Bist du perfektionistisch, weil deine Eltern die Rollen umgekehrt haben?

Wenn Eltern ihre Kinder Verantwortung übernehmen lassen, für die sie eigentlich zu jung sind, spricht man von Parentifizierung. Leidest du auch als Erwachsener noch darunter? Wir wissen, wie es sich äußert.

Bist du perfektionistisch, weil deine Eltern die Rollen umgekehrt haben?

Parentifizierung ist ein sperriger Begriff aus der Psychologie. Dabei beschreibt er ein Verhältnis, das oft passiert, wenn Eltern psychisch krank sind, Probleme haben oder Narzisst*innen sind. Es werden einfach die Rollen umgekehrt. Kinder bekommen den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Auftrag, Verantwortung für die Eltern und die Familie zu übernehmen. Kinder werden zu Eltern und meist hört mit diesem Schritt die Kindheit auf.

Das kann passieren, wenn Kinder die Affären von Eltern mitbekommen, ein Elternteil immer wieder das Kind als Vertraute bezüglich der Eheprobleme verwendet oder anderweitig zum Mitwisser macht und damit auf dieselbe, erwachsene Stufe hebt, wie sie selbst sind.

Höhere Ziele

Wird ein Kind aus seiner Rolle gerissen und mit Erwachsenenproblemen konfrontiert, so verliert es häufig seinen Spieltrieb. Statt draußen am Spielplatz zu tollen, wird es plötzlich mit großen Problemen konfrontiert, für die es eigentlich noch zu jung ist. Das Kind nimmt sich dem Problem, das es gestellt bekommt an, weil es sich Anerkennung erhofft. Und verliert dadurch einen Teil seiner Kindheit. Doch wie äußert sich eine Parentifizierung als Erwachsene? Und wie erkennt ihr, ob ihr darunter leidet?

Perfektionismus

Wer von den Eltern eine Verpflichtung zur Rollenumkehr bekommen hat, kämpft häufig sein restliches Leben lang mit Perfektionismus. Das Kind oder der*die Jugendliche muss eine Rolle einnehmen, der er*sie nicht gewachsen ist und wird den Rest seines Lebens davon verfolgt werden, dass er*sie gescheitert ist. Ihr versucht das Unmögliche möglich zu machen.

Der Leitspruch von Menschen, die mal unter Parentifizierung gelitten haben ist oft: "Das werden wir erst mal sehen." Kein Projekt ist zu schwer, keine Rolle zu groß. Ihr strebt nach Perfektion und seid bereit, jedes erdenkliche Opfer zu bringen, um euer Ziel zu erreichen. Das geht oft mit Selbstüberforderung einher.

Immer für andere da

Für andere da zu sein ist gut und wichtig. Aber es kann auch zu weit gehen. Dann spricht man von so genannter Überverantwortung. Auch dafür sind Menschen, denen Parentifizierung passiert ist, bekannt. Ob ihr auch darunter leidet, könnt ihr mit einem einfachen Test checken.

Für welche Person führt ihr euch am meisten verantwortlich? Und jetzt stellt euch vor diese Person bittet euch um Hilfe und ihr sagt: „Nein, ich kann heute nicht, ich muss auch mal an mich denken.“ Wie fühlt ihr euch? Schuldig? Habt ihr ein schlechtes Gewissen?

Das Gefühl zu haben, immer für andere abrufbar sein zu müssen ist ein klares Zeichen von Überverantwortung. Wenn ihr darunter leidet, nehmt ihr häufig kaum die eigenen Bedürfnisse und Anliegen wahr. Ihr seid es gewohnt, die Bedürfnisse aller anderer wahrzunehmen. Außer eure eigenen.

Probleme mit Autorität

Eltern sind die ersten Autoritätspersonen, die viele von uns kennen lernen. Wenn diese aber nicht wirklich die Erwachsenen im Familiensystem sind, kann das dazu führen, dass man sein Leben lang Probleme mit Autorität und Rollen hat. Denn diejenigen von uns, die es nicht geschafft haben ihren Eltern Grenzen aufzuzeigen, versuchen das möglicherweise mit Autoritätspersonen im Beruf zu kompensieren und haben eine grundsätzliche Abneigung gegen die Obrigkeit.

Ohnmacht

Wenn Kinder die Aufgaben und Verantwortungen ihrer Eltern übernehmen, so tun sie dies, weil sie sich wünschen, dass die Eltern glücklich sind. (Erwachsene) Kinder, die viel auf sich nehmen machen das, weil sie hoffen, die Situation würde sich dadurch verbessern. Dabei bleibt aber die Erkenntnis oft nicht aus, dass man am Ende doch nichts ausrichten kann. Egal wie sehr man sich anstrengt.

Man kann die Alkoholsucht des Vaters nicht heilen, die Einsamkeit der Mutter nicht stillen. Es entwickelt sich eine gewisse Ohnmacht, die so lange besteht, bis das Eltern-Kind-System eine Entlastung oder Korrektur erfährt. Das ist besonders schwierig, weil rein äußerlich nichts unbedingt Schlimmes passiert. Es kann sogar so wirken, als wäre die Beziehung sehr innig und intakt. Die Wahrheit kennt oft nur das erwachsene Kind.

 

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