Pille durchnehmen? "Frauen sollen selbst entscheiden, wann sie bluten"

Die Pille einfach ohne Pause einnehmen- geht das wirklich so einfach? Ja, sagen zwei GynäkologInnen. Es ist sogar besser für Frauen, wenn sie unter der Pilleneinnahme weniger menstruieren. Ein Faktencheck zwischen medizinischer "Notwendigkeit", historischem Wandel und der Sinnhaftigkeit des Blutens.

Pille durchnehmen

Es war eine Meldung, die vor einigen Wochen für Aufsehen sorgte (wir haben berichtet): Die britische Tageszeitung Telegraph berichtete von einer neuen Richtlinie des britischen National Health Services, der zufolge das "Durchnehmen der Antibabypille" die gesundheitlich bedenkenlosere Form der Einnahme sei. Statt der bisherigen Pillenpause, die nach 21 Tagen der Pilleneinnahme von den meisten Frauen durchgeführt wird, könne man die Pille bedenkenlos durchgehend über einen längeren Zeitraum einnehmen, so der NHS.

Dem nicht genug erklärte ein britischer Professor gegenüber dem Telegraph, dass es für die bisherige Einnahme der Pille einen außergewöhnlichen Grund gäbe: den Papst. Dem Wissenschafter zufolge hätten die Pillenerfinder mit Rücksicht auf den Papst die Pillenpause und somit die künstliche Regelblutung eingeführt, um seine Akzeptanz und Zustimmung für das Verhütungspräparat zu bekommen. Zur Verwunderung der Erfinder stimmte der Papst dem Verhütungsmittel trotzdem nicht zu - die Pillenpause aber blieb, bis heute.

2019 nehmen die meisten Frauen die Pille daher weiterhin 21 oder 24 Tage durch und setzen sie dann für vier bis sieben Tage ab. In dieser Woche folgt eine "Scheinblutung", die allerdings weiterhin von uns als Menstruation bezeichnet wird. Fakt ist: In Wahrheit ist diese Blutung eine rein künstliche Erscheinung, die mit einer natürlichen Periode wenig zu tun hat. Schließlich hat aufgrund der Pilleneinnahme kein Eisprung stattgefunden. Während sich bei einem "normalen" Zyklus vor der Regelblutung eine dicke Schleimhaut in der Gebärmutter aufgebaut hat, die anschließend während der Menstruation abgeblutet wird, kommt es bei der Blutung unter der Pille zu keinem derartigen Vorgang, da der Auf-bzw. Abbau der Schleimhaut nicht stattfindet.

Die Pille durchgehend zu nehmen ist absolut unbedenklich

von Dr. Eva Lehner-Rothe

Warum nehmen wir die Pille also durch?

Um diese Frage zu beantworten, sprach die WIENERIN anlässlich des Telegraph-Berichts mit zwei GynäkologInnen, um den wichtigsten Fragen rund um das "Durchnehmen" der Pille auf den Grund zu gehen.

Christian Fiala, Gynäkologe und Leiter des Gynmed-Ambulatoriums, forscht schon seit einigen Jahren zum Thema "Langzyklus" und hält eine Debatte über die Pilleneinnahme für "längst überfällig". Fiala hält es für essentiell, Frauen darüber aufzuklären, dass sie allein darüber entscheiden könnten, wann sie bluten möchten und wann nicht. Zahlreiche Studien hätten in den letzten Jahren gezeigt, dass die meisten Frauen weniger bluten wollen, trotzdem halte sich weiterhin der Glaube, dass eine Blutung während der Pilleneinnahme medizinisch notwendig sei. "Warum das so wenig bekannt ist, ist schwer zu sagen, aber es ist mit Sicherheit ein Skandal", sagt Fiala, der auch die Zulassungsbehörden in der Verantwortung sieht, die das "Durchnehmen" bisher verschwiegen haben bzw. nicht darauf bestehen, dass Pharma-Firmen entsprechende Hinweise im Beipacktext formulieren. "Eventuell könnte man das als Ausdruck einer gesellschaftlichen Frauenfeindlichkeit interpretieren oder als Fortführung der christlichen Tradition in diesem Land, die besagt, dass Frauen Schmerzen erdulden müssen", glaubt der Gynäkologe.

Auch die Wiener Fachärztin Eva Lehner-Rothe, die zwei Praxen für Gynäkologie und Geburtshilfe führt, hält es für "absolut unbedenklich" die Pille durchgehend zu nehmen. Warum trotzdem unter den meisten Frauen der Glaube herrscht, dass ein Durchnehmen der Pille gesundheitsschädlich sei, liegt laut Lehner-Rothe an fehlender Aufklärung der Patientinnen. "Das Wissen darüber ist leider nach wie vor zu wenig weit verbreitet, meiner Meinung nach liegt es daran, dass es zu aufwendig ist, im Ordinationsalltag den Patientinnen die genaue Ursache zu erklären", so die Frauenärztin. Vor allem in Kassenordinationen würde oft die Zeit fehlen, Frauen die medizinischen Hintergründe ausführlich zu erklären. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es ein wenig Zeit braucht, um den oftmals sehr jungen Frauen die völlig unbegründete Angst vor dem 'Nicht-Bluten' zu nehmen". Sie würde schon länger zum Durchnehmen der Pille raten: "Zur Verdeutlichung zeige ich den Frauen immer direkt im Ultraschallbild, das zeigt, dass die Gebärmutterschleimhaut unter der Pille absolut nicht aufgebaut ist, weshalb man eben auch nicht bluten muss. Wo nichts ist - und das sieht man im Vaginalultraschall sehr gut - muss auch nichts abgeblutet werden".

Früher hatten Frauen etwa 150 Menstruationen im Leben, heute sind es 450

von Dr. Christian Fiala

Warum die durchgehende Einnahme der Pille besser ist

Nun aber zu den wirklich überraschenden Fakten: Laut beiden GynäkologInnen ist das Durchnehmen der Pille nicht nur unschädlich, sondern auch besser als die bisher praktizierte Methode. "Die monatliche Blutung hat zahlreiche Nebenwirkungen und sehr viele Frauen leiden darunter, wie wir in einer Studie dargelegt haben. Diese Beschwerden haben Frauen nicht, wenn sie die Pille im Langzyklus nehmen", so Fiala. Im Langzyklus, also einer Zyklusphase ohne Periode, sei auch die generelle Wirksamkeit der Pille deutlich höher: Werde die Pilleneinnahme einmal vergessen, sei dies laut dem Gynäkologen sogar egal. "Die eigentlich sehr hohe Wirksamkeit der Pille wird durch das monatliche pillenfreie Intervall bekannterweise künstlich herabgesetzt. Das wird den Frauen aber nicht gesagt", so Fiala. Außerdem leiden Frauen statistisch gesehen signifikant weniger unter Kopf- und Bauchschmerzen und haben ein besseres Wohlbefinden als Frauen unter dem bis heute gängigem Einnahmeschema.

Neben der Pille gibt es bereits jetzt einige hormonelle Verhütungsalternativen am Markt, bei denen ein längeres Aussetzen der Periode völlig normal sei - etwa beim Hormonimplantat oder der Hormonspirale. Das Aussetzen der Periode sei hier sogar eine "erwünschte Nebenwirkung" so Eva-Lehner Rothe.

Entsprechende Langzeit-Präparate der Antibabypille, etwa zur 3-monatigen Einnahme, gibt es bereits seit 2003 in den USA ("Seasonale") und seit 2015 unter dem Namen "Seasonique" auch in Österreich. Weiterführende Informationen stellt Fiala auf periodenfrei.info zur Verfügung.

Andere Überlegungen gehen dahin, die Rezepte für die Pille auf eine längere Zeit auszudehnen. Neue Richtlinien sollen es etwa in Großbritannien möglich machen, dass mit einem Rezept gleich Verhütungsmittel für ein ganzes Jahr ausgegeben werden können.

Was bei der ganzen Diskussion rund um die Periode vielfach nicht bedacht wird, ist die Tatsache, dass Frauen heutzutage so viel wie nie zuvor bluten - und das ist auch für unseren Körper eine zusätzliche Belastung. Blieben die Blutungen noch vor einigen Jahrzehnten z.B. aufgrund von vermehrten Schwangerschaften, späterem Menstruationsbeginn oder kürzerer Lebensdauer öfter aus, ist die monatliche Blutung für Frauen im gebärfähigen Alter zur Normalität geworden.

"Eine monatliche Blutung ist biologisch absurd - das hat es in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nie gegeben", meint Fiala. Deshalb müssten Frauen eigentlich die Frage stellen, warum sie sich so lange (also die letzten 60 Jahre) in die Irre führen ließen und geglaubt haben, dass die künstlich ausgelöste Blutung ohne biologische Funktion natürlich und notwendig sei, stellt der Gynäkologe fest. Sieht man sich die absoluten Zahlen an, wird die Absurdität dieser Fehlannahme besonders deutlich: während Frauen früher etwa 150 Menstruationen im Leben hatten, sind es heute circa 450.

Und was hat der Pontifex damit zu tun?

Eines muss an dieser Stelle klar sein: Frauen sollen selbstbestimmt darüber entscheiden dürfen, wann sie bluten möchten und wie oft. Statt die Frauen allerdings in ein Perioden-Zwangskorsett unter dem Deckmantel medizinischer Notwendigkeit zu stecken, plädieren beide GynäkologInnen für Entscheidungsfreheit. "Ich will die Periode keiner Frau nehmen, wenn sie das möchte", stellt Fiala klar. "Aber wir sind doch verpflichtet Frauen zu sagen, dass sie selbst die Wahl haben!".

Die Anekdote des britischen Telegraph-Experten hält Fiala, der sich seit Jahren auch mit der Geschichte von Verhütungsmethoden beschäftigt, übrigens für eine Mär. So war den Erfindern der Pille, dem Biochemiker Gregory Pincus und dem Gynäkologen John Rock, zwar schon vor 60 Jahren bewusst, dass die künstliche Scheinblutung nach drei Wochen unnötig sei - allerdings befürchteten die beiden damals, dass die Akzeptanz der Pille bei Frauen und Zulassungsbehörden (etwa der amerikanischen FDA) ohne "Periode" nicht gegeben sei. Diese Bedenken gehen auch aus einem entsprechenden Eintrag aus Pincus' Biographie hervor. Hinzu kommt, dass Gynäkologe Rock ein sehr überzeugter und aktiver Katholik war. "Er war überzeugt, dass der Papst selbstverständlich die Pille akzeptieren wird", glaubt Fiala. Dass der Papst die Pille schließlich doch nicht so toll fand, dürfte den Gynäkologen sicherlich erschüttert haben, der Grund für die Pillenpause dürfte das Oberhaupt der katholischen Kirche aber nicht gewesen sein.

Disclaimer: Trotz der Tatsache, dass es sich hier um eine positive Darstellung der Pillen-Einnahme handelt, weisen wir darauf hin, dass es bei hormonellen Verhütungsmethoden zu zahlreichen Nebenwirkungen kommen kann. Dazu zählen Depressionen, eine erhöhte Thrombosegefahr, Stimmungsschwankungen bis zu Übelkeit, Kopfschmerzen und Zwischenblutungen (weiterführende Informationen siehe unten).

 

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