Bioethik-Expertin: "Designerbabys gibt es nicht"

Die Bioethik-Expertin Barbara Prainsack hält nichts vom Begriff "Designerbaby" und erklärt, wie Reproduktionstechnologien das Leben von Frauen verbessern.

Was kann man sich unter dem Begriff „Designer-Babys“ vorstellen?

BARBARA PRAINSACK: Der Begriff „Designer-Baby“ wird hauptsächlich von Menschen verwendet, die menschliche Intervention in die „natürliche“ Reproduktion ablehnen. „Designer-Babys“ gibt es aber weder real, noch kenne ich irgendjemanden, die oder der sich eines wünscht – das gibt’s hauptsächlich in Filmen. Das „Designer-Baby“ ist eine fiktive Figur, die argumentativ dazu verwendet wird, Eingriffe in das, was man sich unter „natürlicher“ Reproduktion vorstellt, zu delegitimieren. Ein Designer-Baby würde ja bedeuten, dass das etwas wie eine Designer-Wohnung oder ein Designer-Haus ist – nach den eigenen Wünschen gestaltet. Es gibt jedoch weltweit keinen Forscher/keine Forscherin im Bereich der Reproduktionsmedizin, der oder die das ermöglichen möchte. Das ist von der tatsächlichen Wissenschaft völlig weit entfernt. In Österreich wurde der Begriff auch dazu verwendet, um die Präimplantationsdiagnostik (PID) zu diskreditieren – das Problem ist nur, dass der Begriff total verfehlt ist. Die PID wird weltweit hauptsächlich bei schweren, erblichen Krankheiten angewendet – wenn Frauen mehrere Male hintereinander Fehlgeburten erleiden oder das Baby kurz nach der Geburt stirbt. Bevor man die Embryonen implantiert, werden also jene ausgewählt, die diese Krankheit nicht haben. Das ist der Grundgedanke der PID. Einige Leute finden das ganz schrecklich, weil sie glauben, es geht darum, sich „Designer-Babys“ auszusuchen. Das ist eine völlige Pervertierung des Begriffes. Wenn man will, dass man keinen Embryo aussucht, der schon als Fötus oder im Alter von 2-3 Jahren qualvoll stirbt, oder lebenslang an einer sehr schweren Krankheit leidet – dann ist das kein „Designer-Baby“. Die Haarfarbe oder Begabungen des Babys „auszusuchen“ – solche Dinge sind technisch derzeit nicht einmal möglich. Und werden in der seriösen Reproduktionsforschung als kurios abgestempelt.

Was ist denn nach derzeitigem Forschungsstand möglich?

Man könnte von verschiedenen Embryonen mit neueren Testungsmethoden wahrscheinliche Eigenschaften erfahren – aber das sind nur Wahrscheinlichkeiten. Jedoch ist bereits die Idee völlig absurd. Wieso sollte ein Paar, das keine Fruchtbarkeitsprobleme hat, sich für einen invasiven und für die Frau schmerzhaften Eingriff entscheiden, um sich dann die Hautpigmentierung oder die Augenfarbe mit Wahrscheinlichkeiten ausrechnen zu lassen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der bei Sinnen ist, so etwas machen würde.

Wenn man will, dass man keinen Embryo aussucht, der schon als Fötus oder im Alter von 2-3 Jahren qualvoll stirbt, oder lebenslang an einer sehr schweren Krankheit leidet – dann ist das kein „Designer-Baby“.
Barbara Prainsack

Das heißt, die Forschung geht in die Richtung der Unterstützung dieser Paare?

Die Forschung geht in die Richtung, dass gesundheitliche Probleme – schwere Erkrankungen – immer früher verhindert werden. Als die Pränataldiagnostik noch relativ schlecht entwickelt war, sind dann etwa Kinder mit schweren neurodegenerativen Erkrankungen auf die Welt gekommen und in jungem Alter gestorben. Mittlerweile schaut man sich bei solchen ganz schweren Erkrankungen wie etwa Taz Sachs in manchen Ländern mit dem Präkonzeptionsscreening den Trägerstatus der Eltern an, bevor sie ein Kind zeugen – und wenn beide Eltern Träger sind, dann kann man eine In-vitro-Fertilisation (IVF) mit PID machen und die Embryonen auswählen, die nicht von der Krankheit betroffen sind. Oder man greift zur Pränataldiagnostik und bricht Schwangerschaften mit betroffenen Embryonen bzw. Föten ab. Die Forschung geht in diese Richtung – und nicht in die Richtung zu ermöglichen, dass sich Leute die Nasenlänge ihrer Kinder aussuchen können. Mir ist auch keine Person bekannt, die so etwas von der Elternseite her überhaupt wollen würde. Die meisten Menschen wollen einfach ein gesundes Kind haben.

Kann es dennoch zu Problemen kommen?

In manchen Erdteilen könnte es zu Problemen kommen, wenn die Präimplantationsdiagnostik dazu verwendet wird, das Geschlecht zu bestimmen, um nur männliche Embryonen zu implantieren. Das passiert in Ländern, in denen männliche Babys aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen als wünschenswert gelten. Das als „Designer-Baby“ zu bezeichnen, würde zu weit gehen, auch wenn die Auswahl des Geschlechts aus nicht-medizinischen Gründen sicher ein großes soziales Problem darstellt. In den meisten Fällen wird dafür allerdings nicht Präimplantationsdiagnostik verwendet, sondern herkömmliche Pränataldiagnostik wie Ultraschall; weibliche Föten werden dann abgetrieben. Dieser Praxis gilt es Einhalt zu gebieten – auch wenn der Weg dazu sicher nicht im prinzipiellen Verbot der Technologien liegt, die dazu benutzt werden. Man muss bei den sozialen Werten und Praktiken ansetzen.

Ist es aus bioethischer Sicht verwerflich, das Geschlecht des Embryos zu bestimmen?

Nein, allgemein kann man das nicht sagen. Denn manchmal dient die Bestimmung des Geschlechts – im Präimplantationsbereich – dazu, dass man männliche Embryonen aussortiert. Warum tut man das? Nicht weil man was gegen Männer hat, sondern weil manche Krankheiten phänotypisch nur bei Männern ausgeprägt sind. Das heißt, die Krankheiten brechen bei Mädchen nicht aus. Wenn man dann die Embryonen im Reagenzglas hat, kann man entweder schauen, ob jeder einzelne Embryo von der Erkrankung betroffen ist – oder wenn man weiß, dass es eine Krankheit ist, die nur Männer betrifft, kann man nur weibliche Embryonen implantieren.

Wieso sollte ein Paar, das keine Fruchtbarkeitsprobleme hat, sich für einen invasiven und für die Frau schmerzhaften Eingriff entscheiden, um sich dann die Hautpigmentierung oder die Augenfarbe mit Wahrscheinlichkeiten ausrechnen zu lassen?
Barbara Prainsack

Was für Krankheiten wären das zum Beispiel?

Ein Beispiel wäre die Muskeldystrophie Duchenne, die fast ausschließlich Buben betrifft. Wenn das Geschlecht allerdings aus nichtmedizinischen Gründen ausgewählt wird, dann ist das auch bioethisch ein Problem; auch wenn man die Ursache des Problems nicht nur im Handeln einzelner Menschen, sondern in den Gesellschaften suchen muss, welche die Geburt eines Mädchens stigmatisieren oder zu einem ökonomischen Problem werden lassen.

Wie sieht die rechtliche Lage in Österreich aus, was Reproduktionsmedizin betrifft?

Österreich war vor der Überarbeitung des Reproduktionsmedizingesetzes voriges Jahr vergleichsweise sehr konservativ. Es gab eine starke Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare, ein Verbot der Eizellenspende und der Präimplantationsdiagnostik. Österreich war hier sicher eines der konservativsten Länder – mit dem Effekt, dass viele Frauen und Paare ins Ausland gegangen sind. Zum Beispiel lesbische Paare, die eine Samenspende wollten. Auch das war ihnen in Österreich nicht erlaubt. Ein relativ liberales Land ist Großbritannien, wo im Prinzip sehr viel erlaubt ist. Die Präimplantationsdiagnostik ist dort allerdings auch nur in einer eng begrenzten Zahl von Fällen erlaubt. In den USA ist auch sehr viel erlaubt und auch weniger streng reguliert, wie etwa auch die Leihmutterschaft – die bleibt in Österreich und manchen anderen Ländern verboten.

Was hat sich nach der Überarbeitung des Gesetzes in Österreich geändert?

Dass lesbische Paare bessergestellt als es vorher der Fall war, sie haben Zugang zu Reproduktionsmedizin. Schwule Paare leider nicht, weil sie eine Leihmutter bräuchten. Die Verbesserung der Stellung lesbischer Paare ist eine der Hauptneuerungen. Oft wurde vorher mit dem Kindeswohl argumentiert, dass nämlich Kinder eine Mutter und einen Vater brauchen; es gibt allerdings in der empirischen Forschung keine Daten, die verlässlich zeigen, dass es Kindern aus glücklichen heterosexuellen Partnerschaften besser geht als Kindern aus glücklichen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Zudem ist nun die Verwendung von Spendersamen in einem weiteren Anwendungsfeld erlaubt, und die Eizellenspende prinzipiell möglich. Auch die PID ist nun in Österreich in bestimmten Fällen erlaubt. Wenn Frauen mehrere Fehlgeburten hatten oder wenn es Hinweise darauf gibt, dass eine schwerwiegende erbliche Krankheit übertragen werden könnte, können Paare in bestimmten Fällen Zugang zu einer PID bekommen. Medizintechnologie muss hier einen Weg bieten, ihnen zu helfen. Das ist eine sehr wichtige Neuerung, weil man davor Frauen und Paare alleine gelassen hat: Die mussten „weiter probieren.“ Das war schon eine sehr brutale Situation.

Sie beschäftigen sich mit Genforschung. Was macht den Menschen zu dem, was er ist – seine Gene oder seine Umwelteinflüsse?

Beides ist wichtig. Bei eineiigen Zwillingen sehen wir tagtäglich, dass es sich trotz der identischen DNA um zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten handelt. Obwohl eineiige Zwillinge meist große Ähnlichkeiten haben, lässt sich aus ihrer DNA keineswegs ablesen, wer oder wie wir sind. Sogar von Krankheiten, die einen erheblichen genetischen Anteil haben, ist manchmal nur ein Teil eines eineiigen Zwillingspaares betroffen. Unsere Umwelt und unsere Lebensweise haben nämlich auch Einfluss darauf, wie unsere Gene wirken.

Barbara Prainsack ist Professorin am interdisziplinären Institut für Sozialwissenschaft und Medizin am King’s College in London. Die Politologin ist Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission und der Ethikkommission der Nationalen DNA Datenbank in Großbritannien.

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