Bitch Melbas Herzstation

Willkommen im Emergency Room für Gefühlsverletzungen en gros und en detail. Aber auch jenseits der Erstversorgung finden Sie hier Geschmacksstärkung in pikanten Angelegenheiten und Coaching für gutes schlechtes Benehmen.

Betreff: Pain au chocolat
Okay, okay, Frau Bitch, ich weiß, ich zapple hier in einer astreinen Klischeefalle. Aber diese Augen – Schokoladeschmelz mit 80-prozentigem Kakao-Anteil! Haben Sie eigentlich die geringste Ahnung, wie das ist, nach all den Jahren endlich wieder mal wie eine Frau behandelt zu werden. Nach all den Sitzkissenpupsern und Hausschuhträgern, die Bilder von ihrer Mutti auf dem Nachttisch stehen und Duftbäume am Rückspiegel baumeln haben! Er ist Bäcker. Ja, ja – lachen Sie nur. Ich habe ihn in La Rochelle (französische Atlantikküste) kennengelernt, als ich mir nach der Disco mit einer Freundin „pain au chocolat“ besorgt habe. Und dann wurden die Dünen auf der „Ile de Re“ zu meinem persönlichen Himmel. Nur: Inzwischen sitze ich wieder in St. Pölten, Jean-Luc will mich besuchen. Toute de suite! Meine Welt, meine Freunde kennenlernen! Verdammt, verdammt, wie soll ich reagieren?
Ratlos in St. Pölten grüßt Madame X

Chère Madame Chocolat!
Sie haben recht: Sie sind definitiv kein Einzelfall. Auch gegen Ende dieser Saison werden hunderte, was red’ ich, tausende Marketing-Assistentinnen, Sekretärinnen, Software-Spezialistinnen etc. im südeuropäischen Raum glutäugige Limbo-Lehrer, Tauch-Coaches, Bootsvermieter und Kebab-Brater an ihre Rockschöße gelassen haben. Und gar manche unter ihnen werden im Oktober von der hamletesken Fragestellung „Besuchen lassen oder nicht lassen?“ geplagt werden. Achtung, Achtung: Erinnerungen sind dazu da, um täglich schöner zu werden. Man sollte sie nicht mutwillig durch Realitätseinbrüche zerstören. Denn am Ende sehen all diese Schokoschmelzer, aus ihrem Ambiente gerissen, wie Gorillas im Nebel aus. Und benehmen sich noch viel mehr so. So viel Kübel Prosecco können Sie nicht trinken, um dieses Faktum unter den Tisch zu kippen.
A la prochaine! Votre Madame Melba



Betreff: Knigge-Finale
Doch immer wieder geschätzte Melba, reden wir gleich Tacheles! Mir geht die Alte bis hierher und ich möchte Schluss machen. Und zwar dringend. Aber ohne schlechte Nachrede. Denn die Tante kennt die halbe Stadt – networktechnisch – und könnte mir beruflich ziemlich ans Leder. Also: Wie entsorge ich sie mit Stil? Man weiß ja aus den Tussi-Zentralorganen, dass Frauen auf knappe SMS-Botschaften, die das Ende verkünden, hysterisch reagieren können. Und dafür habe ich zur Zeit echt keine Kraft.
PS: Hat Udo Jürgens kein Buch drüber geschrieben? Geben Sie seinem Management doch den Tipp!
Max K., stets um gutes Benehmen bemüht

Bravo, Herr Max!
Voll des Lobs für Ihr empathisches Talent, auch wenn es vom Kalkül des Eigennutzes überschattet ist. Also: Stellen Sie die Dame unter keinen Umständen unter die kalte Dusche! Will heißen, überraschen Sie sie nicht beim dritten Grappa mit ihren Exodus-Ambitionen, sondern kündigen Sie das Thema des gemeinsamen Abends (Abend und kein Zwischendurchtermin am Nachmittag, das könnte erst recht kränken) bereits im Vorfeld an. Und zwar mittels eines traditionsreichen Mediums – Büttenpapier in Kombi mit schmerzgepeitschter Füllfederschrift, ein paar „Tränen“-Verwischungen könnten auch nicht schaden. Aber: Bloß kein spartanisches Mail, wo dann unter „Betreff“ so was wie „ Ende mit Schrecken“ angemerkt ist. Und dann gehen Sie dinieren, dass es nur so kracht. Danken für die unvergesslichen Stunden. Schieben alles auf Ihre Psyche (Burn-out, Depression, Melancholieschübe, was Schickes, keine Psychosen) und sagen bloß nicht, dass in Ihrem Wartezimmer zum Glück bereits ein neues Opfer mit den Prada-Hufen scharrt … Was? Es gibt da niemanden? Also, Herr Max, das können’s in ein Sackl reden und mir vor die Tür stellen – denn das glaub’ ich Ihnen so was von nicht. Geschenkt! Denn im Leben eines Mannes kommt irgendwann immer der Moment der Wahrheit, wo es heißt: Lügen, lügen, lügen!
Alles klar? Empathie olé!



Betreff: Wie lesbisch bin ich?
Liebe Melba! Über e-bay hab ich mir Schwarzkopien der noch nicht hierzulande versendeten „ L-Word“-Staffeln organisiert. Sie wissen schon: Diese Serie, wo so von Kopf bis Fuß hypergestylte Amazonen Leben und Lieben unter Frauen demonstrieren. Und an trüben bis verregneten Abenden nonstop reingepfiffen. Und jetzt die schockierende Nachricht: Ich habe mich in die Schauspielerin, die diese anorektische, schwerst promiskuitive Friseuse Shane darstellt, verschaut. Sie hat null Busen, eine Ich-habe-heute-in-einem-Bourbonfass-geschlafen-Stimme und ist voll auf diesem Heroin-Chic. Bis jetzt habe ich null Erlebnisse mit Frauen, bin jetzt 32, also jetzt einmal abgesehen von ein bisschen Geschmuse mit der Mader-Hermi auf der Maturareise nach Rom. Ich frage Sie: Bin ich über Nacht lesbisch geworden?
Corinna, im Darkroom der Erkenntnis

Corinna, Corinna!
Chillen Sie vorerst einmal! Ich kenne diese Shane-Darstellerin (Kate Moennig), sie ist die Hohepriesterin angewandter Coolness. Und extrem androgyn, also eigentlich mehr Knabe als Frau. Abgesehen davon: Jeder Mensch ist von seinen prinzipiellen Anlagen bisexuell. Das kann man von Freud abwärts bei sämtlichen Zampanos nachlesen. Es ist die Gesellschaft, die uns heterosexuell macht. Der deutsche Modedesigner Wolfgang Joop (Zitat: „Als die Kinder aus dem Haus waren, wurde ich bisexuell“) ist der Meinung, dass sich die Geschlechtertrennung irgendwann aufheben und man sich vor allem für den Menschen und nicht für DEN Mann oder DIE Frau entscheiden wird. Aber keine Sorge, das werden Sie und ich schon gar nicht mehr erleben. Also: Genießen Sie Ihre kleine „amour fou“ ohne Hoffnung, aber tragen Sie deswegen nicht gleich zerrissene Jeans und Herrenhüte.
Ganz die Ihre Bitch Melba



Zu Hilfe Bitch!
Betreff: Null Bock
Seit meiner letzten Beziehung sind vier Jahre ins Land gezogen. In dieser Zeit habe ich wehrloses Obst zu Aquarellen vergewaltigt, mir einen Beagle gekauft, der jetzt mich erzieht, und Tauchen gelernt. Letzteres war aber schon die einzige Art von Tiefgang, die ich erlebte. Unter uns: Ich hatte schon vier Jahre keinen Sex. Und: Es geht mir auch überhaupt nicht ab. Bin ich noch normal?
Ilse B., Wien

Verehrte Ilse!
„Ilse, Ilse – keiner will se.“ Ist es dieser Kinderreim, der Ihnen ständig durch den Kopf schießt? Glauben Sie mir, Teuerste, nirgends anders wird so gelogen, dass sich die Balken biegen, wie beim Sex. Der Sex ist echtes Pinocchio-Terrain – vor allem, was die Frequenz betrifft. In den Umfragen behauptet der durchschnittliche Österreicher, drei bis vier Mal in der Woche Sex zu haben. Eigenartig: Jede 2. Ehe wird geschieden; viele Ehepaare greifen sich über Jahre nicht an und in den Ambulanzen für Sexualstörungen türmen sich die Anwärter. Sie sind nicht gestört oder krank, sondern auf einem sexuellen Sabbatical. Und irgendwann wird es wieder über Sie kommen, wie der 14. Juli über Paris. Und dann wird es so sein, als ob es nie nicht gewesen wäre. Außerdem: Es ist wie Schwimmen oder Radfahren; man verlernt es nicht.
Mit der Bitte, unschuldiges Obst künftig zu verschonen, verbleibe ich Ihre Bitch Melba

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