Bin ich die Einzige, die das Nichtstun auf YouTube nicht versteht?

In ihrer Kolumne "Die Blume aus Stadlau" schreibt Teresa darüber, dass sie wirklicht nichts dagegen hat, wenn Leute dem süßen Nichtstun frönen. Sie will nur nicht dabei zusehen.

Mein bester Freund ist gerade besessen von zwei YouTubern,
die den ganzen Tag buchstäblich nichts machen, außer sich dabei
zu filmen, wie sie sich entweder nüchtern oder unter diversen Drogeneinflüssen unterhalten, Blödsinn machen und sich manchmal auch übergeben. Weil sein Geschmack normalerweise nicht komplett fehlgeleitet ist, wollte ich es verstehen. Ich habe diesen Videos eine legitime Chance gegeben. Vergeblich. Ich bin ja offen für das Internet und all den Schas, der darin vorkommt, aber das war mir zu viel.

Die meisten Youtuber tun nichts in Hochglanz-Politur

Was mein Freund an ihnen mag: Sie sind ein Gegenpol zu all den perfekt ausgeleuchteten Hochglanz-YouTubern. Sie zeigen das Leben von durchschnittlichen Jugendlichen, echt und unbeschönt. Sie drehen eine Kamera auf und filmen sich dabei, wie sie unambitioniert nichts tun. Elijah und Christine (so heißen seine neuen Vorbilder) werden aus dem Ikea geworfen, weil sie zu wild Verstecken gespielt haben. Elijah und Christine kaufen Goldfische. Elijah und Christine begraben ihre neuen, verstorbenen Goldfische. Elijah und Christine betrinken sich beim Brunchen. Es gibt Hunderte solcher Social-Media-Persönlichkeiten, deren Videos nur daraus bestehen, zu erzählen, was sie in letzter Zeit so gemacht haben.

Nichtstun ist so wienerisch, dass es sogar ein eigenes Wort dafür gibt: tachinieren.

Die meisten versuchen dabei stets, sich von ihrer schmeichelhaftesten Seite zu zeigen. Diese Videos wirken dann so, als würde das Leben der Protagonisten nach Vanille riechen und als wären unfreundliche Starbucks-Baristas ihr größtes Problem. Aber hier nicht: Ich sehe der stark übergewichtigen Christine liebevoll dabei zu, wie sie betrunken und für ihren Zustand überraschend eloquent Quizfragen aus einem Wissensspiel beantwortet und sich danach in die Lieblingsvase von Elijah übergibt. Nein, ihr Leben sieht nicht aus, als würde es nach Vanille riechen, da hat mein Freund schon recht. Die leben einfach in ihr Leben hinein, ohne jeglichen Versuch, besser darin zu werden. Und den Selbstoptimierungswahn im Internet kann man ja nicht genug kriti­sieren.

Auch der Wiener tut gern Owezahn

Dann höre ich zufällig das Praterlied von Nino aus Wien: „Bis ölfe kaufst beim Nah & Frisch an Leberkas und Dosenfisch, dazua vielleicht a Gösser-Bier. Dann reden di di Madln o, du sogst ,na‘ und gehst wieder ham, z’Haus spüst a bisl Fifa und valierst.“ Klingt das nicht schön? Das unaufgeregte Nichtstun, das Fehlen jeglicher Ambition zur Selbst­optimierung ist doch irgendwie was Urwienerisches. Es ist so wienerisch, dass es sogar ein eigenes Wort dafür gibt: tachinieren. Das Wienerlied hat eine lange Tradition, das Nichtstun zu romantisieren, zum Beispiel in Der Tschick von Danzer oder Gemma schauen von Qualtinger und Heller. Damit man das Nichtstun aber romantisieren kann, gehört eine gewisse Portion Bewusstheit dazu. Um das Tachinieren und das Herumstrawanzen zu genießen. Ich würd auch gern wie der Nino am Praterstern rumlungern, Leberkässemmeln kaufen und ein bisschen Fifa spielen. Aber ich würd mir niemals ein YouTube-Video davon anschauen.

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