Bestimmt das Aussehen, wie man als Kundin behandelt wird?

Undercover. WIENERIN-Redakteurin Ruth Weismann verwandelte sich in verschiedene Frauentypen und besuchte Wiens bekannteste Parfümerien. Ihre geheime Mission: Herausfinden, ob ein und dieselbe Person anders beraten wird, nur weil sie in unterschiedlichen Outfits steckt.

Fünf Tage – fünf Looks. WIENERIN-Redakteurin Ruth Weismann, sonst eher die kreative Hipsterin, testete in den vergangenen Tagen den Kundenservice von Wiener Parfümerien – und zwar als schicke Business-Lady, mädchenhafte Romantikerin, legerer Kumpeltyp, bunter Britney-Spears-Verschnitt und nachlässig gekleidete Aussteigerin.

Sie ließ sich zum Beispiel am Counter schminken, holte Duftempfehlungen ein und fragte bei der Pflegeberatung nach Proben. Die Verkäuferinnen waren durchwegs nett und darauf geschult, die Vorlieben der Kunden aufgrund ihres Aussehens einzuschätzen. Trotzdem überrascht es, wie wichtig das eigene Styling beim Beauty-Shoppen ist: Designertaschen oder bunte Sneakers machen mehr Eindruck als ­beispielsweise das trendneutrale Hautbild.

Die unterschiedlichen Rollen, in die Ruth schlüpfte, beeinflussten aber nicht nur die Reaktion anderer, sondern auch sie selbst. Das perfekte Äußere der Business-Lady half ihr, sich innerlich zu ordnen. In der Rolle der Romantikerin hatte sie einen sensiblen Tag und im Outfit der Aussteigerin war sie Teil einer style-­codierten Jugendgruppe.

Ruths Resümee: Erstens ist es nicht so schwierig, in eine andere Haut zu schlüpfen, wie man annimmt – gut für Tage, an denen man sich in der eigenen nicht wohlfühlt oder Lust hat, mal was Neues zu probieren. Und zweitens: Beim Beauty-Shoppen ist die Wahrscheinlichkeit, zu bekommen, was Sie wirklich brauchen, dann am höchsten, wenn Sie authentisch und ganz bei sich sind. Wenn man Sie aber als Luxuskundin umsorgen soll, hängen Sie sich ein Prada-Sackerl über die Schulter!

Meine Erfahrungen als Business-Lady:

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Wie ich mich fühle: Auf hohen Heels stöckle ich über den Graben in der Wiener Innenstadt. Im hautengen Designerkleid mit Hochsteckfrisur und Perlenohrringen falle ich hier nicht so auf. Trotzdem starrt so manche Frau (neidisch) auf meine Aktentasche von Longchamp, während die Herren mich wohl aus anderen Gründen mustern. Meine Füße schmerzen, die Sonne brennt, aber ich bewahre die Contenance. Denn es stimmt: Ein edles Outfit samt perfektem Make-up hält nicht nur die äußere Erscheinung im Zaum, sondern auch psychische Wehwehchen.

Wie ich beraten werde: In der Parfümerie Nägele & Strubell empfehlen mir sehr freundliche Damen nur die exklusivste Hautpflege: La Mer, Sensai und Sisley. Im Douglas House of Beauty verpasst man mir einen edlen Lidstrich und top geschminkte Brauen, und beim Parfüm denkt die Verkäuferin gleich an Chanel, wenn sie mich sieht. Ich merke: Ein klassisches, leicht sexy Styling wirkt seriös und macht Eindruck. Das muss nicht teuer sein, aber ein Keypiece mit Marke (etwa eine Handtasche) schadet nicht.

Fazit:
Alles in allem der erfolgreichste Tag des Experiments, was die ­Beratung in der Parfümerie angeht. Dass dieses Erfolgsgefühl definitiv mit der Outfitwahl zusammenhängt, bestätigt Psychologin Aglaja Przyborski: „Gerade Parfümerien gehören zu den Zen­tren des Lifestyle-Kommerzes. Eines der wichtigsten Signale, die man als Kunde oder Kundin aussendet, ist das Aussehen, der Lifestyle. Das Personal ist darauf geschult, das zu erkennen und entsprechende Produkte anzubieten. Offensichtliche Wohlstands­attribute (wie etwa Luxusaccessoires) bieten klare Signale und erleichtern die Zuordnung."

Meine Erfahrungen als Romantikerin:

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Wie ich mich fühle: Endlich mal Locken, denke ich, als ich die Wiener Mariahilfer Straße entlangschlendere. Mit dem rosaroten, bodenlangen Kleid, den Herz-Ohrringen und dem vielen Rouge sehe ich wie ein Mädl aus. Aber ich gebe zu, so richtig wohl fühle ich mich nicht. Eher etwas gefühlsduselig. Auf der Straße mustern mich Frauen, die Herren scheinen unbeeindruckt vom Lieblich-Look.

Wie ich beraten werde: Jung = wenig Budget: So lautet wohl die Gleichung der Verkäuferin bei Marionnaud. Sie fragt mich, wie teuer es sein darf, als ich um Empfehlungen für Gesichtspflege bitte. Ihr Tipp: Naturkosmetik. Anti-Aging-Pflege lässt sie außen vor. Die Visagistin beim Make-up-Counter findet mich wohl nervig und reagiert nicht sonderlich begeistert auf meine Bitte, meine Augen zu verschönern. Zumindest leuchten die dann, als sie mir doch noch roséfarbenen Glitzerlidschatten drauftupft. Das Parfüm, das ich empfohlen bekomme, finde ich auch gut: Daisy Eau so Fresh von Marc Jacobs (ab € 65,–) – natürlich passend im romantischen Blumenflakon.

Fazit:
Der rosa Mädchenlook wirkt jung und naturverbunden. Seltsam, dass
das liebliche Styling nicht uneingeschränkt positiv wahrgenommen wird. Die Psychologin zur ruppigen Reaktion der Visagistin: „Vielleicht war es spürbar, dass Ruth sich in ihrer Haut nicht ganz wohlgefühlt hat. Wenn gewisse Styles einfach gar nicht zu einem passen, entsteht ein Bruch, der andere irritieren kann."

Meine Erfahrungen als Aussteigerin:

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Wie ich mich fühle: Das Mr.-Spock-Shirt, dem ich als Teenager den Kragen abgeschnitten habe, ist ziemlich abgenudelt, aber gemütlich – genauso wie die Flipflops und die alte Cargo-Hose. Jetzt noch Haarspitzen grün färben, schlampig Kajal auftragen – fertig ist der Aussteiger-Look. Darin wirke ich wohl sympathisch. Ein netter Typ in ähnlichem (aber aufgeräumterem) Stil lächelt mich auf der Straße an. „Darf ich dich auf einen Kaffee einladen?", fragt er. Ich grinse. Den Mann hat wohl das Peer-Group-Feeling gepackt. Sofort schwelge ich in Erinnerungen an meine Jugend, als ich in Punk-Klamotten schnell Anschluss an Gleichgesinnte fand, mit denen ich dann draußen Dosenbier trank.

Wie ich beraten werde: Obwohl sie mich bestimmt nicht in die Kategorie „kaufkräftig" einteilen, sind die Verkäuferinnen alle wahnsinnig nett. Die Make-up-Artistin zeigt mir geduldig Kajals und erklärt, wie ich dezente Smokey Eyes schminke. Als Gesichtspflege legt man mir Aquasource von Biotherm (ca. € 39,50) nahe – „verstopft die Poren nicht". Was für Teenies (wie mich) also.

Fazit:
Ruths Look sollte ursprünglich eigentlich nur schlampig wirken. Aber dann knackte sie mit den bunten Haaren und der weiten Kleidung eine ganze Reihe an Jugendcodes. Ähnlich Gestylte checkten ihren Stil wohlwollend, ein Goth-Girl zwinkerte ihr zu, in den Stores reagierte vor allem die junge Belegschaft interessiert und freundlich. Aglaja Przyborski: „Visuelle Attribute signalisieren, wo man dazugehört oder dazugehören will. Klare Signale werden rasch verstanden – man erkennt seinesgleichen."

Meine Erfahrungen als Trash-Queen:

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Wie ich mich fühle: Einige schauen entgeistert, ­andere interessiert, im Sinne von „Die rennt echt so rum?". Männer mustern mich von oben bis unten, bleiben am durchblitzenden Push-up-BH in Neongelb hängen und finden mich, scheint mir, durchaus heiß, aber nicht ganz ernst zu nehmend. Schon nach kurzer Zeit als Mischung aus Eighties-Trash-Tussi und Hip-Hop-Queen kommen mir die anderen Leute total fad vor. Definitiv der lustigste Stil. Ich fühle mich selbstbewusst (trotz bauchfrei!).

Wie ich beraten werde: Behandelt werde ich zuvorkommend. Eigentlich hatte ich erwartet, dass alle mit auffällig verzierten Cavalli- oder Versace-Flakons ankommen, wenn ich um Parfümempfehlungen bitte. Immerhin bin ich Bling-Bling-mäßig gut ausgestattet. Aber es ist Gediegenes von Elie Saab und Stella
McCartney. Ob ich selbst probieren will, das Rouge aufzutragen, fragt mich die Visagistin und legt mir Pfirsich und Rosa hin. Wer so stark geschminkt ist, kann das selbst, denkt sie wohl. Bei der Pflege werden mir cleane Marken wie Clarins und Biotherm empfohlen – zu clean für mich. In der Nobel-Parfümerie zeigt man mir eine prächtige Creme von Givenchy in leuchtendem Blau und strahlendem Chrom. Mein Style wird verstanden – endlich!

Fazit:
Ruths Erwartungshaltung beim Gold-Bling-Chic: mit glänzenden Markenprodukten überhäuft zu werden. Doch Fehlanzeige: Die angebotenen Produkte wirkten insgesamt relativ zurück­haltend. Psychologin Aglaja Przyborski meint dazu: „Möglicherweise­ ­reagierten die VerkäuferInnen ein bisschen pädagogisch und wollten mit ihrer Zurückhaltung dem schrillen Styling ein wenig die Spitze nehmen, statt noch eins draufzugeben."

Meine Erfahrungen als Kumpeltyp:

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Wie ich mich fühle: Im privaten Alltag richte ich mich auch nicht stundenlang her. Aber im totalen Anti-Style herumzulaufen ist doch zuerst mal ungewohnt. Dafür bequem, dank Birkenstock-Schlapfen, weitem Hemd und lockerer Hose. Und dazu diese Frisur. Puh! Aber, oh Wunder, es wirkt. Schnell wird es mir tatsächlich egal, wie ich aussehe. Ich falle nicht auf, kaum jemand sieht mich länger als fünf Sekunden an – irgendwie befreiend.

Wie ich beraten werde: Im Upper-Class-­Bezirk Hietzing stellt mir der freundliche Parfümeriemitarbeiter klassisch zitronig-frische Düfte von Guerlain und Acqua di Parma hin. Auch fürs Gesicht darf es luxuriös sein: Shiseido und Givenchy. Eh klar, nicht jede gut betuchte Dame sieht aus wie eine Bewohnerin der Wisteria Lane. Am Make-up-Counter sage ich, dass ich mich sonst nie schminke und komme mit Concealer (Intensive Skin Serum Corrector & Concealer von Bobbi Brown um € 46,–), braunem Lidschatten und brauner Mascara raus. Als ich mir später die Haare wieder hochstecke und in meine normalen Klamotten schlüpfe, sagt eine Kollegin: „Wahnsinn, du bist jetzt viel hübscher." Gut, ich nehm’s als Kompliment.

Fazit:
Nur nicht überfordern! Ruth wird als „Beauty-Anfängerin" einfühlsam beraten. Beeindruckend: Die empfohlenen Unisexdüfte passen perfekt zum Casual-Style und die Pflegeberaterin greift unbewusst zu Serien, die das Hautbild auch ohne Make-up verschönern. Aglaja Przyborski: „Der Style ist konsequent: bequem und bruchlos, selbstbewusst. Wer sich so in die Beautyabteilung begibt, kann nur echtes Interesse haben und wird entsprechend beraten."

Warum wirken Styling und Aussehen so stark auf andere und auf uns selbst? Die WIENERIN im Gespräch mit Psychologin Aglaja Przyborski.

Warum ist Aussehen so wichtig für uns?
Beim Zusammentreffen mit anderen Menschen müssen wir schnell kommunizieren und uns sehr schnell entscheiden, wie wir auf jemanden reagieren. Dafür ist das Äußere ganz wichtig. Es funktioniert unmittelbar visuell – ohne Sprache. Auch die ­Kategorisierung läuft automatisch. Diesem Prozess kann man sich eigentlich nicht entziehen.

Wie entwickelt sich Stil?
Stile kommen aus gelebten Situationen. Der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb in Die feinen Unterschiede, dass die existenziellen Bedingungen unseren Geschmack prägen. Wenn ich körperlich hart arbeite, schmecken mir andere Dinge, als wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch sitze und mich nicht viel bewege. Das geht in Kleidung und Art der Bewegung weiter. Am unterschiedlichen Geschmack sieht man den Kern der Herkunft.

Warum wirken Stylingwechsel auf unser Gefühlsleben?
Wenn wir einen Stil spüren, dann weil wir Erfahrung damit haben. Wir sammeln in unserem Leben Erfahrungen, mit unterschiedlichen Milieus oder Welten inklusive ihrer Gefühle. Schlüpfen wir in ein entsprechendes Outfit, spüren wir die Veränderung körperlich.

Kann man seinen Stil einfach so wechseln und trotzdem man selbst bleiben?
Je mehr man erlebt hat, desto eher bewegt man sich auch in ­verschiedenen Stilen authentisch. Die meisten Menschen pro­bieren auch mal andere Rollen aus oder nutzen stereotypisierte Stil­angebote, etwa um in einen neuen Job reinzuwachsen.

Und wenn man gerne mehr experimentieren würde, sich aber nicht traut?
Da ist vielleicht eine Angst, sich verkleidet zu fühlen und in der Verkleidung lächerlich zu wirken. Der beste Rat ist immer: Üben. Starten Sie mit kleinen Veränderungen und testen Sie aus, womit Sie sich wohlfühlen und gefallen!

Dr. Aglaja Przyborski ist Psychologin, Psychotherapeutin, Sozialwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Universität Wien und der Sigmund Freud Privatuniversität.

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