Bin ich noch normal?

Manche hören ihr Handy klingeln, obwohl gar niemand anruft. Einige reden regelmäßig mit sich selbst. Ja, ticken wir denn alle nicht mehr richtig?

Manche hören ihr Handy klingeln, obwohl gar niemand anruft. Einige reden regelmäßig mit sich selbst. Und viele bekommen schon beim Gedanken an eine über die Tafel kratzende Kreide Gänsehaut. Ja, ticken wir denn alle nicht mehr richtig? Wir verraten Ihnen, ob wir uns wirklich Sorgen und einen Termin beim Therapeuten machen müssen.

Text Daniela Schuster Fotos Konrad Limbeck

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Das klingt ja haarsträubend
Julia, 36, Rechtsanwältin

"Ich bin eigentlich kein Fröstler. Und auch Horrorthriller können mir keinen Schauer über den Rücken jagen. Doch manche Geräusche schaffen genau das. Ich höre, dass jemand in einen Apfel beißt oder Styroporplatten zerbricht, und ich bekomme eine Gänsehaut. Inzwischen reicht sogar schon die bloße Vorstellung davon, um mir die Haare zu Berge stehen zu lassen. Haarsträubend, oder?"

"Aber nicht ungewöhnlich", meint Biologin Anna Munster. Unsere Haut habe zwar keine Ohren, doch reagiere sie auf Geräusche. Und zwar vornehmlich auf solche, die hochfrequent und dissonant sind - wie das Kratzen von Kreide über eine Tafel oder auch eben Styropor auf Styropor. Diese ganz speziellen Töne erregen Gehirnareale, die bei anderen Geräuschen nicht unbedingt mitreagieren: Über das Ohr gelangen diese schrillen, lauten Töne ins limbische System, eines der ältesten Teile des Hirns, das auch starke Emotionen verarbeitet. "Und dort werden sie fälschlicherweise als Warnrufe oder Angstschreie interpretiert, mit denen wir dann automatisch drohende Gefahr verbinden", erklärt Munster. Evolutionsgeschichtlich bedingt stellen sich alsdann unsere Körperhaare auf, in einer Art archaischer Drohgebärde. Unsere fellbedeckten Vorfahren beeindruckten auf diese Weise ihre Feinde durch vermeintliche Größe. An Katzen zum Beispiel kann man dieses Reaktion heute noch gut beobachten.

Das limbische System schläft im übrigen nie, sondern weckt uns auch dann auf, wenn wir im Schlaf ein schrilles Geräusch hören. Eine wichtiger Überlebungsmechanismus. Allerdings reagieren wir nicht alle gleich auf bestimmte Geräusche: Entscheidend ist nach Meinung der Experten, welche Erfahrungen jeder einzelne in bestimmten Situationen mit ihnen gemacht hat. Und diese Erfahrungen werden im limbischen System gespeichert. Was dazu führt, dass schon der Gedanke an Kreide auf Tafel einen Schauer über den Rücken laufen lassen kann. Kleine Kinder, die noch nicht so viele Erfahrungen abgespeichert haben, reagieren dagegen kaum auf für Erwachsene unangenehme Geräusche.

Ohrwürmer, Passivtrinken, Déjà-vus: Erklärungen für solche und ähnliche Phänomene finden Sie in der März-WIENERIN.

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Der innere Dialog mit uns selbst ist nur in lauter Form peinlich.

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