"Bei gutem Sex geht es immer um das Spiel mit Grenzen"

Pornos kann man jetzt per Newsletter ins Postfach bekommen. Textpornos halt. Was so schön ist an geschriebenem Sex, das haben wir den Autor gefragt.

Nachtfarben will ein Newsletter sein, den Sie nicht teilen möchten. Er schickt Ihnen Pornografie direkt in’s E-Mail-Postfach. Wir haben ein paar der Texte vorab gelesen, für gut befunden, und sind dann natürlich neugierig geworden. Da hat sich wohl jemand viele Gedanken über Sex gemacht, also haben wir nachgefragt. Der Text Nach dem Traum wurde vorab auf Lvstprinzip veröffentlich, dort kann man schon mal lesen. Wer Lust auf mehr bekommt, muss dann aber geduldig warten, bis der erste Textporno in sein Postfach flattert.

Wir haben mit dem Autoren über das gschmackige Wort „Textporno“, warum geschriebener Sex mehr Spaß macht und über Schreiben mit runtergezogenen Hosen gesprochen.

Fotocredit: Flickr: UNO &TOU

Was ist für dich der Unterschied zwischen einem Textporno und einer erotischen Kurzgeschichte?

Erotik klingt so brav und kontrolliert. Sex darf, muss, will Grenzen aufheben. Nur weil die Pornoindustrie hauptsächlich Müll produziert, braucht man sich ja nicht das Wort kaputt machen lassen oder auf so schöne Dinge wie Pornos (siehe z.b Erika Lust oder Lvstprinzip) verzichten.

Was ist die Motivation hinter dem Newsletter-Projekt Nachtfarben?

Ursprünglich habe ich die Texte für Bekanntschaften, Partnerinnen und Freunde geschrieben. Nachdem das Feedback aber so gut war, wollte ich sie mehr Menschen zugänglich machen. Außerdem mag ich die Vorstellung, dass Menschen mit etwas, das ich erdacht habe, Spaß haben.

Basieren die Texte auf deinen persönlichen Erfahrungen?

Vieles davon habe ich erlebt. Manches steht noch auf meiner Liste.

Was ist für dich guter Sex?

Konsens. Verhütung. Offenheit. Wenn die drei Punkte abgehakt sind, geht eigentlich alles. Egal ob man sich mehrere Stunden gegenseitig verwöhnt oder am Heimweg vom Club in einem Hauseingang übereinander herfällt. Wünsche aussprechen und sie gemeinsam Wirklichkeit machen, selbst wenn es nur für ein paar Augenblicke sein mag.

Kannst du ein bisschen beschreiben, welchen Unterschied es macht, Pornografie als Text statt als (Bewegt-)Bild zu konsumieren?

Guter Sex läuft über so viel mehr Ebenen als die visuelle, weshalb ich meinen Konsum von Porno-Videos und Bildern gegen Null gefahren habe. Texte lassen viel mehr Raum. Sie fordern die aktive Teilnahme. Hinterlassen Lücken, die man selber füllen muss. Was aber keinesfalls heißen soll, dass man nicht manchmal einfach zu einem guten Pornovideo masturbieren kann.

Man hat den Eindruck, erotische Texte sprechen eher Frauen an und Männer hängen doch an Filmen, das ist zumindest das durch Groschenromane geprägte Bild. Wen glaubst du sprechen deine Texte an? Wen möchtest du ansprechen?

Mein idealer Text spricht alle Geschlechter und sexuellen Präferenzen an. Er lässt genug Raum für die eigenen Träume, während er aber so konkret wird, dass die Lust bei manchen Passagen die Hände zittern lässt. Ich kenne viele Frauen, die mehr Pornos schauen und masturbieren als ich. Demnach halte ich nicht viel von solchen Einschätzungen.

Deine Texte sind sehr direkt, du lässt nichts aus. Am ehesten noch Kontext. Denkst du, du nimmst durch die sehr explizite sexuelle Darstellung dem Leser oder der Leserin ein bisschen ihrer eigenen Fantasie?

Es gibt noch sehr viele ungeschriebene Texte, da werden auch ein paar “leisere” dabei sein. Ich persönlich bevorzuge aber die direkte und explizite Darstellung. Denn nur weil ich Schwanz oder Muschi schreibe, bedeutet das noch gar nix. Sex ist ja viel mehr als die Kombination von Geschlechtsorganen. Es ist die Beziehung zweier oder mehrerer Körper in stets neuen Rollen. Wünsche, Träume, überwundene Ängste. Fließende Machtverhältnisse, ein Wechselspiel das lange vor der ersten Berührung beginnt und auch nicht mit einem Orgasmus endet.

Die meisten Leute setzen sich auf irgendeine Art und Weise mit Sexualität auseinander, aber es setzt eine riesige Offenheit voraus, eine Öffentlichkeit an intimen Fantasien und Gedanken teilhaben zu lassen. Spielt da ein gewisser Reiz mit oder fühlst du dich dabei auch ein bisschen ausgeliefert?

Natürlich enthalten die Texte einen Teil meiner Erfahrungen, Sehnsüchte, Begierden, aber genauso enthalten sie auch sehr viel von anderen Menschen. Jeder Text ist dabei so verfremdet, dass selbst wenn er auf einem ganz konkreten Ereignis basiert, dieser Moment noch immer nur mir und den involvierten Personen gehört.

Die meisten deiner Texte sind aus männlicher Perspektive geschrieben. Wie möchtest du erreichen, dass alle Leser und Leserinnen auf ihre Kosten kommen?

Ich glaube, genau durch diese Perspektive viele Frauen ansprechen zu können. Aber grundsätzlich hast du Recht. Hier ist noch einiges an Potential da, gerade wenn ich an den ganzen queer-Bereich denke. Wie vorher bereits erwähnt, würde ich gerne Texte ohne Raum, Geschlecht und Farbe schreiben. Ein Streichholz sein, mit dem jeder Mensch seinen ganz eigenen Waldbrand entfachen kann. Egal wo, wann und mit wem.

Deine Texte sind teils sehr unterschiedlich, mal beschreibst du über mehrere Paragrafen hinweg den Geruch des Waldes, mal geht es härter zu, es geht um Macht und Kontrolle. Gibt es bestimmte Grenzen, die du noch gerne ausloten würdest – und andere, die du nicht überschreiten möchtest?

Bei gutem Sex geht es immer um das Spiel mit Grenzen. Wie weit will ich gehen. Habe ich genug Vertrauen um dir dieses Geheimnis anzuvertrauen. Wirst du mich auslachen. Oder wünschst du dir vielleicht genau das Gleiche?

Bist du beim Schreiben eigentlich dauererregt und musst dann dauernd Masturbieren oder Sex haben?

Manche Texte schreibe ich wirklich mit runtergelassener Hose oder in einem Zustand großer Erregung. Andere entstehen wiederum in totaler Langeweile in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder auch im Restaurant, während ich gerade auf mein Mittagessen warte. Die Liebe hat viele Gesichter. Weshalb dir Sex überall begegnen kann, wenn man nur genau hinsieht.

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