Besserverdienerin

Mrs. Big ist nicht gleich Mrs. Big. Denn nicht jede Frau verdient freiwillig mehr Geld als ihr Mann, wie deutsche Forscher herausgefunden haben.

Die Freiwilligen:

Nur einige Frauen sind freiwillig Familienernährerin geworden - zum Beispiel, um ihrem Partner ein Studium und damit beruflichen Aufstieg zu ermöglichen. Diese Paare haben keine ausgeprägt traditionelle Arbeitsteilung; die Männer übernehmen stärker die unbezahlte Arbeit zu Hause. Die Frauen wünschen sich mehr gesellschaftliche Unterstützung für moderne, familienorientierte Männer, weil dies auch das von ihnen gelebte Geschlechterarrangement im Alltag vereinfachen würde.

Eine auffällig große Anzahl von hoch qualifizierten Frauen ist mit Männern in Facharbeiterberufen verheiratet. Ihr Selbstbild ist häufig das einer erfolgreich erwerbstätigen Frau, die ihren Status als Familienernährerin durchaus zu schätzen weiß: „Also mehr verdienen werde ich, glaube ich, immer aufgrund der Tatsache, dass ich schon zehn Jahre arbeite. Und weil ich einen guten Job habe", sagt eine von ihnen. Trotzdem wünschen sich die Frauen auch für ihren Partner beruflichen Erfolg.

Die Zufälligen:

Wird die Frau unbeabsichtigt zur Familienernährerin, weil der Mann seinen Job verliert, ändert sich die konventionelle Arbeitsteilung zunächst nicht. Die notgedrungen gelebte Erwerbskonstellation entspricht bei diesen Frauen nicht ihren Vorstellungen von männlichen und weiblichen Verhaltensmustern. Erst wenn absehbar ist, dass der Partner langfristig arbeitslos bleibt oder dauerhaft erwerbsunfähig ist, übernimmt er auch mehr Pflichten im Haushalt. Anpassungsprozesse im Geschlechterarrangement brauchen Zeit. Eine Familienernährerin beschreibt ihre Rolle als das genaue Gegenteil dessen, „was wir eigentlich für uns geplant hatten". Doch nach einer Umorientierungs- phase gilt: „Wir haben ein gutes Miteinander jetzt."

Die Widerstrebenden:

Einige Frauen sind jedoch nur widerstrebend Familienernährerin, möchten sich auch nicht als solche bezeichnen. Eine Paarkonstellation, in der die Frau mehr verdient, stimmt nicht mit ihren Vorstellungen überein. Auf Dauer sei „das keine Aufgabe für einen Mann", Frühstück zu machen und die Kinder anzuziehen, meint eine der befragten Frauen. In ihrer Vorstellung muss ein Mann der Frau beruflich und vom Einkommen her zumindest gleichwertig sein.

Auch in Westdeutschland überwiegt die Zahl der Frauen, die unbeabsichtigt Familienernährerin werden - wegen der Trennung vom Partner beziehungsweise der Arbeitslosigkeit oder Berufsunfähigkeit der Väter. Anders als im Osten waren die Frauen zuvor meist nicht darauf eingestellt, finanzielle Verantwortung für die Familie zu übernehmen: Längere Zeiten der Berufsunterbrechung oder Teilzeittätigkeit sind die Regel, gepaart mit geringen Qualifikationen oder Aufstiegsmöglichkeiten.

Gerade diese Familienernährerinnen sind häufig an der Grenze ihrer Belastbarkeit und frustriert über den Verlauf ihrer Erwerbsbiografie: „Ich habe halt immer so Angst, dass ich auch irgendwann mal durch den ganzen Stress kaputt bin", äußert eine Befragte. Die gelernte Bürokauffrau schlägt sich wegen der schweren Erkrankung ihres Mannes mit geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen in Call-Centern, der Gastronomie und als Reinigungskraft durch - „wenn man als Frau einen Beruf gelernt hat und dann durch die Kinder raus kommt, kann man damit nichts mehr anfangen".

Eine kleinere Gruppe von Frauen hingegen hat sich vor der Geburt des ersten Kindes aus finanziellen Gründen bewusst für die Rolle der Familienernährerin entschieden: Allerdings meist nur unter der Prämisse, dass sie die Hauptverantwortung nicht dauerhaft übernehmen müssen. Für einen späteren Zeitpunkt strebten sie die Rückkehr zu einem egalitären oder Zuverdienermodell an. Die Rechnung ging jedoch nicht auf: Familienernährerinnen sind diese Frauen schon seit 8 bis 13 Jahren. Häufigster Grund: Ihr Partner ist selbstständig, verdient jedoch nur wenig.

Nach Ansicht der Befragten sollten weder Mann noch Frau den Druck dauerhaft allein tragen, für das Familieneinkommen sorgen zu müssen. Auch spüren sie Konflikte zwischen den beruflichen Anforderungen und ihren Vorstellungen von einer „guten Mutter". Eine Familienernährerin sagt, sie habe Angst davor, dass ihre Töchter eines Tages sagen: „Es war ja immer nur der Papa da."

In einer Hinsicht haben es Familienernährerinnen im Westen schwerer als im Osten: Ohne die Hilfe der Großeltern bei der Kinderbetreuung wäre es vielen Müttern mangels hinreichend flexibler öffentlicher Einrichtungen nicht möglich, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder fortzusetzen. Denn die Unterstützung der Väter fordern Familien- ernährerinnen oft nicht ein, um ihren Männern den Raum zu geben, wieder am Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.

* Quelle: Wolfram Brehmer, Christina Klenner, Ute Klammer:
Familienernährerinnen - unter welchen Umständen lebt die Familie vom Einkommen der Frau?, WSI-Diskussionspapier, im Erscheinen - Projekte gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung.

Die Ergebnisse der Studie sind auch auf heimische Haushalte übertragbar

. Mehr zu ihrer Umtersuchung ist im „Böckler Impuls 11/2010“ nachzulesen.
Download unter www.boecklerimpuls.de.

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