"Beim Sex gibt es kein Richtig oder Falsch"

Die Schwedin Erika Lust ist eine der Pionierinnen feministischer Pornografie. Mit uns sprach sie darüber, was sie an gewöhnlichen Pornos stört, wie sie die Lust der Frauen wecken will und worauf es beim Sex wirklich ankommt.

Erika Lust dreht Pornos. Aber nicht im gewöhnliche Sinne - denn ihre Pornos sollen vor allem Frauen ansprechen. Die gebürtige Schwedin ist eine der Pionierinnen feministischer Pornografie. Zahlreiche Preise hat die 38-Jährige für ihre alternativen Erotikfilme bereits abgeräumt. Mit uns sprach sie darüber, was ihr in Mainstream-Pornos gegen den Strich geht, wie sie die Lust der Frauen wecken will und worauf es beim Sex wirklich ankommt.

Was stört Sie an herkömmlichen Pornofilmen?

ERIKA LUST: Ich würde sagen, das meiste daran. Sie haben bei mir nie Anklang gefunden. Das Licht, das Fehlen einer Geschichte und eines Kontexts, die Künstlichkeit des Ganzen – ich habe mich davon nie angezogen fühlt. Ich denke, beim Sex sollte es um Spaß und Vergnügen gehen und das sehen wir selten in gewöhnlichen Pornofilmen. Zumindest wirkt es für mich nicht wie echtes Vergnügen und Spaß.

Wann ist Ihnen zum ersten Mal aufgefallen, wie Frauen in Pornos porträtiert werden – also Pornos, die von Männern für Männer gedreht werden?

LUST: In meiner Teenager-Zeit habe ich mir mit ein paar Freundinnen in Schweden Pornos angeschaut. Wir waren so aufgeregt! Dann haben wir auf den Play-Button gedrückt und die ganze Spannung ging… verloren. Eine Frau hat geschrien, aber es schien nicht, als hätte sie Spaß dabei. Es war nicht sexy. Es ging auf der einen Seite nur um die Frau, und auf der anderen Seite wieder gar nicht um sie. Was das Problem mit Mainstream-Pornos gut zusammenfasst. Auch wenn ich das damals noch nicht so ausdrücken konnte: aber die Frau auf dem Bildschirm war nur ein Objekt der Begierde, kein Subjekt der Lust.

Was ist so anders an feministischen Pornos?

LUST: Sie werden aus einer weiblichen Perspektive gedreht, und der Schwerpunkt verlagert sich auf die weibliche Lust und die Sehnsüchte der Frauen – und selbstverständlich ist Zustimmung das Um und Auf. Ich bezahle auch die Darstellerinnen und Darsteller gut, die Produktionen sind professionell. Mein Team besteht fast nur aus Frauen, also reflektiert die Atmosphäre am Set das noch zusätzlich – Frauen verstehen Frauenkörper besser als Männer.

Können Sie ein ,typisches Szenario‘ aus einem Ihrer Filme beschreiben?

LUST: Es gibt kein typisches Szenario. Alle Geschichten sind komplett unterschiedlich. Das ist der Grund, warum ich dieses Projekt so liebe. Auf der Website XConfessions.com können mir Menschen aus aller Welt ihre sexuellen Geständnisse – Erinnerungen, Fantasien, und so weiter – schicken. Ich suche mir diejenigen aus, die ich am interessantesten finde und mache Filme daraus. Ich habe alles schon gedreht: von einem sexy IKEA-Monteur bis hin zu einer Begegnung auf einer Vintage-Yacht. Und was ich als nächstes filme, bestimmen die Zuseherinnen.

Es gibt so viele Gratis-Pornos im Internet. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

LUST: Das ist ein schwieriges Thema. Es gibt eigentlich genug alternative Erwachsenenfilme, aber wegen der starken Präsenz von Internetpornos ist unsere Arbeit schwieriger zu finden. Da meine Filme für das Kino gedacht sind, sind sie auch teurer in der Herstellung, und das heißt, dass sie nicht so leicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die allgemeine Vorstellung ist, dass Gratis-Pornos im Netz die gesamte Bandbreite an Erwachsenenfilmen repräsentieren, aber das stimmt nicht. Ich stelle schon manche Filme frei zur Verfügung, sodass sie nicht komplett unzugänglich sind für jene, die im Moment nicht volle Mitglieder sein können.

Sie haben Politikwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf Feminismus studiert. Was bedeutet es für Sie, Feministin zu sein?

LUST: Es ist ganz einfach: ich denke, Frauen sollten die gleichen Rechte wie Männer haben.

Ist es okay, Feministin zu sein und Sex zu lieben? Vielleicht auch Fantasien der Unterwürfigkeit zu haben? Und warum existiert dieser Irrglaube, dass Feministinnen Sex gegenüber nicht positiv eingestellt sein dürfen?

LUST: Diese Annahme ist komplett widersprüchlich. Der Feminismus kämpft dafür, dass Frauen keiner Unterdrückung mehr ausgesetzt sein sollen, nur weil sie Frauen sind. Also warum sollte Feminismus Frauen davon abhalten, Sex zu lieben? Frauen, die ihren Körper, ihre Gefühle und ihre Sehnsüchte kennen, sind starke Frauen. Sex war lange Zeit ein dominantes Instrument des Patriarchats – also verstehe ich schon, warum manche das abstellen wollen. Aber ich glaube, dass eine Neudefinition viel nützlicher ist. Eigentlich sogar revolutionär. Und wenn es um Unterwürfigkeit geht – bei solchen Fantasien geht es in erster Linie um Vertrauen. Wir müssen damit aufhören, Bondage- und Sado-Maso als etwas Gewalttätiges und Erniedrigendes anzusehen. Sex ist für deinen Körper eine Möglichkeit zu sprechen, mit jemandem in Verbindung zu treten. Sex verbindet uns immer wieder mit unseren inneren Instinkten. Wir alle haben Fantasien, und solange diese nicht illegal sind und niemandem wehtun, sollten sie wir sie ausleben können. Was wäre, wenn wir sie endlich als ermächtigende Momente ansehen würden?



Schämen sich Frauen noch, wenn sie sich Pornos ansehen?

LUST: Wir müssen zuerst wissen, was für eine Art Pornos sie sich ansehen. Wenn es einer dieser langweiligen, genitalfixierten Pornos ist, wo die Frauen keine Stimme haben und die damit enden, dass ihr Gesicht mit Sperma bedeckt ist, dann sitze ich auch neben ihnen und schäme mich. Ich meine, ich verstehe es! Pornografie war nicht immer anständig. Die gute Nachricht ist: die Zeiten ändern sich. Die Pornos verändern sich. Unterschiedliche Stile, Möglichkeiten und Perspektiven machen sich im Internet breit. Und ich muss sagen, ich habe noch keine einzige Frau gesehen, die sich von meinen Pornos beschämt gefühlt hätte. Sie werden vielleicht rot - aber aus einem sehr positiven Grund.

Stimmt es, dass die Mainstream-Pornoindustrie ihre Darstellerinnen und Darsteller ausbeutet und ihre vergangenen Erfahrungen des Missbrauchs ausnutzt? Was ist Ihre Erfahrung damit?

LUST: Ich weiß nicht, wie die Mainstream-Industrie das handhabt und ich denke, dass die Darstellerinnen und Darsteller nur für sich selbst sprechen können. Ich arbeite mit einer Vielzahl an Schauspielerinnen und Schauspielern und ich versuche sie so gut kennenzulernen, wie ich kann, bevor ich mit ihnen zusammenarbeite. Ich arbeite nur mit klugen, Sex positiv gegenüber stehenden Menschen, die meine Einstellung verstehen und wissen, was sie tun.

Worauf kommt es Ihnen bei der Auswahl der SchauspielerInnen an?

LUST: Dass sie aus den richtigen Gründen zum Projekt kommen. Sie sind alle auf ihre Art wunderschön und einzigartig. Es ist wichtig für mich, dass sie etwas zu sagen haben, dass sie begeistert sind vom Projekt und von den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten. Ich lenke den eigentlichen Sex eigentlich nicht sehr – sie müssen wissen, was sich für sie gut anfühlt.

Sehen sie alle natürlich aus – oder sind auch Schönheits-OPs erlaubt?

LUST: Ich diskriminiere keinen einzigen Körpertyp. Wenn jemand rasiert und dünn ist, dann werde ich ihn deswegen nicht verurteilen. Schönheit kommt in allen Größen und Formen – aber wenn ich caste, dann schaue ich mir an, wer sie wirklich sind – und nicht wie sie aussehen.

Gibt es ein No-Go in Ihren Filmen?

LUST: Alles was illegal ist oder nicht auf beiderseitigem Einverständnis passiert, ist bei mir ein absolutes No-Go. Abgesehen davon bin ich sehr aufgeschlossen, solange jeder glücklich ist, einwilligt und Spaß hat. Es gibt kein "Falsch" und "Richtig" beim Sex, solange es mit Respekt passiert.

Erika Lust (* 1977 in Stockholm als Erika Hallqvist) ist eine schwedische Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin und Autorin. Sie ist eine der Pionierinnen feministischer Pornographie. 2004 gründete sie die Produktionsfirma Lust Films. Sie lebt und arbeitet in Barcelona. Mehr über Erika auf: Erikalust.com.

Aktuell