Beziehungstest

Manchmal will man einfach nicht so weitermachen wie bisher. Mit dem Partner, mit der Beziehung. Aber aufgeben will man auch noch nicht. Der WIENERIN-Beziehungscheck sagt, wie Sie Ihrer Liebe eine neue Chance geben.

Freuen Sie sich schon auf den Sommer? Darauf, mit dem Partner zusammen Urlaub zu machen, sich auszuruhen, spannende und lustige und erotische Erlebnisse miteinander zu teilen? Oft liebt man einander noch mehr als vorher, weil man sich in den Ferien besser kennen gelernt hat.

Es kann aber auch sein, dass man nach den Ferien ganz mies drauf ist. Hat sich im Urlaub nichts zu sagen gehabt oder über jeden Furz gestritten. Hat sich kilometerweit entfernt gefühlt vom Liebsten, wenn er am Handtuch neben einem geschnarcht hat. Und ist zurückgekommen mit Mühlsteinen des Frusts im Gepäck statt mit frischem Elan für den Alltag daheim.

Dass nicht wenige dann an ihrer Beziehung resignieren, beweist das florierende Geschäft der Scheidungsanwälte im September. Aber Resignation setzt oft zu früh ein. Denn, so der Imago-Paartherapeut Dr. Erwin Jaeggle über das Gute im Schlechten:

Eigentlich sollte man die Frustrationen durch den Partner als Geschenk ansehen und dafür dankbar sein. Denn nur durch diese Dinge kann man sich weiterentwickeln.
Dr. Erwin Jaeggle

Wer mit Mühlsteinen aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, muss also nicht gleich verzweifeln. Sondern einfach einmal sein schweres Gepäck aufmachen und sich genau ansehen, was da eigentlich so drin ist. Paartherapeut Jaeggle nennt die wichtigsten Parameter für einen ersten Beziehungs-Check.

Beziehungs-Check

Das rationale Gerüst.

Schreiben Sie sich auf, was Sie an der Beziehung und am andern stört. Was ist es, wann ist es, und wie oft oder wie viel ist es? Der nächste Schritt: Bringen Sie diese Störfaktoren in Ihrer Beziehung mit Erfahrungen aus Ihrer Kindheit in Verbindung.

Blick in die Vergangenheit.

Schauen Sie sich die vergleichbaren Erlebnisse mit Ihren Eltern genau an: Was war damals - welche Gefühle hatte ich, und was habe ich damals beschlossen, dagegen zu tun? Wie wollte ich mich wehren und schützen - und wie tue ich es heute? Notieren Sie sich Ihre Schutzmuster. Also etwa: "Wenn mich mein Partner kritisiert, verschanze ich mich - wie als Kind - hinter meinen Büchern."

Ideale überprüfen.

Nehmen Sie als Nächstes Ihre idealen Vorstellungen von sich selbst und die von einer Beziehung unter die Lupe. Wie wollen Sie selbst sein, was wollen Sie in Ihrer Partnerschaft alles erfüllt sehen? Überprüfen Sie, ob Ihre Ideale realistisch oder traumprinzmäßig sind. Und ob es richtig ist, daran festzuhalten, oder sie zu reduzieren. Denn: Überhöhte Vorstellungen verursachen nur unnötiges Leiden.

Funktioniert der Austausch?

In einer Beziehung gibt es auf den verschiedensten Ebenen Austauschprozesse, die einigermaßen ausgeglichen sein sollten. Einigermaßen bedeutet nicht unbedingt 50:50. Laut Jaeggle sind 30:70 ausreichend: das heißt, auch wenn ein Partner leicht dominiert, kann die Beziehung klappen.

Geben und nehmen.

Haben sowohl Sie als auch Ihr Partner die Fähigkeit zu geben und auch zu nehmen? Oder ist einer immer der Gebende und dadurch schon gefühlsmäßig ausgehöhlt? Auch wichtig: Sind Geschenke (sowohl emotioneller als auch materieller Natur) bedingungslos, oder steckt vielleicht eine heimliche Erpressung dahinter?

Macht und Unterwerfung.

Ist es in Ihrer Beziehung möglich, dass heute der eine, morgen der andere bestimmt? Aufpassen: Hier gibt es manchmal einen unbewussten Ausgleich, wenn einer seine Macht nur versteckt ausübt! - Das kann etwa heimliche Verweigerung, ständiges Kränkeln oder auch die Märtyrerrolle sein.

Sexualität.

Wichtig: dass beide verlangen und sich auch beide hingeben können. Auch Neinsagen können sollte ohne Probleme möglich sein - wobei der Neinsager in seiner Gesprächskultur darauf achten muss, dass sein Nein nur eine Enttäuschung, nicht aber eine Zurückweisung des anderen ist.

Wertschätzung.

Schenken Sie dem Partner, und er Ihnen, eine aufrechte Wertschätzung für Ihre charakteristischen Eigenschaften? Oder machen Sie sich gegenseitig oft mit abwertenden Bemerkungen fertig?


Kommunikationsfallen

Paare stellen sich in ihrer Kommunikation oft gegenseitig Fallen, die zwangsläufig zu einem Krach führen. Sobald Meinungen und/oder Gefühle wie Ärger, Angst oder Unzufriedenheit indirekt statt direkt ausgedrückt werden, entsteht so eine Falle. Typisch sind dabei:

  • Unterstellungen und Vorwürfe
  • Rückgriffe in die Vergangenheit: "Damals hast du genauso wie heute ..."
  • Generalisierungen wie "Immer bist du ...", "Nie machst du" oder "Schon wieder hast du ..."
  • Frageform: wenn einer den anderen immer wieder nach Dingen fragt, für die er auch selbst die Verantwortung übernehmen könnte. Zum Beispiel: "Warum ist keine Klorolle mehr am Halter?"

Innere Sicherheit.

Eine zentrale Frage jeder Weiterentwicklung: Wie sicher fühle ich mich in meiner Beziehung? Empfinde ich meinen Partner als (oder bin ich selbst) unberechenbar, unstet oder unzuverlässig? Gibt es einen hohen Aggressionspegel, Gewalt in Worten oder sogar Taten? Auch Schimpfworte und Anschreien sind verbale Gewalt, die tief verletzen kann. Deshalb: Um an der Beziehung zu arbeiten, muss erst die innere Sicherheit gesteigert werden.

Grenzen überprüfen.

Sind die Grenzen zwischen Ihnen und dem Partner dicht oder durchlässig, verschwommen oder zu stark? Gibt es bei Ihnen klare Regeln? Werden Abmachungen eingehalten?

Spiele der Erwachsenen.

Fast jedes Paar hat so seine Spiele, in denen jeder seine Lieblingsrolle einnimmt. Ob das jetzt ein Duett von "Wüterich und Unschuldslamm", "Helfer und Versager" oder was auch immer ist - diese Art von Spielen erhöht den Aggressionspegel in der Beziehung. Denn wegen der Maske, die jeder dabei trägt, ist er für den anderen nicht erreichbar und somit verletzend.

Viel Arbeit

Zugegeben: Sich und seine Beziehung derart genau anzuschauen und durchzuarbeiten, ist ein ganz schönes Stück Arbeit. Jedoch - was ist die Alternative? Psychotherapeut Jaeggle: "Bei 90 Prozent der Paare, die nicht an ihrer Entwicklung arbeiten, gibt es früher oder später die äußere oder innere Trennung. Entweder man geht auseinander - oder man lebt nebeneinander her und tut so, als ob nichts wäre." Diese Realitätsverweigerung belastet jedoch alle Systeme ringsum - den Job, den Freundeskreis, die Familie und die Kinder. Denn: "Die scheinbare Befriedung kostet sehr viel Energie, und die fehlt dann woanders."

Optimal ist es natürlich, wenn beide Partner sich gemeinsam dazu entschließen, etwas zu tun. In der Realität sieht es jedoch oft so aus, dass nur einer - meist der, der mehr unter den Problemen leidet - auf Beziehungsarbeit drängt. Paartherapeut Jaeggle kennt das Phänomen "Schlepper und Geschleppter" aus seiner Praxis nur zu gut: "Nur ein Drittel der Paare kommt zur Therapie aus einem gemeinsamen Entschluss. Bei zwei Dritteln ist es einer, der den anderen zu mir schleppt." Für all jene, die ihren Partner zu einer Fortbildung in Liebesangelegenheiten motivieren wollen und nicht wissen wie, empfiehlt der Experte folgende Argumente:

  • "Wir haben Verantwortung für unser eigenes Leben/für die Entwicklung unserer Kinder und für unser Glücklichsein."
  • "Mit unseren Problemen binden wir sehr, sehr viel Energie, und das blockiert uns in der Arbeit und im restlichen Leben."
  • "Wenn wir nichts tun, wird der Erosionsprozess/die Negativspirale in unserer Liebe weiter gehen."
  • "Es täte mir Leid, aber wenn du mich immer weiter mit denselben Dingen verletzt, muss ich irgendwann gehen."
  • "Es geht darum, dass wir ein neues Verhalten finden, nicht um ,Tu das nicht'."


Und wenn alles nichts nützt?

Wenn der Partner partout nicht mitmachen will oder sogar meint, man sei alleine für die paar Probleme verantwortlich? "Dann", so Jaeggle, "muss man sich eben einmal alleine auf den Weg machen und sich selber in einen Wachstumsprozess einspannen." Das heißt, man muss bereit sein, sich auch innerlich "zu dehnen, über seine alten Grenzen und Schutzmuster hinauszugehen". Was man dafür tun kann, erfordert seelischen Mut - wird aber oft schnell belohnt durch eine friedlichere Atmosphäre daheim:

Vorwürfe anhören.

Atmen Sie tief durch, wenn Ihr Partner sie wegen etwas angreift, und stellen Sie sich einen Schutzschild um sich herum vor. Rechtfertigen Sie sich nicht, und suchen Sie auch keine Gegenargumente. Wiederholen Sie einfach seinen Vorwurf - also etwa: "Du findest also, ich bin oft so schnippisch zu dir" - und zeigen Sie Neugierde, warum ihn das so stört. Das nimmt dem Zorn des anderen die Spitze (sofern Sie es nicht doch wieder schnippisch sagen).

Fallen vermeiden.

Wenn Sie sich klar sind, durch welche Kommunikationsfallen Sie den anderen reizen - dann lassen Sie sie einfach einmal beiseite. Und machen Sie stattdessen klare Ich-Aussagen. Also statt: "Du fährst schon wieder wie eine gesengte Sau!" ein Satz wie: "Ich habe bei der Geschwindigkeit Angst, bitte fahr mir zuliebe langsamer."

Offenheit.

Hören Sie auch auf, störende Dinge unangesprochen zu erdulden. Und zwar nicht nur Handlungen, sondern auch schon die in der Kommunikation. Wenn Ihr Partner Sie etwa abwertet, machen Sie es ihm bewusst und sagen Sie: "Ich möchte von dir wertgeschätzt werden." Dasselbe gilt für Unterstellungen: "Ich möchte von dir keine Dinge zugeschrieben bekommen, die so nicht stimmen." Wichtig dabei wieder: sich nicht zu zornigen Gegenattacken hinreißen lassen!

Aus der systemischen Familientherapie stammt das Credo: "Wenn auch nur ein Teil eines Systems sich ändert, ändert sich das ganze System." Das heißt: Sobald Sie aus dem "Tanz der Schutzmuster" aussteigen, kann auch der andere nicht bei seinen typischen Verhaltensweisen bleiben. Auf eines muss man dabei allerdings gefasst sein: Wenn ein System sich verändert, kommt es zuerst einmal in eine Krise. Und Krisen machen Angst. "Im schlimmsten Fall", weiß Erwin Jaeggle, "spricht der geängstigte Partner von Verlassen, kommt mit Liebesentzug oder macht Schuldgefühle. Ja, es gibt sogar welche, die dann mit Selbstmord drohen. Aber da muss man dann die Ohren steif halten, darf die Veränderungen nicht zurücknehmen. Und klar sagen: Du bist für dich selbst verantwortlich."

Wenn auch nur ein Teil eines Systems sich ändert, ändert sich das ganze System.
Systemische Familientherapie

Im besten Fall jedoch führt die Krise und der daraus resultierende Leidensdruck dazu, dass auch der vorher veränderungsunwillige Partner etwas tun will. Also sich auf offenere Kommunikation einlassen, Selbsterfahrung oder ein Paar-Coaching mitzumachen. Auch wenn das alles vielleicht ein wenig mühsam und trocken klingt - der Weg lohnt sich. Denn nächstes Jahr kommt wieder ein Sommer. Und damit eine neue Chance, mit schönen Gefühlen statt Mühlsteinen im Gepäck aus dem Urlaub nach Hause zu kommen.

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