Blog'n'Roll

Der Wahlberliner Sven Regener hat Blog-Tagebuch geschrieben. Jetzt ist aus fünf Jahren Web-Einträgen ein sehr lustiges Buch entstanden. Ein Gespräch über Sex, Platon und Internet – und warum der Grazer Catcher Otto Wanz eigentlich ein heimlicher Bremer ist ...

Glaubt man Ihrem Buch, sind die Österreicherinnen schuld dran, dass Sie so viele Blogs geschrieben haben: Dort steht, dass Sie anfangs zweifelten am Sinn des Bloggens. Dann telefonierten Sie mit Torsten von der Plattenfirma, der sagte, „die Mädchen in Österreich lesen das gerne" ...


Das Telefonat gab es wirklich - aber nicht mit diesem Wortlaut. Beim Bloggen wollte ich nicht authentisch schreiben. Mein Motto war: Lieber gut ausgedacht als schlecht selbst erlebt.


Die Realität ist Ihnen wurscht?


Die Idee von Kunst ist ja, etwas Neues in die Welt zu bringen. Ich habe in den Blogs die Realität schon abgebildet, sie aber ständig psychedelisch weitergedreht. Für den Tagebuch-Aspekt vom Bloggen habe ich mich nicht sehr interessiert. Niemand kann jeden Tag etwas Spannendes erleben. Das richtige Leben ist langweilig! Deshalb hab' ich am dritten Tag im ersten Blog schon Hamburg-Heiner erfunden.

Klingt nach einer neuen literarischen Form in der Blogosphäre?


Nein, das ist ein alter Kunstgriff aus der Philosophie, schon Platon hat vieles im Dialog abgehandelt. Zwei Sichtweisen führen zu mehr Erkenntnis. Man kann mein Buch als Dialog über die Kunst lesen - oder als gehobene Blödelei. Und das ist, finde ich, eine sehr ernst zu nehmende Disziplin. Gescheites Blödeln ist eine eigene Kunst. Das schüttelt man nicht einfach vom Baum.

Gibt eine Entwicklung in den fünf Jahren Bloggen?


Ja, zum immer Wahnhafteren. Ich wurde sicherer darin, Realität und Surrealität miteinander zu verknüpfen. Stellen Sie sich das so vor: Wenn man am Einschlafen ist und um diese Schlaflinie herumpendelt, merkt man ja oft nur, dass man eben weggenickt ist, weil die Gedanken ganz kurz ganz absurd geworden sind. Mit diesem Effekt hab ich versucht immer mehr zu spielen, gegen Ende der Blogs ist es mir immer besser gelungen, diesen Effekt zuzulassen.

Zum Bloggen sind Sie wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Ins Web gehen Sie aber schon?

Das habe ich schon getan, als es noch 42 Schilling die Stunde gekostet hat ... Das Internet ist nicht der Messias, es macht die Menschen nicht besser und wird auch nicht die Welt retten. Aber es ist okay. Letztlich ist es ein Spiegel, in den wir rein- und aus dem wir rausgucken, mit all unseren Doofheiten.

Momentan gibt es eine Schwemme von Kritikern, die Auszeit vom Web nehmen, weil es angeblich verdumme.

Verdummen tut sich jeder selber. Die jetzt das Web kritisieren, haben früher zu viel davon erwartet, sie kippen von einem ins andere Extrem - und plötzlich ist alles schlecht.


Haben Sie eine Lieblingswebsite?

Ich bin sehr froh, dass Joachim Lottmann seinen Blog „Auf der Borderline nachts um halb eins" wieder angefangen hat, jetzt, wo er seit März in Wien lebt.

Und welches Buch empfehlen Sie?


Lest H. C. Artmann! Meine Blogs hätte ich mich nicht zu schreiben getraut ohne meine Liebe zu seiner Literatur. Mit meinen Blog-Aktionen berufe ich - natürlich zu Unrecht und in aller Dreistigkeit - mich auf Artmann, etwa auf sein großartiges Buch „Das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heissen brotwecken". Es ist das Tagebuch seines Aufenthalts in Malmö, der „langweiligsten Stadt der Welt". Es ist Winter, alles ist wahnsinnig fad, also muss er sich allerlei fiktive Dialoge und Geschichten ausdenken. Womit bewiesen wäre: Man muss nicht Internet haben, um solch eine Literatur zu erschaffen.

Sven Regener:
Meine Jahre mit Hamburg Heiner: Die Logbücher
Galiani Berlin Verlag, € 20,60
Seit mehr als 20 Jahren singen Sie, seit 10 Jahren schreiben Sie Bücher. Womit werden Sie eines Tages eher aufhören?

Ich würde sagen, man singt, bis man tot ist. Jeder Mensch singt irgendwie sein Lied, in sich selbst, aber auch im Reden oder in den Witzen, die wir immer wieder erzählen. Vieles, was wir sagen, sagen wir auch wegen des Klanges - Reden als Form von Gesang. Schreiben ist viel vermittelter und indirekter. Ich glaube, am Ende singt man immer länger als man schreibt.

Wie schwer ist es, zwischen dem Schreiben von Songs und Büchern hin- und herzuwechseln?


Nicht schwer, denn wenn ich Songs schreibe, schreibe ich keinen Roman und andersherum. Ich bereite alles sehr lange im Kopf vor, auch die Songtexte, die ich erst im Nachhinein zur Musik, die ja von der Band kommt, entwickele. Da kann ich nicht auch noch nebenbei ein Romankapitel schreiben. Und bevor ich ein Kapitel fürein Buch niederschreibe, denke ich schon mal 14 Tage oder drei Wochen darüber nach. Ich schreibe nicht jeden Tag.

Sie sind kein Thomas Mann, der sich jeden Tag von bis Mittags ins Arbeitszimmer eingeschlossen hat?

Na ja, wir wissen aber auch nicht, ob er da wirklich geschrieben hat. Vielleicht wollte er auch nur einfach seine Ruhe haben ...

Müssen wir uns Sven Regener als glücklichen Menschen vorstellen?

Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, weil ich diese beiden Berufe habe und in beiden Erfolg habe. Das ist eine sehr, sehr privilegierte Situation.

Wie viel Rock 'n' Roll steckt in Ihrem (B)Logbuch?

Was Rock 'n' Roll ausmacht, ist die Musik. Und die kann man nicht beschreiben. Wer sich für Rock 'n' Roll interessiert, sollte sich Schallplatten kaufen, auf Konzerte gehen, was mit Sex oder Drogen machen. Und nicht im Internet herumfummeln oder Blogs lesen. Na ja, außer meinen Logbüchern, sagen wir: Sie sind zu 100 % Rock'n'Roll.

Welche Stadt hat mehr Rock'n'Roll: Berlin, wo Sie leben, oder Wien?

Berlin hat mehr Rock'n'Roll, Wien hat mehr Blues. Auch den Austropop und -rock hat der direkte, alte Blues stark beeinflusst. In Berlin hingegen spielen Rock'n'Roll, Country, aber auch Hardrock und die Sixties eine große Rolle. Wien ist etwas archaischer unterwegs. Das ist meine Schnelltheorie.

Könnten Sie sich vorstellen, in Wien zu leben?

Ich bin 1982 nach Berlin gekommen. Und ich finde die Stadt richtig toll. Ich leb' dort richtig gern und wüsste nicht, warum ich von dort wegziehen sollte. Was aber nicht gegen Wien spricht.

Aber lieben tun Sie Wien schon?

Ja, sehr. Neulich war in Radio 1 eine Sendung mit Grissemann und Stermann, die „Stadt, Land, Scheidungsgrund" spielten. Es ging um Prominente, die mit W anfangen. Grissemann wählte Otto Wanz - eigentlich ein bedeutender Grazer Catcher. Doch mir hat sein Name sofort etwas gesagt, weil Bremen traditionell die andere große Stadt in Europa außer Wien war, in der während meiner Jugend Catch-WMs abgehalten wurden. Immer hat Otto Wanz gewonnen! Der ist eigentlich ein heimlicher Bremer. So wie jeder Wiener Otto Wanz kennt, kennt auch jeder Bremer ihn. Ich habe auch nicht umsonst vorhin von H. C. Artmann gesprochen. Im Catchen, aber besonders in der Kunst hat mich Österreich nun mal unheimlich beeinflusst.

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