Befrei dich! So fliegt Ihr Perfektionismus endlich davon

Der perfekte Job, der perfekte Partner - die falschen Wunschvorstellungen machen einer oft das Leben schwer. Bloß: Wie lassen wir sie endlich los?

Die Quelle von Glück, wo ist die? Rasch, antworten Sie, ohne nachzudenken. A) Im Himmelbett einer perfekten Beziehung? B) Wenn man alles kriegt, was man will? Oder C) In uns selbst? - Gratulation, wenn Sie sich für Variante C entschieden haben. Haben Sie jedoch an A oder B oder sonst was gedacht, dann gibt es vielleicht noch ein, zwei, Dinge, die Sie übers (und vor dem) Loslassen wissen sollten.

Ja, Loslassen ist ein abgekautes Modewort. Kein Wellness-Hotel, kein Bio-Bauernhof und keine Aromatherapeutin kommen heute ohne es aus. Als ob wir uns alle nur in irgendwelchen blütenweißen Laken wälzen müssten, verwöhnt von diensteifrigen (und sauteuren) Händen, und die Welt wäre schon wieder in Ordnung. Nein, so einfach geht das nicht. Und so oberflächlich auch nicht.

Sehnsucht Freiheit

Loslassen ist ein Thema, das die Menschheit schon seit Jahrtausenden beschäftigt. Im antiken Griechenland war es die Schule der Stoiker, in Asien die Lehre des Buddhismus, des Taoismus und des Yoga, die mit der fatalen menschlichen Neigung zu Kampf, Krampf und Klammerei aufräumen wollten. Indes - gelungen ist es ihnen nicht oder nur zum Teil.

Denn wenn auch Yogakurse heute boomen - Fitnessstudios, in denen Menschen ihren Figur-Idealen auf den Millimeter nachjapsen, tun das genauso. Mobilfunk-Betreiber machen Millionen mit Telefonaten, in denen Freundinnen ihre Beziehungsprobleme wälzen. Und hochbezahlte Werbeleute tun den ganzen Tag nichts anderes als nachzudenken, wie sie die Konsumenten da draußen noch süchtiger machen könnten nach irgendwelchem Firlefanz.

Was all diesen Dingen gemeinsam ist? Die in den Philosophien so genannte "Anhaftung". Der Glaube, dass Seelenfriede durch die Kontrolle äußerer "Probleme" zu erreichen sei. Jedoch: Er ist es nicht. Denn das Bedürfnis nach Kontrolle gerät irgendwann außer Kontrolle. Und wird damit über kurz oder lang zum eigentlichen Problem. Ein Grundsatz, der sich in den verschiedensten Lebensbereichen zeigt.

Lover

"Wenn ich endlich den Richtigen fände, dann ..." oder "Wenn er doch endlich zuverlässiger/gesprächiger/weniger trinken würde, dann ..." - haben Sie fixe Vorstellungen, wie ER sein müsste, damit SIE glücklich sein können? Sorry, aber mit Liebe hat das wenig zu tun. Eher etwas mit Besessenheit, von Psychologen auch Beziehungssucht genannt. Robin Norwood schreibt in ihrem Klassiker Wenn Frauen zu sehr lieben darüber: "Diejenigen, die so obsessiv lieben, stecken voller Angst: Angst davor, allein zu sein; Angst davor, nicht liebenswert oder überhaupt wertlos zu sein; Angst davor, nicht beachtet, verlassen oder zugrunde gerichtet zu werden. Wir lieben mit der verzweifelten Hoffnung, dass der Mann, auf den wir fixiert sind, uns genau diese Ängste nehmen wird."

Diejenigen, die so obsessiv lieben, stecken voller Angst: Angst davor, allein zu sein; Angst davor, nicht liebenswert oder überhaupt wertlos zu sein …
Robin Norwood, Schriftstellerin

Das tut er jedoch nur in den seltensten Fällen, und so wird die Angst - und damit auch die Fixierung - immer größer. Lieben, um geliebt zu werden wird die treibende Kraft im Leben dieser Frauen. Und wenn eine wohlmeinende Freundin dann den Rat gibt "So lass doch endlich los!", erntet sie meist nur wütende Blicke oder Tränen der Verzweiflung. Wie soll man denn loslassen können, wenn die Umstände es erfordern, dass man sich den Kopf zerbricht, was wohl in seinem vorgeht?

Frei werden: Es kann ziemlich lange dauern, bis man dieses aus einer spannungsreichen Kindheit stammende Muster wieder los wird. Der erste Schritt: sich seinen Ängsten und seiner inneren Leere zu stellen. Diese Gefühle auszuhalten, ohne sie durch permanentes Herumdoktern am Verhalten und Leben des Partners zu betäuben. Das bedeutet: ihm keine Vorträge halten, keine Vorwürfe machen, ihm keine Selbsthilfebücher vor die Nase knallen und sonstige Manipulationsversuche. Nicht ihn zu fordern und zu fördern, sondern die wichtigste Person in Ihrem Leben - Sie selbst. Die angenehme Nebenwirkung: Indem Sie ihm die Verantwortung für sein Leben zurückgeben, geben Sie ihm auch die Chance, sich tatsächlich zu verändern.

Figur

Igitt, die Schenkel reiben aneinander, der Bauch erlaubt sich wurstige Formationen, der Po übertrumpft noch den von Jennifer Lopez. - Gedanken an die Figur und ihre (mehr oder weniger eingebildeten) Mängel können genauso zwanghaft werden wie die Grübeleien über die Macken des Partners. Im Supermarkt fühlt man sich von hinterhältigen Dickmachern umzingelt, in jeder Schaufensterauslage prüft man seine Silhouette, und jeder Tag beginnt mit dem Vorsatz, heute aber die Kalorienzufuhr aufs Mindestmaß zu reduzieren. Im Grunde stecken hinter so einem Diätstress dieselben Gefühle wie beim Beziehungskrampf: die Angst, nicht geliebt zu werden. Und indem man seine körperlichen Formen einer rigorosen Kontrolle unterwirft, meint man, auch Kontrolle über die Liebe und den Respekt der anderen zu gewinnen. Loslassen - also normal essen (... und deswegen bestimmt elefantöse Ausmaße anzunehmen!) - erscheint daher als elementare Bedrohung. In Wahrheit ist jedoch das Gegenteil fatal. Erstens wegen dem Risiko, sich auf diese Weise eine veritable Essstörung - also Magersucht oder Ess-und Brechsucht - einzuhandeln. Und zweitens, weil es meistens sowieso nicht funktioniert.

Abnehmen kann nur dann funktionieren, wenn man es nicht als Gottes Gebot ansieht.

Denn je mehr man sich selbst unter Erfolgsdruck setzt, um so eher tappt man auch in die Frustfalle. Sprich, die Schnitzelsemmel zwischendurch, das Hinunterschlingen von Resten aus dem Topf oder der Süß-Heißhunger abends vor dem Fernseher. Daraus resultieren Schuldgefühle, die wiederum erhöhen den Druck, und der wiederum führt geradewegs - genau, zum nächsten Schokoriegel.

Frei werden: Abnehmen kann nur dann funktionieren, wenn man es nicht als Gottes Gebot ansieht. Sich also sagen: "Ja, ich kann und werde manchmal leckere, kalorienreiche Sachen verdrücken - und deswegen nicht gleich zehn Kilo zunehmen." Der zweite Trick: Nicht denken "Ich muss jetzt hungern und hart trainieren", sondern sich umpolen auf "Ich suche mir jetzt einen Sport, der mir gefällt, und will mit meinem Körper dabei jede Menge Spaß haben." Ja, und der dritte (und schwerste) Weg, um den Figurstress loszulassen lautet: "Ich mag mich, wie ich bin. Und deshalb werden mich auch andere mögen können, wie ich bin."

Job

Verbissen am Sitzungstisch, so wie einst die Streber auf der Schulbank. Ellenbogen gegen die Kollegen, die einem beförderungstechnisch gefährlich werden könnten. Oder gar im Tross der Workaholics, die selbst am Wochenende Akten wälzen. - Die Karriereleiter eignet sich vorzüglich, um sich daran (meist auch noch mit dem Beifall der Umgebung) festzuklammern. Loslassen? - Niemals, sonst gehört man ja zu den Losern, dem Abfall der Gesellschaft. Und die - richtig, die hat keiner lieb. Da schon lieber hackeln bis zum Herzinfarkt. Bis der Burnout, der komplette körperliche Zusammenbruch einen dazu zwingt, Bleistift, Telefonhörer und Erfolgssucht einfach fallen zu lassen.

Anerkennung muss man sich zuallererst einmal selbst geben.

Doch selbst, wenn es nicht zum Totalzusammenbruch kommt: Die ehrgeizigste Mitarbeiterin ist nicht unbedingt die beste Mitarbeiterin. Gier macht bekanntlich blind, Fehlentscheidungen sind deshalb wahrscheinlich. Und der Erfolgsstress, unter den sie sich selber stellt, kann die Nervenbahnen für Kreativität blockieren.

Frei werden: Wer weder zu den Aussteigern noch zu den Ausgebrannten gehören will, muss sich das Thema Erfolg einmal ganz nüchtern anschauen. Fragen: Wie geht's eigentlich meinen Vorgesetzten oder anderen Vorbildern im Job? Sehen die etwa glücklich und entspannt aus? Wie wird es mir gehen, wenn ich so weitermache? Wohin führt mich mein Perfektionismus? Was bedeutet Erfolg für mich genau? Will ich das machen, was ich am besten kann und mir am meisten Spaß macht, oder geht es mir eigentlich nur um den Applaus vom Chef, meinen Kollegen, Eltern oder Partner? - Nun, von wem auch immer man sich die Stärkung seines Ichs erwartet - Anerkennung muss man sich zuallererst einmal selbst geben. Denn wie heißt es schön: Wem man hinterherläuft, der zeigt einem die Kehrseite.

Psychologische Beratung:Anna Maurer, 1010 Wien

Dodo Roscic, ORF-Moderatorin
Ich glaub' definitiv, dass man Menschen loslassen muss, damit sie wiederkommen können - und damit man sie auch wieder nehmen kann. Und nicht immer dieses "... aber er hat doch gesagt; aber er hat doch versprochen ..." Da macht man sich nur abhängig und einen Riesenstress im Kopf. Womit ich allerdings ein Problem habe, sind die Leute, die spirituelle Lehren so extrem in Richtung "Man darf keine Ziele und Erwartungen haben" interpretieren. Das ist mir zu passiv, da denk' ich mir oft: "Get yourself an attitude!"

Manuel Ortega, Sänger
In meiner Karriere gab es Hochs und Tiefs - und Letztere deshalb, weil ich mich zu sehr reingesteigert und mir zu viel Druck gemacht habe. Wie viel verkaufe ich, wie geht es weiter, wie überlebe ich als Musiker. Aber man muss sich den Druck von den Schultern blasen, indem man Erfolg einfach anders definiert. Für mich bedeutet er heute: dass ich das machen kann, was mir Spaß macht. Und wenn man etwas aus ganzem Herzen und tiefster Seele tut, funktioniert es auch.

Eva Marold, Schauspielerin, Kabarettistin
Bei Loslassen denke ich zuerst an Beziehungen, also an das Gegenteil von Klammern. Aber man muss in jedem Bereich des Lebens loslassen können. Denn wenn man etwas festhält, fängt es an zu stocken und zu stauen - wie bei einem Staudamm in einem Fluss. Wo dann an einer Stelle zu viel Wasser ist, und woanders zu wenig. Besser, man lässt Dinge gehen - und konzentriert sich auf das, was als Nächstes vorbeischwimmt.

Konrad Paul Liessmann, Philosoph
In einer Gesellschaft, in der sich alles um den Besitz, das Haben dreht, in der Menschen an ihren Vermögen und Statussymbolen gemessen werden, muss Loslassen zu einem Problem werden. Etwas, das man gehabt hat, hergeben zu müssen, erscheint im Kapitalismus immer als Niederlage. Das Loslassen ist übrigens schon in der antiken philosophischen Schule der Stoiker thematisiert worden - mit der absoluten Gelassenheit, selbst dem eigenen Tod gegenüber, als Zielvorstellung.

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