Best of Omi

Bei meiner Omi darf ich einfach alles! Über die äußerst schwierige Balance zwischen Engagement und “Gewährenlassen“ und den Mehrwert von Mehrgenerationenbeziehungen.

"Meine Omi kauft mir einfach ALLES!" sagt meine sieben Jährige euphorisch, denn meine Mutter hat eben ungefragt den Ankauf von 24 (!!) nagelneuen Buntstiften in Aussicht gestellt. Dabei haben wir zu hause mindestens zwei Packungen gebrauchter Stifte. Nur eben schon etwas angespitzt. Auf ihrer Geschenkliste für die anderen Enkelkinder stehen bei Omi außerdem ein Lego-Flugzeug und ein Ballerina-Stickeralbum. Ich kann mich NICHT erinnern, diese Ankäufe GENEHMIGT zu haben.

Auch meine Schwiegermutter lehnt es scheinbar aus Prinzip ab, als Vollzugsgehilfin meines Erziehungs- und Ernährungssystems zu fungieren. Und so schaufelt sie Sonntag für Sonntag den Kleinen VOR dem gesunden Mittagessen die Art industriell gefertigter Schokoschnitten ins Zuckergoscherl, die bei mir auf dem Wegen-Überzuckerung-verboten-Index stehen.


Hab ich da im "Generationenvertrag" vielleicht etwas überlesen??????

Im Oma-Wettkampf um die Enkelliebe werden alle Verwöhn-Register gezogen. Klar ist, dass das ausgetüfftelte Regelwerk der tatsächlich Erziehungsberechtigten, der Mutter beispielsweise, darunter leidet. Das goldene Großmutterherz blutet, wenn die Mutter das Kind maßregelt. Auch scheint meine eigene Mutter in Hinblick auf ihre Enkelkinder an "verzerrter Wahrnehmung" zu leiden: Die hingekritzelte Schreibübung meiner Erstklasslerin findet Omi nämlich "wunderschön geschrieben" während ich mir im selben Erziehungsalter die hässlichen Worte "Fliegenschiss" über meine Schreibarbeit anhören musste. Wann hat sich meine ehemals strenge und misstrauische Mutter in diese gütige Frau verwandelt???

Anders als bei Eltern und ihren Kindern, deren Beziehung - sogar gesetzlich geregelt - auf Rechten und Pflichten basiert, beruhen die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern auf Freiwilligkeit und individueller Gestaltung.

Wie die Gestaltung der intergenerationalen Kontakte aussieht, hängt von einer Reihe von Einflussfaktoren ab:
Wichtig ist, dass vor allem die "Sandwich-Generation" der Eltern ihren Kindern ein positives, harmonisches und emotional entspanntes Bild ihrer Beziehung zu den Großeltern vermittelt.


Bei aller Nähe und Verbundenheit muss auch gewährleistet sein, dass die Großeltern-Generation an den von den Eltern für die Kinder erstellten Pflicht- und Akzeptanzwerten (wie Ordentlichkeit, Ernährungsbewusstsein etc.) festhält.

Lohn für diese Rücksichtnahme gibt es in vielerlei Hinsicht: Wissenschaftliche Studien belegen, dass Großeltern für Kinder und Jugendliche als generalisierte Bezugspersonen fungieren und gerade in Krisensituationen (Trennung der Eltern, Krankheit) als zuverlässige Anlaufstelle für Probleme Halt und Sicherheit geben. Andererseits fühlt sich die von den Enkeln "angeforderte Großmutter" gebraucht und bleibt vital und aktiv.

Buchtipp:

Überleben als Oma
Peter Butschkow
erschienen im Lappan Verlag

“Die Evolution hat die Menschen-Großmutter hervorgebracht, weil es für unsere Spezies besser war, nicht mit 50, 55, 60 noch Kinder zu bekommen, sondern in Enkel zu investieren“.

Prof. Dr. Wulf Schiefenvögel, Humanethologe

Aktuell