Bei Frauen werden Krankheiten vier Jahr später erkannt als bei Männern

Man stelle sich vor: Irgendwann in ferner Zukunft entdeckt die medizinische Forschung die Frau. Forschungsteams beginnen diese bis dato vermeintliche Randgruppe der Gesellschaft zu erforschen, zu analysieren und zu vermessen. Und dann werden sie merken: Oha!Da gibt es ja Abweichungen zu dem bisher verwendeten Prototypen "Mann". Plötzlich werden Medikamente ganz eifrig an Männern und Frauen gleichermaßen getestet – und siehe da: Auch hier gibt es Unterschiede in den Wirkungen und Nebenwirkungen! Die medizinischen Forschungsteams beginnen Krankheitsbilder, Dosierungen und Diagnosen neu zu denken und schon wenig später haben sie eine Welt erschaffen, in der Menschen – unabhängig vom Geschlecht – eine gleich gute medizinische Versorgung erhalten.

In der Medizin sind Frauen noch immer eine Randgruppe

Ganz so schön – bzw. eigentlich normal – wie die geschilderte Geschichte ist es aber auch im Jahr 2019 noch nicht. In der Medizin dominiert noch immer die männliche Norm die Forschung und Lehre. So wie in vielen anderen Lebensbereichen werden Frauen in der Medizin mehr wie ein Special-Interest-Gebiet und weniger wie die Norm behandelt. Symptome und gängige Richtlinien für die Dosierungen, Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten orientieren sich zu einem Großteil noch an den Reaktionen des männlichen Körpers – obwohl mittlerweile bewiesen ist, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern.

Wie Frauen unter medizinischer Forschung leiden

Ein Herzinfarkt etwa deutet sich bei Männern völlig anders an als bei Frauen. Männer spüren eher Schmerzen im linken Oberarm, Frauen haben eher Bauch- oder Rückenschmerzen. Weil sich die Medizin an den Symptomen männlicher Patienten orientiert, sterben statistisch gesehen öfter Patientinnen an einem Herzinfarkt. Und trotzdem: "Viele medizinische Leitlinien sind nach wie vor auf den 'Prototyp Mann' ausgerichtet. Wenn in Medikamentenstudien 80 Prozent der Teilnehmer Männer, aber nur 20 Prozent Frauen sind, werden solche Unterschiede oft nicht entdeckt", so Alexandra Kautzky-Willer, Diabetologin und Professorin für Gendermedizin an der MedUni Wien, gegenüber KURIER. In Studien zur Wirkung neuer Diabetesmedikamente auf das Herz-Kreislauf-System seien meist "schon" 25 bis 35 Prozent Frauen eingeschlossen – auf über 40 Prozent kommt aber nur eine.

Frauen erhalten Diagnosen um 4 Jahre später

Ebendiese Ungleichheiten in Forschungen haben zu Folge, dass Frauen bei einer Diagnose im Schnitt vier Jahre älter sind als Männer. Das zeigt eine im Fachmagazin Nature Communicatons publizierte Studie. Laut Kautzky-Willer spiele da natürlich auch teilweise (!) der hormonelle Östrogenschutz bis zur Menopause eine Rolle, aber trotzdem betont sie gegenüber KURIER: "Dass sich der Befund aber durch alle Erkrankungen zieht, spricht schon dafür, dass ihre Erkennung doch auch verschleppt wird, Frauen vielleicht auch nicht so genau untersucht werden." Bei einer Form der Herzschwäche, an der noch dazu vor allem Frauen leiden, gibt es etwa bis heute keine auf Frauen abgestimmte Therapieempfehlungen: "Das scheint nicht so wichtig."

 

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