Bitte liken! Machen wir zu viele Selfies?

Was wir online sehen und posten, zeigt ein sorgsam inszeniertes Zerrbild der Realität. Warum ist ein „Daumen hoch“ so wichtig und welche Rolle spielt der Neid im Netz?

Arm ausgestreckt, Schmollmund gemacht, Auslöser gedrückt – fertig ist das Selfie. Lena „off to“ Singapur. 46-mal Daumen hoch gibt es dafür von den 357 Freunden auf Facebook. Und Komplimente: „Wow, wie toll“, „Will ich auch unbedingt mal machen“, „Du Hübsche, du“.
Auf Facebook wird man permanent mit „wichtigen“ Neuigkeiten der Mitmenschen – ausgelassene Partys, tolle Reisen – und jeder Menge Knutschgesichter konfrontiert, die das aufregende Dasein der anderen dokumentieren. Das eigene Leben kann da bald blass und armselig aussehen, vor allem, wenn man mehr als 200 Freunde bei Facebook hat, also ständig „coole News“ serviert bekommt.

Und bei all den Vergleichen laufen wir Gefahr, Scheinwelt mit Realität zu verwechseln. WissenschaftlerInnen meinen gar: Menschen, die sich viel bei Facebook aufhalten, sind mit sich selbst eher unzufrieden und halten das Leben der anderen für glücklicher als ihr eigenes. Dabei ist doch alles nur Inszenierung. Oder nicht?

Die Prinzipien der "Inszenierungsgesellschaft"


Bis so ein Selfie den Weg zur Veröffentlichung auf Instagram, Twitter oder Facebook findet, wird am eigenen Image ordentlich herumgezupft. Manchen Bildern sieht man es förmlich an, dass vermutlich 25 Versuche nötig waren, bis Wallemähne und Schmollmund perfekt saßen. Mittlerweile gibt es sogar Anleitungen auf YouTube („How to take the perfect selfie“) für das makellose Selfie und natürlich Apps mit Foto-Filter, die ermöglichen, Bilder exakt so zu gestalten, wie man von anderen gesehen werden möchte. Überspitzt könnte man sagen: Man zeigt nicht das wahre, sondern das geschönte Gesicht. Selfies sind also perfekte Selbstinszenierungen.

Jugendforscherin Beate Großegger spricht von einer „Inszenierungsgesellschaft“. Diese folgt einfachen Prinzipien: 1. „Das, was du tust, was du bist und was du hast, musst du auch herzeigen, sonst zählt es nicht.“ 2. „Erfolg hat, wer sich gut präsentieren kann.“ So wie im Marketing oder in der politischen Kommunikation geht es nicht darum, die Realität abzubilden, sondern „eine Selbstbeschreibung zu wählen, mit der man bei anderen punkten kann“. Selfie-Produzenten sind Selbstdarsteller und gleichzeitig Zuschauer der eigenen Postings. Wer sich anderen zeigt, will nicht nur gesehen, sondern auch positiv bewertet werden, was ein befriedigendes Gefühl verschafft.

Geschickte Inszenierung


Und die Betrachter dieser Bilder vergessen allzu gerne, dass es sich bei diesen Darstellungen um geschickte Inszenierungen handelt. Ein Partybild wird eigens für das Posten bei Facebook oder Instagram arrangiert. Die Künstlichkeit der Aufnahme wird verborgen.
Was Folgen hat, wie Studien, etwa der Humboldt-Universität Berlin, belegen: Die häufige Nutzung sozialer Online-Netzwerke frustriert, so das Ergebnis. Die vielen positiven Nachrichten und Postings der vermeintlich erfolgreichen „Freunde“ und der permanente Vergleich mit diesen erzeugt Neid. Der Anschein, dass dort so viel gelacht und gefeiert wird und alle glücklich sind, fördert das Gefühl, der Rest der Welt sei beliebter, schöner, zufriedener. Besonders stark von negativen Emotionen betroffen sind jene User, die selber wenig posten, dafür mehr Postings von Freunden lesen oder deren Fotos durchklicken. Diese passive Nutzung erhöht Neidgefühle und diese wiederum wirken sich negativ auf die eigene Lebenszufriedenheit aus. Heißt: Wer online „schüchtern“ unterwegs ist, läuft eher Gefahr, eine „Facebook-Depression“ zu erleiden.


Doch woher kommt das, dass wir ganz „besoffen“ von uns selber sind und ständig nach Bewunderung durch andere hungern? Galt Selbstbeweihräucherung vor Jahrzehnten noch als verpönt oder gar peinlich, klagen Experten wie etwa US-Psychologin Jean Twenge von der San Diego State University, heute: Noch nie war eine Generation narzisstischer, als es die heutigen Nutzer sozialer Medien sind. Denn im Netz kann sich der neue Narzissmus wunderbar austoben. Da fallen Begriffe wie Ichbezogenheit und selbstschmeichelnde Verzerrungen der Wahrheit; Erfolg, Besitz, Geld und die eigene Großartigkeit werden betont und vorschnell oberflächliche Freundschaften geschlossen. All das gehört zu narzisstischen Persönlichkeiten und Facebook und Co. verstärken Twenges Untersuchungen an Studenten zufolge dieses Phänomen auch noch. Als verzweifelten Aufschrei nach Aufmerksamkeit im Stil von „Schaut mich an“ beschreibt es die amerikanische Psychiaterin Carole Lieberman. Die Narzissmusforscher sind sich also einig: Eine Ich-Inflation in dieser Form gab es bisher noch nie.


Selfies als Selbstwert


Doch es gibt auch andere Meinungen. Die amerikanische Autorin Rachel Simmons sieht in Selfies eine Chance für junge Mädchen, ihr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Während ihnen beigebracht wurde, brav und gesittet aufzutreten, könnten sie mit Selfies ihr Selbstwertgefühl aufbauen. „Jedes Foto, das die Mädchen von sich posten, ist ein kleines Stück Selbstachtung“, so Simmons.
Gleichzeitig könnte man dem Narzissmus-Vorwurf entgegenhalten, dass Selfies durch ihre unvorteilhafte Perspektive (kurze Distanz, unpassender Winkel) authentischer sind. Sie dokumentieren zudem unser Leben, unsere Geschichte. Und das eigene Leben mit anderen zu teilen, ist per se nichts Schlechtes. Im Gegenteil, über soziale Netzwerke kann man auch Freunden oder Verwandten, die man so kaum sieht, zeigen, was man gerade so macht. Mit Selfies möchte man mit anderen in Kommunikation treten, was nicht vordergründig mit Selbstliebe in Verbindung steht.

Die Antwort auf die Frage, warum wir uns also permanent selber fotografieren müssen, kann auch ganz banal sein: Weil wir es – dank Handykamera – können. Und wer permanent das Bedürfnis hat, die Neuigkeiten im vermeintlich viel aufregenderen Leben der Social-Network-Freunde zu verfolgen, möge sich vor Augen halten: Das ist nur ein Ausschnitt ihres Lebens.

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