Bin ich freundlich oder flirte ich?

Als Kellnerin, Verkäuferin, Frisörin oder auch manchmal als Journalistin ist Freundlichkeit eine Voraussetzung, damit man gute Ergebnisse bekommt. Was, wenn aber diese Freundlichkeit als Flirten interpretiert wird?

Kellnerin

Kennt ihr das, wenn ihr eigentlich nur nett und freundlich seid und euch gut unterhaltet und dann wird das entweder vom Gegenüber oder von der Außenwelt als Flirten interpretiert? Als Frau ist das natürlich super unangenehm und noch schlimmer ist es im beruflichen Kontext. Ich habe vor wenigen Wochen ein Interview geführt, bei dem ich genau dieser Situation ausgesetzt war. Mein Interviewpartner war in einem ähnlichen Alter und die Fotos sahen aus, als wären wir auf einem Date, obwohl wir nur ein sehr fachliches Gespräch geführt hatten. Ich fühlte mich furchtbar, obwohl nicht mal er das Gespräch falsch interpretierte, sondern die Außenwelt. Aber wie konnte ich das richtig stellen?

War ich unprofessionell gewesen?

Warum erzähle ich euch diese Geschichte? Wieso ich einen Text darüber schreibe, ist, weil mich erschrocken hat, was sofort in meinem Kopf passiert ist. Ich schämte mich. Denn sofort hinterfragte ich, ob ich mit ihm geflirtet hatte. Hatte ich ihm die falschen Signale gesendet? Was würden meine Kolleg*innen denken, wenn sie die Bilder sehen? Würden sie mich unprofessionell finden? War ich unprofessionell gewesen?

Ich hörte mir die Aufnahme vom Gespräch durch, aber nein. Ich hatte meine Fragen gestellt, ich war freundlich gewesen, hatte zugestimmt, hatte ermutigt näher auszuführen. Ich wusste, in welchen Momenten ich nachbohren musste, wo ich necken oder provozieren konnte. Ich machte meinen Job. Und den machte ich gut. All das hätte ich genauso gemacht, wenn er eine Frau gewesen wäre.

Erfolgreiche Frauen sind verbissen

Diese Gedankenspirale jedoch, diese Panik, brachte mich zum Nachdenken: Wieso hatte ich so viel Angst davor, dass jemand glauben könnte, ich hätte mit ihm geflirtet? Es hätte schließlich das Endergebnis, ein gutes Interview, nicht verändert. Wieso ging ich davon aus, dafür verurteilt zu werden und wieso verurteilte ich mich vor allem sofort selbst?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass es mit meiner Sozialisation zu tun hatte. Mit der Idee, die ich von erfolgreichen Frauen hatten. Diese waren knallhart. Verbissen. Ehrgeizig. Diese lächelten sich nicht ihren Weg nach oben. Und wenn schon, dann hatten sie ihren Aufstieg vielleicht nicht verdient. Dann hatten sie sich vielleicht nach oben geschlafen.

Freundlich sein geht zu weit

Es erschreckt mich, dass ich als feministische Frau diese Gedanken noch nicht abgelegt habe. Noch schlimmer sogar: Ich wälzte diese sofort auf mich um und ging dabei so weit, mich selbst zu beschämen. Dabei wusste ich, wie die Situation ausgesehen hatte. Ich war schließlich dabei gewesen. Ich wusste, dass ich nichts falsch gemacht hatte. Was dachte er wohl über mich, schoss mir durch den Kopf. Ich merkte, dass mir als Frau eingetrichtert worden war, dass jedes Lächeln falsch interpretiert werden könnte. Dass jede Nettigkeit eine Aufforderung sein könnte, dass Freundlich-Sein das neue Darum-Fragen ist.

Gut mit Menschen

Dieser Text ist ein Aufruf an uns Frauen, auch an mich, uns weniger selbst zu beschämen. Manche Situationen, manche Jobs setzen Freundlichkeit voraus. Eine Kellnerin wird nicht besonders beliebt sein, wenn sie nur Frauen freundlich behandelt und eine Verkäuferin wird weniger Umsatz machen, wenn sie nur mehr Frauen anlächelt. Ich würde auf jeden Fall weniger gute Antworten bekommen und meine Interviewpartner*innen würden sich weniger öffnen, wenn ich jeden Mann automatisch ins Kreuzverhör nehmen würde.

Hier geht es nicht darum, dass Männer eine Sonderbehandlung bekommen. Oder man in beruflichem Umfeld flirten sollte, um zu bekommen, was man möchte. Ganz und gar nicht! Es geht stattdessen darum, dass auch Männer Menschen sind, gegenüber denen man freundlich sein kann. Manchmal ist ein Lächeln nur ein Lächeln. Manchmal bedeutet der Fakt, dass man über einen Witz lacht nur, dass der Witz lustig war.

Es sollte irrelevant sein, ob die Person auf der anderen Seite ein Mann oder eine Frau ist. Viele Frauen sind emphatischer, mitfühlender als Männer und es ist leichter, sich ihnen anzuvertrauen. Das sind unsere Stärken. Wieso beschämen wir uns deswegen und akzeptieren nicht einfach, dass wir gut mit Menschen sind? Nicht mit Männern. Sondern mit Menschen.

Job
 

Aktuell