Bitte hört auf, Kindererziehung zu zerdenken!

Darf man einem fünfjährigen Mädchen Komplimente für sein Aussehen machen? Oder erzieht man es dadurch zu einer unemanzipierten Frau, die sich selbst nur auf ihren Körper reduziert? Ein Plädoyer für mehr Mut zum Körperbewusstsein (von einem Mann).

Gestern beschrieb meine Kollegin Teresa in diesem Text, wie sie innerlich mit sich kämpfte, ihrer kleinen Nichte in ihrem hübschen Bikini nicht zu sagen, dass sie zuckersüß ist. Weil sie ein Mädchen ist, und ein solches Kompliment Mädchen auf ihren Körper reduzieren würde. Das hat sie auch mit Theorien und Expertenmeinungen argumentiert. Trotzdem konnte ich aus dem Text herauslesen, dass es ihr schwerfiel und sie unbedingt das Richtige tun wollte. Aber was ist jetzt wirklich das Richtige?


Mädchen fragen, Buben fragen


Ich plaudere jetzt mal aus dem Buben-Kästchen, denn ich war halt mal ein Bub: Wie die meisten Buben durfte ich als Kind vorzeigen, wie viele Liegestütze ich machen konnte, wurde gelobt wie schnell ich laufen konnte – und eben auch, wie fesch ich in der neuen Jacke war oder mit den neuen Sportschuhen war. Es hat Spaß gemacht, den eigenen Körper und seine Möglichkeiten kennen zu lernen (und die grüne Jacke, die es nur noch auf meinen Kinderfotos gibt, war einfach verdammt cool …). Es hat mich trotzdem nicht auf meinen Körper reduziert, aber ich hab heute noch ein gutes Körperbewusstsein. Das gefällt mir. Wäre das anders gewesen, wenn ich ein Mädchen gewesen wäre? Hätten solche Komplimente meiner Entwicklung geschadet? Keine Ahnung.


Natürlich sollten wir darauf achten, keine Geschlechterstereotype an unsere Kinder weiterzugeben. Aber ständig darüber nachzudenken, ob man mit dem falschen, weil nicht korrekten, Kompliment die Persönlichkeit eines Kindes irgendwie negativ beeinflusst, ist echt ein bisschen viel Druck für Eltern und Verwandte. Vor allem wenn man eigentlich nur ausdrücken will, wie süß man das Kind findet.


„Schicke Badehose, Michi!“


Meine Kollegin hat sich das Kompliment für den süßen Bikini ihrer Nichte verkniffen. Wie gesagt, das hat sie nachvollziehbar argumentiert. Ich würde es aber trotzdem nicht so machen wie sie. Denn ein Mädchen oder eine Frau kann heutzutage schön und gleichzeitig klug sein. Erfolgreich, engagiert und gleichzeitig „an der nächsten Revolution im Energiesektor“ arbeiten. Das schließt sich nämlich alles überhaupt nicht aus.


Stattdessen würde ich meiner Nichte sagen, dass sie klug und mutig ist und in dem Bikini zuckersüß ausschaut. Und dem Neffen ruhig auch mal, dass er fesch ist. Der freut sich auch drüber, versprochen! Komplimente geben ist nämlich super, und welche bekommen auch! Davon sollte es meiner Meinung nach mehr geben – und nicht weniger!

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