Beruf Callboy: Wie es ist, als Escort-Boy zu arbeiten

Sex sells. Spätestens seit Richard Gere den American Gigolo auf der Leinwand gab, haben wir ein bestimmtes Bild von einem Callboy. Wie ein „Viennese Gigolo“ das Business sieht und was eine Frau dazu sagt, lesen Sie hier.

Wo ich hingehe, fragt die Nachbarin, als ich die Wohnungstür zusperre. „Ins Stundenhotel. Ich treffe einen Callboy“, antworte ich. Ihr fällt die Kinnlade runter. Ich grinse. Dass das Treffen mit Jason nur Recherche ist, sage ich nicht. Klingt nach Ausrede. Dabei mache ich echt nur ein Interview. Im Hotel Goldene Spinne, einem renommierten, 110 Jahre alten Stundenhotel, erklärt mir der freundliche Rezeptionist, dass sie auch „normale“ Gäste haben, die seit Jahrzehnten hier Sommerferien machen. Die residieren in den oberen Etagen. Unten treffen sich Menschen zum horizontalen Stelldichein. Ob außereheliche Affäre, Tinder-Match oder bezahlter Liebesdienst – die blitzsauberen Zimmer haben schon viel gesehen. Jason kommt oft hierher. Er kennt alle Wiener Stundenhotels. „In diesem Zimmer war ich aber noch nie“, stellt er fest, während er sein T-Shirt auszieht. Groß, schlank, durchtrainiert. Ob er es nicht mal als Model versucht habe, will ich wissen, während er sich vor der Linse des Fotografen im Halbschatten räkelt. „Das finde ich langweilig, mich stresst das jetzt auch schon“, sagt er. Seinen Job als Escort-Boy macht der 31-Jährige dafür mit, nun ja, Leidenschaft. Kein Chef, keine fixen Arbeitszeiten, auch mal länger frei, guter Verdienst. Wenn man Jason zuhört, klingt es, als hätte einer, der gerne ungebunden ist, seine Berufung gefunden. Das war nicht immer so. Vor vier Jahren arbeitete er in einer Bar. Zu einer Frau, die ihn anbaggerte, sagte er zum Spaß: „Zahlst du?“ Sie zahlte. Er begann, privat Annoncen in Zeitungen aufzugeben. Heute ist er beim Escortservice gents4ladies (gents4ladies.eu) registriert. „Charmante, positive Ausstrahlung“, steht in seiner Beschreibung. Und „Oxytocin-Gefahr!“. Jason verlangt 190 Euro für die erste Stunde, jede weitere kostet 100, die Abendpauschale 500. Mehr jedenfalls, als Frauen in der Branche verdienen. Im Unterschied zu registrierten Sexarbeitern darf ein Escortboy oder -girl offiziell allerdings gar keinen Sex anbieten. Bezahlt wird für die Zeit, die man zusammen verbringt. Was man in der miteinander macht, ist Aushandlungssache.

Bezahlte Dates

Jason hat nicht jeden Tag ein „Date“ (den Ausdruck Kundin mag er nicht) – im Gegensatz zu Kolleginnen, die rund sieben Männer pro Tag träfen, wie er erzählt. „Das ist Massenabfertigung. Aber Männer sind viel einfacher gestrickt als Frauen“, meint der Mann, der sich im Gespräch während des Fotoshootings als sehr reflektiert und bestimmt erweist. Er macht sich keine Illusionen. „Bei Männern ist es in höchstens 40 Minuten vorbei. Frauen sind viel komplexer. Sie brauchen eine Aufwärmphase, müssen runterkommen. Und sie wollen reden.“ Dass eine Dame absolut nur Sex wolle, sei sehr selten; eine Buchung ab zwei Stunden, für den ganzen Abend oder sogar bis zum nächsten Morgen hingegen normal. Man geht was trinken, unternimmt etwas, später geht man ins Hotel. Sex gehört dazu, aber „von zehn Dates passiert bei zwei bis drei gar nichts“, so der Callboy. Eine Dame etwa will auch nach mehrmaligen Dates bislang nur Kaffee trinken. „Mich interessiert einfach der Mensch“, sagt Jason. „Welche Geschichten die Frauen haben, warum sie zu mir kommen.“ Psychologisches Grundgeschick schade jedenfalls nicht in dem Job, weiß er. Auch für die Eigenmotivation. Immerhin muss man(n) immer können. Wie viele Frauen seine Dienste in Anspruch nehmen, kann er nicht sagen. Manchmal hat er jeden Tag ein Date, manchmal nur einmal die Woche. Obwohl Jason all das sehr gerne macht, klappt es nicht immer zu 100 Prozent, wie er zugibt. „Dann mache ich halt das Beste daraus, es gibt ja unterschiedliche Möglichkeiten. Ein gewisser Reiz muss da sein, aber ich finde: Jede Frau hat etwas Schönes.“ Abgelehnt hat er laut eigenen Angaben noch keine. Ehrenkodex, sozusagen. Wenn eine Dame zahlen will, wäre es nicht fair, sie abzuweisen, findet Jason.

Therapeut und Eheberater

Warum buchen Frauen ihn überhaupt? Manche wollen es nur mal ausprobieren, erzählt er; Studentinnen etwa. Dreimal schon engagierten ihn (erwachsene) Frauen, die endlich das erste Mal Sex erleben wollten. Auch „Stammkundinnen“ hat er. Attraktive Damen, nicht mehr jung, mit betuchten und viel beschäftigten Ehemännern. Eine Affäre, die eventuell zur Indiskretion neigt, wäre ihnen zu brenzlig. Bei Jason sind sie sicher. Im Hotelbett wird dann auch aus dem Nähkästchen geplaudert. „Sie erzählen mir sehr viel. Ich könnte schon Eheberater spielen und den Männern die Augen öffnen“, meint er lachend. Diana* findet sowieso, dass ihr Callboy Noah die beste Ehetherapie ist. Nicht, weil er Tipps gibt, sondern weil sie mit ihm das Frausein neu entdeckt. Sie ist Anfang 40 und seit knapp 20 Jahren verheiratet. „Ich liebe meinen Mann“, betont sie. „Aber sexuell läuft kaum mehr etwas.“ Zu wenig Zeit, zu viel Alltag, Stress – der Klassiker. Er akzeptiert, dass sie vielleicht einen Liebhaber hat. Nur wissen will er es nicht. Als ein Freund ihr zum Callboy riet, dachte die selbstbewusste Diana, die um ihren Charme natürlich weiß: „Warum bezahlen? Ich kann mir jeden Mann aufreißen!“ Aber sie sah auch Gefahren: SMS-Flut, ungebetene Besuche, Streit. Also auf ins Netz. „Da gibt es Männer, die sich anbieten, mit denen würde ich nicht mal ins Bett gehen, wenn die mich bezahlen“, sagt Diana und lacht. Überhaupt lacht sie viel. Über sich selbst sagt sie: „Ich bin schon ein bisschen schräg.“ Schließlich stieß sie auf Noah, einen sensiblen Studenten, der bei Callboy Wien registriert ist (callboys-oesterreich.at) – eine weitere Agentur aus der rar bestückten seriösen Ecke. Sie mailte und hatte kurz darauf eine Nachricht am Handy. „Seine Stimme! Ich dachte, ich komme gleich!“, sagt Diana verzückt. Sie arrangierten ein Treffen. „Er wartete im Park auf einer Bank auf mich und ich war nervös. Aber er zog mich zu sich, wir schauten aufs Wasser und er sagte: ,Komm mal runter, schau, wie schön es hier ist.‘ Er hat sofort verstanden, was ich brauche.“ Diana ist beruflich erfolgreich, während es bei ihrem Mann diesbezüglich gerade nicht so läuft. Sie kümmert sich um alles: Geld verdienen, Haushalt, Kinder. „Ich habe nichts, wo ich mich fallen lassen kann“, sagt sie. Bei Noah kann sie das, nicht nur beim Sex. Fast zwei Stunden gingen sie beim ersten Treffen spazieren. „Wir haben ein bisschen geschmust und einfach geredet. Er war sehr einfühlsam. Dann sind wir ins Hotelzimmer gegangen, er hatte Musik, Massageöle und Spielzeug dabei. Ich bin sehr offen und habe gesagt, was ich möchte. Es war toll.“

Ich bezahle für die Versicherung, mich nicht zu verlieben.
Diana

Das Geld sorgt dafür, dass die Liebe nicht zuschlägt. „Ich bin realistisch. Ich bin nicht eifersüchtig und bin sicher, dass er bei jeder Kundin genauso ist wie bei mir. Mir gefällt diese Grenze und die Kontrolle. Aber dennoch habe ich null Kontrolle, wenn ich mit ihm zusammen bin.“ Ihre Gefühle für Noah beschreibt sie nicht als Verliebtheit, aber als mehr als nur sexuelle Befriedigung. Zweimal haben sie sich bisher gesehen. Gleich nach dem ersten Date mit ihrem Mann für gewisse Stunden war ihr Ehemann daheim wie ausgewechselt. „Wir hatten den besten Sex! Wir waren beide total überrascht.“

Bezahlter Sex als emanzipatorischen Akt

Diana ist im täglichen Leben organisiert, diszipliniert und zielstrebig. Dennoch findet sie: Man muss sich auch etwas gönnen. Einen Mann für Sex zu bezahlen sieht sie durchaus als emanzipatorischen Akt: „Die Männer machen das ja auch.“ Unter Feministinnen gehen die Meinungen auseinander. Es sei sehr wohl feministisch, für Sex zu bezahlen, wie Männer das tun, so die eine Lesart. Die in Wien lebenden Künstlerinnen Marlene Haring und Catrin Bolt steckten 2003 das Budget für eine Ausstellung in die Bezahlung von Callboys. Ihre sexuellen Begegnungen hielten sie auf einem Video fest, das dann in der Galerie zu sehen war. Organisationen wie Stop Sexkauf lehnen bezahlten Sex generell ab, andere wiederum kämpfen für die völlige Legalisierung von Prostitution. Das Argument lautet, sie wäre ohnehin nicht zu verhindern, und Illegalität würde nur zu Stigmatisierung und Diskriminierung beitragen.Bei diesen Diskussionen geht es fast immer um Frauen, die gegenüber Männern in der Branche klar in der Überzahl sind. Dass Sexarbeit von einem patriarchalen System zeugt, kann man mal annehmen. Aber es gibt eben auch männliche Prostituierte, und nicht erst seit gestern. Davon sind viele in Gay-Bars anzutreffen, das Angebot für Frauen ist gering. In den USA eröffnete 2010 das erste Bordell, in dem Männer sexuelle Dienstleistungen für Frauen anbieten. In Österreich gibt es kein solches Etablissement. „Der Begriff ‚Stricher‘ ist im österreichischen Sprachgebrauch eher negativ besetzt, eine Unterscheidung dieser beiden Gruppen macht jedoch bei der Bearbeitung dieses Themas durchaus Sinn“, schreibt David Köck, Wiener Sozialarbeiter, in seiner Masterarbeit, die sich mit der Lebenssituation männlicher Sexarbeiter in Wien beschäftigt. Er schlägt als neutrale Berufsbezeichnungen Sexarbeiter und Sexdienstleister vor, wobei Zweiteres eben die Callboys wären. Zu den Unterschieden zwischen den zwei
Gruppen schreibt er: „Ein weiterer Unterschied zwischen Sexarbeitern und Sexdienstleistern ist jener der Professionalität bzw. der professionellen Identität als sexuell Erwerbstätige. Im Gegensatz zu den Sexarbeitern haben die Sexdienstleister in der Regel eine professionelle Identität als sexuell Erwerbstätige und planen bewusst ihren Ein- bzw.Ausstieg aus diesem Bereich.“ Auch Jason überlegt, was er macht, wenn er mal nicht mehr im Escortservice Frauen in Österreich nicht so offensiv seien wie in manch anderen Ländern.

Einen Nineto-five-Job kann ich mir nicht vorstellen
Jason

Die Pretty Woman-Story gibt’s nicht

„Man denkt, die Schweiz sei so konservativ, aber die Frauen dort sind verdammt tough“, erzählt er. Geschäftsfrauen würden sich Männer aus Berlin und Wien einfliegen lassen. Auch in Miami sei sein Business viel normaler und Frauen würden offener damit umgehen. Während wir uns unterhalten, hören wir zwei Frauen am Gang des Hotels lachen. „Kolleginnen“, sagt Jason grinsend. „Man sagt, eine Prostituierte oder ein Prostituierter
geht nie fremd. Das stimmt auch.“ Klar: Wer beruflich Schäferstündchen hält, ist vermutlich ausgelastet. Eine Beziehung zu führen sei trotzdem schwer, sagt er. Frauen, die nicht vom Fach sind, würden seine Tätigkeit nicht akzeptieren. Mit Kolleginnen wäre das zwar einfacher, Eifersucht gebe es dennoch. Und dass man sich in eine Kundin verliebt? „Da bin ich Realist. Die Pretty Woman-Story, die gibt’s nicht.“ Jason hat derzeit keine unbezahlten Dates. Aber er ist sowieso nicht der Beziehungstyp, sagt er. Er will das, was er macht, so lange machen, wie er eben gebucht wird. „Hoffentlich noch lange.“ Einen Nineto-five-Job kann er sich gar nicht vorstellen. Diana sagt, sie hätte kein Problem damit, wenn ihr Mann als Callboy arbeiten würde. Sie sieht alles gelassen und findet, das Leben sei kurz genug. „Ich will nicht später mal sagen müssen: ,Das habe ich nicht probiert!‘“, ist ihre Devise. Darum hat sie Noah auch schon wieder gebucht. Diesmal für ein ganzes Wochenende!

>>> Lesen Sie hier unsere Debatte zum Thema: Ist Bezahl-Sex unmoralisch?

Aktuell