin: Warum müssen wir 2022 noch über Body Freedom sprechen?
Elly Magpie: Das ist eine gute Frage. Es ist einfach so, dass wir jeden Tag daran erinnert werden, dass ein Körper nie gut genug ist. Ein Körper muss bestimmten Idealen entsprechen, damit er akzeptiert wird. Solange es diese Erwartungshaltungen gibt, solange gibt es auch eine Berechtigung, weiterhin über dieses Thema zu sprechen.

Sind wir alle fettfeindlich?
Ja – und ich kann da niemanden ausschließen, nicht mal mich selbst. Ich habe mich natürlich viel mehr mit der Thematik beschäftigt, aber ich bin mit einem großen Bias (Voreingenommenheit, Vorurteile, Anm.) aufgewachsen, den ich auch an mir selbst angewendet habe.

Das Gute ist aber: Man kann sein Weltbild verändern. Durch die Medien, die man konsumiert, durch die Accounts, denen man folgt, was man liest und schaut – aber das passiert nicht von heute auf morgen.

Der Körper ist eigentlich das Intimste, das wir haben, den wir aber immer zur Schau stellen und mittragen.

von Elly Magpie

Wieso haben viele Frauen so eine Angst, zuzunehmen?
Weil wir alle wissen, wie wir mit dicken Menschen umgehen. Wer begibt sich freiwillig in eine Situation, in der er*sie sich Anfeindungen aussetzen muss? Wer möchte sich das Leben freiwillig schwer machen? Unsere Körperform wird von so vielen Dingen bestimmt, auf die wir teilweise keinen direkten Einfluss haben. Ich finde es so schade, dass wir so viel Energie, Motivation und Kraft verwenden, um unsere Körper in eine Form zu zwängen, die für manche nicht natürlich ist.

Warum haben Menschen immer das Bedürfnis, das Gewicht anderer Menschen zu kommentieren?
Das ist ein sehr komplexes Thema. Was man aber sagen kann, ist, dass es einfach gesellschaftlich akzeptiert ist, Körper zu bewerten, zu kommentieren, dadurch ein Kompliment zu machen oder zu beleidigen. Und das ist schade, weil der Körper eines der wenigen Dinge ist, die einem ganz selbst gehören. Der Körper ist eigentlich das Intimste, das wir haben, den wir aber immer zur Schau stellen und mittragen. Ich finde es befremdlich, dass es immer noch akzeptiert wird, über diese Grenzen zu gehen.

Eigentlich sind Wörter wie dick oder fett ja einfach nur Beschreibungen, wie dünn, schlank oder mehrgewichtig. Es sollte keine Wertigkeit dahinter sein.

von Elly Magpie

Die Hemmschwelle, dicke Menschen zu beleidigen, ist ja teilweise sehr niedrig …
Ja, weil es gesellschaftlich akzeptiert wird, dass man bei ­dicken Menschen annimmt, sie seien faul. Dicke Menschen können beschimpft oder ihre Körper kommentiert werden, ohne dass sich das Gegenüber deswegen schlecht fühlen muss.

Du bezeichnest dich selbst auch als fett …
Eigentlich sind Wörter wie dick oder fett ja einfach nur Beschreibungen, wie dünn, schlank oder mehrgewichtig. Es sollte keine Wertigkeit dahinter sein. Aber die Realität ist, dass diese Wörter noch immer extrem negativ behaftet sind und als Schimpfwörter verwendet werden. Deshalb ist es wichtig, diese Wörter zu verwenden, einfach als Beschreibung. Wenn ich das über mich sage, empfinde oder meine ich das nicht negativ.

Als dicker Mensch muss man sich quasi eine Mauer oder ­einen Schutzwall aufbauen, damit man zum Sport gehen kann, und das sollte nicht sein.

von Elly Magpie

Du hast dir den Traum eines "Sportstudios für alle" erfüllt. Woran hast du gemerkt, dass das fehlt?
Es gibt Vorstellungen in der Sportwelt, wie ein Körper sein soll, und meiner hat halt nie dazugepasst. Egal, wo ich hinkam, es wurde immer angenommen, dass ich unbeweglich, unsportlich bin, keine Kondition habe und wohl den ganzen Tag nichts anderes tue als zu essen.

Im Endeffekt wurde auch mein Charakter dadurch mit sehr negativen Dingen verbunden, die gar nicht zutreffen. Als dicker Mensch muss man sich quasi eine Mauer oder ­einen Schutzwall aufbauen, damit man zum Sport gehen kann, und das sollte nicht sein. Das motiviert nicht dazu, dass man gerne öfter Sport treibt!

Welche Charaktereigenschaften wurden zum Beispiel angenommen?
Viele Menschen sehen einen dicken Menschen und gehen davon aus, dass dieser kein Durchhaltevermögen hat und nicht diszipliniert ist. Dicken Menschen werden im Berufsleben Managementposi­tionen weniger zugetraut. Der Körper hat so einen großen Einfluss auf das Leben und jede*r, der*die behauptet, das stimme nicht, nimmt die Realität nicht wahr.

Was ist in deinem Studio anders als in anderen, in herkömmlichen Fitnessstudios?
Mein Ansatz ist, dass jeder Körper für Bewegung gemacht ist, aber man muss nicht jede Woche besser werden. Denn wenn alle das mehrere Jahre durchziehen würden, wären alle Leistungssportler*innen. Sind wir aber nicht und brauchen wir auch nicht zu sein. Und wenn man sich diese Frage mal stellt "Warum mache ich Sport?", dann ist die Antwort nicht, um Leistung zu erbringen, sondern um sich zu bewegen und Spaß zu haben. Das kann viel Druck rausnehmen.

Merkst du, dass sich die Einstellung zu Sport und Bewegung bei den Menschen, die zu dir kommen, verändert?
Ja. Ich hatte erst vor wenigen Wochen ein sehr schönes Erlebnis mit einer Kundin. Sie erklärte mir, sie hätte keine Angst mehr, krank zu werden und auszufallen. In der Vergangenheit hatte sie diese Angst immer, weil sie wusste, wenn sie einmal mehrere Wochen ausfallen würde, würde sie es nicht schaffen, danach wieder hinzugehen. Bei mir im Studio habe sie diese Angst nicht, weil sie es nicht erwarten könne, wieder zu kommen und sich zu bewegen. Genau deshalb mache ich das!

 

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