BirthStrike: Junge Frauen bekommen aus Protest gegen den Klimawandel keine Kinder

Ihre zukünftigen Kinder einer Welt mit durch den Klimawandel ungewisser Zukunft aussetzen? Das wollen und können die jungen Frauen nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren.

„Ich mache mir solche Sorgen, dass ich beschlossen habe, keine Kinder in die Welt zu setzen.“ Mit diesem Satz in einem BBC-Interview hat die 33-jährige britische Sängerin Blythe Pepino eine Bewegung gestartet: Unter #birthstrike erklären Frauen und auch Männer, dass sie auf Grund des Klimawandels keine nachhaltige Zukunft für kommende Generationen sehen und deshalb in „Gebärstreik“ treten. Pepino erklärte weiter, dass sie eigentlich mit ihrem Partner Kinder haben wollte, die Angst vor den Folgen der Erderwärmung sei aber größer als der Kinderwunsch. Seit sie im vergangenen Herbst den jüngsten Umweltreport gelesen habe, könne sie eine Mutterschaft nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren. „Das ist meine Art zu sagen: Leute, ich habe fast die Hoffnung verloren.“ Außerdem gebe ihr die Kinderlosigkeit mehr Zeit, sich für den Umweltschutz zu engagieren.

Die Argumente von BirthStrike: Einerseits haben die Menschen Angst vor den kommenden Umweltrisiken, denen ihre Kinder im Lauf ihres Lebens ausgesetzt wären, andererseits trage es schon automatisch zum Klimawandel bei, wenn weitere Menschen auf die Welt kämen. Abgesehen von den Ressourcen, die ein Kind in reichen Ländern in den ersten Lebensjahren benötigt.

Menschen bekommen auf Grund des Klimawandels weniger oder keine Kinder

Die deutsche Lehrerin und Autorin Verena Brunschweiger schlägt mit ihrem eben erschienen Buch „Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest“ in dieselbe Kerbe: Gegenüber dem Bayrischen Rundfunk sagte Brunschweiger, das Kinderverzicht schlicht das Beste für die Umwelt sei. „Das hat damit zu tun, ob ich beitragen will zu Überbevölkerung oder Umweltzerstörung oder ob ich es schön haben will für andere Kinder und Pflanzen und Tiere, die schon da sind.“

Auch die amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez nahm das Thema via Instagram live auf: „Unser Planet geht einem Desaster entgegen, wenn wir das Ruder nicht herumreißen. […] Die WissenschafterInnen sind sich einig, dass das Leben der Kinder sehr schwierig sein wird. Wir haben eine moralische Verpflichtung, ihnen eine bessere Welt zu hinterlassen. Junge Leute fragen sich: Ist es noch OK, Kinder zu haben?“

Dass sie das tun, belegte 2018 eine Umfrage der New York Times. Auf die Frage, warum die AmerikanerInnen immer weniger Kinder bekommen, meinten 11 Prozent der Befragten, dass sie keinen Nachwuchs wollten oder sich nicht sicher sein, weil sie sich „wegen des Klimawandels Sorgen machen“. Ganze 33 Prozent und damit ein Drittel gaben an, sie hätten wegen dieser Bedenken weniger Kinder als sie eigentlich haben wollten.

Fakt ist: Keine Kinder zu haben bringt die größten CO2-Ersparnisse

Diesen Sorgen liegen tatsächliche Fakten zu Grunde. Kimberly Nicholas, Professorin für Nachhaltigkeitsstudien an der schwedischen Lund Universität, und Setz Wynes von der kanadischen University of British Columbia haben 39 Einzelstudien zum Thema Klimawandel und 148 Szenarien in zehn Industrieländern untersucht. Ihr Fazit: Eine der effektivsten Maßnahmen für die Reduzierung der eigenen Umweltbelastung ist der Entschluss, keine Kinder zu bekommen (zum WIENERIN-Artikel).

Konkret sieht das so aus: Pflanzliche Ernährung spart 0, bis 1,6 Tonnen CO2 pro Jahr, ein Flug 0,7 bis 2,8 Tonnen, der Verzicht aufs Auto 1 bis 5,3 Tonnen. Der Verzicht auf ein Kind: 23,7 bis 117,7 Tonnen CO2 pro Jahr je nach Alter und Lebensumständen des Kindes.

Blythe Pepino ist wichtig, klarzustellen, dass es nicht darum geht, Leute zu entmutigen, Kinder zu bekommen, oder gar jene zu verurteilen, die das bereits getan haben. Es gehe um ein „radikales Erkennen“, wie sehr die vorhergesagte Umweltsituation bereits beeinflusse, „wie wir uns unsere Zukunft vorstellen“. BirthStrike sei keineswegs ein Plädoyer für das Begrenzen von Bevölkerungswachstum. Viele der Frauen hegen einen grundsätzlichen Kinderwunsch und sind der Meinung, dass Kinder und Fortpflanzung schon der Sinn des Lebens seien. Hannah Scott, 23 und Unterstützerin von BirthStrike, meint: „Es geht darum zu sagen: Es ist OK, diese Wahl zu treffen, aber es ist nicht OK, diese Wahl treffen zu müssen. Wir sollten niemals in einer Situation sein, die uns so viel Angst davor macht, Leben in diese Welt zu bringen.“

Eine persönliche Entscheidung wird zum Politikum und soll Umdenken anregen

Blythe Pepino hat trotz allem eine optimistische Sicht auf das, was eine Bewegung wie BirthStrike ausrichten kann: „In gewissem Sinne ist es ein hoffnungsvolles Handeln. Wir treffen diese Entscheidung nicht im Geheimen und geben damit auf. Wir machen diese Entscheidung zu etwas Politischem – und hoffen, dass sie uns die Chance gibt, unser Denken und Handeln zu verändern.“

 

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