Bin ich wirklich dein Vater? Über das Tabuthema Vaterschaftstest

Statistisch gesehen sitzen in jeder österreichischen Schulklasse zwei Kuckuckskinder. Die Dunkelziffer liegt noch höher. Was bedeutet das für Scheinväter, Familien und vor allem die Kinder?

Wenn Susanne Haas in ihrem Labor im 19. Wiener Gemeindebezirk zum Telefonhörer greift, um ihren Kunden die Testergebnisse der DNA-Analysen mitzuteilen, wird es am anderen Ende der Leitung oft bedrückend still. „Die Vaterschaft ist ausgeschlossen“ – vier kleine Worte, die ausreichen, um ein ganzes Leben schlagartig zu verändern, manchmal sogar zu zerstören.

25% der getesteten Kinder haben in der Geburtsurkunde nicht den leiblichen Vater eingetragen.
Susanne Haas, Sachverständige

Diesmal betroffen: ein Mann Mitte 70, gut situiert, verheiratet, drei erwachsene Söhne. Sein Erbe sollte geregelt werden, der Vaterschaftstest zu einem so späten Zeitpunkt eigentlich nur reine Formsache sein. Kleine Zweifel an seiner Vaterschaft waren da. Aber der ernsthafte Gedanke daran, dass eines seiner Kinder nicht von ihm sein könnte? Unmöglich. Einen Telefonanruf später weiß er: Keiner der Söhne ist sein leibliches Kind. Er hat keine eigenen Nachkommen gezeugt und wird das in seinem Alter auch nicht mehr tun ... Was geht in einem Menschen vor, in dessen Leben plötzlich nichts mehr ist, wie es schien?


Scheinvater

Einer, der diese Situation nur zu gut kennt, ist Ludger Pütz. Als er erfährt, dass er nicht der leibliche Vater seines geliebten Sohnes ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Nach dem ersten Schock und aus der Ahnung heraus, nicht alleine zu sein, gründet er 2011 als Max Kuckucksvater einen Blog.

Seit der Gründung von kuckucksvater.wordpress.com zählte die Seite über 1.000.000 Zugriffe und beweist: Kuckuckskinder sind ein gesellschaftliches Tabu, aber bestimmt kein Randthema. Der Blog richtet sich an Kuckucksväter, an betroffene Familien, Kinder, Mütter und Angehörige. An den Pranger stellen will Pütz niemand. Eher Einsatz zeigen, für das Recht der Kinder auf Identität. Auch wenn das bedeutet, dass eine vermeintlich heile Familie zerstört wird. Tausende Foreneinträge und Kommentare auf der Seite geben ihm recht und machen deutlich, dass die Suche nach der eigenen Herkunft bis ins hohe Alter andauern kann.


Lebenslüge

Dass Kuckuckskinder oft ein Leben lang mit ihrer Identität kämpfen, bestätigt auch die Psychotherapie-Wissenschaftlerin Ursula della Schiava-Winkler. „Den leiblichen Vater zu kennen, ist für die Erkundung der eigenen Identität unerlässlich. Viele Kinder spüren schon früh, dass da etwas nicht stimmt, können es aber nicht benennen. Je mehr Klarheit in der Familie herrscht, desto leichter gelingt es dem Kind und den Eltern, mit Themen wie Identitätsfindung, Intimität und Identifikation umzugehen.“ Gibt es diese Auseinandersetzung in den betroffenen Familien nicht, bleiben oft nur quälende Fragen zurück: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wäre mein Leben anders verlaufen, hätte ich meinen richtigen Vater (früher) kennen gelernt?

Die Frage nach dem Warum

Im ersten Moment stellen sich viele die Frage nach den Beweggründen der Mütter. Aus welchem Grund würde eine Frau ihren Partner täuschen und gleichzeitig ihrem Kind den leiblichen Vater vorenthalten wollen? Sind es tatsächlich vorwiegend finanzielle Interessen, die die Frauen leiten?

Eltern haben die moralische Verpflichtung, ihrem Kind die Wahrheit zu sagen!
Ursula della Schiava-Winkler

Auch wenn es schwer zu glauben ist: Hinter dem vermeintlichen Betrug stecken oft gute Absichten. „Mütter, die in so einer Situation sind, wollen auch nur das Beste für ihr Kind. Sie haben das Bedürfnis eine warmherzige, gutbehütete Umgebung zu schaffen, die durch einen sozialen Vater gut abgedeckt ist“, erklärt Ursula della Schiava-Winkler. „Sie wollen um jeden Preis das gesellschaftliche Mutter-Vater-Kind-Ideal aufrecht erhalten.“

Aber wie gehen die sogenannten Scheinväter mit der Situation um? „Vor allem wenn das Kind schon älter ist, reagieren Väter im ersten Moment mit Wut, Verzweiflung, Scham und Ohnmacht. Sie verlieren plötzlich ihr Kind und wissen sich dann oft nicht anders zu helfen, als sich der ­Situation komplett zu entziehen“, ­erklärt die Expertin. Zurück bleiben ein verstörtes Kind und tausend ­Fragen.
Aber wie soll eine Familie überhaupt mit so einer Situation umgehen, wie sich den gesellschaftlichen Erwartungen entziehen?

Schlimm ist immer nur, was gesellschaftlich nicht sein darf!
Susanne Haas, Sachverständige

Für Susanne Haas ist die Antwort klar: „Ein Kind braucht vor allem Liebe und Zuwendung. Ob es von fünf Menschen geliebt wird oder von zwei, ist gleich. Die Wahrheit ist den Menschen und der Gesellschaft zumutbar. Schlimm ist immer nur das, was gesellschaftlich nicht sein darf.“ Ursula della Schiava-Winkler sieht das ähnlich: „Beide Eltern haben gegenüber dem Kind die moralische Verpflichtung zur Wahrheit. Erst wenn man offen mit der Situation umgeht, das Schweigen bricht und alle damit verbundenen Emotionen zulässt, kann die Familie gemeinsam aus der Situation herausfinden.“
Im Endeffekt hilft nämlich allen nur eines: Gewissheit.

Susanne Haas ist allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige und untersucht in ihrem Wiener Labor rund 1.000 Vaterschaften im Jahr. Manche werden gerichtlich angeordnet, andere privat beauftragt. Info: Confidence DNA-Analysen, confidence.at.

Wie kommt es zu Vaterschaftstests?
Bei unehelichen Kindern wird von den Männern oft vor Anerkennung der Vaterschaft ein Test verlangt. Innerhalb aufrechter Ehe gilt der Ehemann automatisch als Vater. Kommt es dann zur Scheidung, wird vieles infrage gestellt – oft auch die Abstammung der Kinder.

Von wem werden die Tests beauftragt?
Das ist unterschiedlich. Meistens kommen die Väter mit Proben des Kindes oder dem Kind selbst, ohne dass es die Mutter überhaupt weiß. Manchmal wollen aber auch die Großeltern wissen, ob das Enkerl wirklich vom eigenen Sohn ist.

In wie vielen Fällen kann eine Vaterschaft ausgeschlossen werden?
Bei uns im Labor sind etwa 25 % der getesteten Kinder sogenannte Kuckuckskinder. Laut Statistik sitzen in jeder österreichischen Schulklasse zwei. Wenn Sie so überlegen, ist das eine ganze Menge.

Wie reagieren die Väter auf ein negatives Ergebnis?
Vor allem wenn die Kinder schon älter sind, ist das für die Betroffenen sehr belastend. Viele brechen in Tränen aus und wissen nicht, wie es weitergehen soll. So weit müsste es eigentlich nicht kommen.

Wäre ein gesetzlich verpflichtender Vaterschaftstest eine Möglichkeit?
Absolut! Es sollte bei jeder Geburt routinemäßig ein Test gemacht werden. So könnte man auch Verwechslungen von Säuglingen im Krankenhaus ausschließen. Abgesehen davon, dass sich alle Beteiligten viel Leid ersparen würden.

Gibt es Väter, die das Ergebnis verschweigen oder nicht wahrhaben wollen?
Die gibt es schon, ja. Sie wollen dann in der Öffentlichkeit nicht als der Gehörnte dastehen. Das heile Familienbild soll aufrecht bleiben, oder sie wollen aus religiösen Gründen nichts sagen.

Gibt es Situationen, wo man die Wahrheit vielleicht doch besser verschweigt?
Nein. Kinder haben ein Recht auf Identität und sollten geliebt und umsorgt werden. Klarheit für alle Beteiligten ist aus meiner Sicht immer noch der beste Weg.

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