Bäuerinnen: Ein Leben abseits der Work-Life-Balance

Wie wollen wir leben, was wollen wir essen, woraus schöpfen wir unsere Energie – und warum wird das alles immer wichtiger? Landwirtschaft als neue Geisteshaltung, Bäuerinnen als Trendsetterinnen: ein Blick aufs Glück.

Ein Sommertag im Burgenland. Wir stapfen über eine Hügelkuppe und landen im Paradies. Ein kleines Weinstöckel, davor üppige Kirschbäume, saftiges Gras und mittendrin eine Herde Schafe, fast alle dunkel. Bäuerin Julia Elpon (35) hat eine Schwäche für schwarze Schafe. Rund 350 Tiere sind es, auf fünf Herden verteilt ...

Julia Elpon
Als die BOKU-Absolventin vor fünf Jahren ihren gut bezahlten Bürojob an den Nagel hängt und mit ihrem Mann Alex zu den Schwiegereltern nach Bildein zieht, droht der Traum von der Schafzucht fast zu scheitern. „Weideland verkaufen oder verpachten wollte niemand“, erinnert sich Julia. Also machte die gebürtige Oberösterreicherin aus der Not eine Tugend: Sie begann mit ihren Schafen aktive Landschaftspflege zu betreiben, auf den Grundstücken anderer. Viele der Moschendorfer Weinberge sind nämlich inzwischen fest in der Hand von Stadtmenschen. Anfangs rücken die am Wochenende noch mit der Sense an, um ihren Rebgarten von wucherndem Gras zu befreien – weil sie sich „so richtig spüren“ wollen. Doch nachdem sie den ersten Muskelkater gespürt haben, wird es ihnen meist bald zu mühsam. Und dann kommen Julias lebende Rasenmäher gerade recht.


70 bis 80 Grundstücke zwischen Moschendorf und Eisenberg beweiden die Elpon-Schafe heute. Sie werden so gesund satt und sorgen nebenbei dafür, dass die Landschaft nicht verwildert. „Schließlich wollen die Touristen, die durch den Naturpark radeln, grüne Wiesen sehen und Weinidylle, kein ungepflegtes Brachland“, weiß Julia. Von März bis Dezember werden die Schafe alle paar Tage zur nächsten Fläche geführt, die mit mobilen Elektrozäunen abgegrenzt ist. Im Winter, wenn die Grasnarbe geschont werden muss, stehen die Tiere im Offenstall am Hof.

Naturalienrendite

Das glückliche Schafleben endet nach acht bis zwölf Monaten beim Schlachter. Das so produzierte Bioweidelammfleisch ist begehrt, auch dank eines originellen Vermarktungskonzeptes: der Schafaktie. Um größere Herden aufbauen zu können, gibt Julia Anteilsscheine zu je 55 Euro aus. Das Geld erhält man in den nächsten drei Jahren in Form von Weidefleisch gut verzinst zurück. „Die Schafaktie ist aber nicht nur ein Gutschein, der uns den Hof vorfinanziert“, betont die Schafbäuerin. „Er lenkt auch viel Aufmerksamkeit auf das Projekt (bioschaf.at) und dessen Philosophie. Und die Idee gefällt den Leuten.“
Reich wird man damit nicht. „Alles, was wir erwirtschaften, fließt wieder in den Betrieb. Darum wohnen mein Mann und ich mit unseren zwei kleinen Kindern nach fünf Jahren immer noch im Zubau bei den Schwiegereltern und nicht in einem idyllischen Bauernhaus.“

Ich habe keine Work-Life-Balance. Ich lebe.
Julia Elpon


Shoppen & Kaffee

Zurück am Hof wird Schafsbock Beethoven gerade auf einen Anhänger geladen. „Der geht als Sextourist zu einem Schafzüchter in die Nachbargemeinde“, scherzt Julia. Hinter dem Gemüsegarten plustert sich ein Truthahn auf. Bei der Himbeerhecke sitzt eine Sulmtaler Henne schützend auf ihren Küken. Ein Land-Idyll, fast kitschig. Doch der Traum ist hart erkämpft. „Ich arbeite so gut wie immer“, erklärt Julia. Zäune müssen gesetzt, Wasser angekarrt, Schafe versorgt werden. Und dann sind da noch die Kinder, der Haushalt, der Garten, die Hühner, die Hunde, die Buchhaltung und die Arbeit im Schafzuchtverband.„Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zum Zeitvertreib im Kaffeehaus war oder gar shoppen. Als Bäuerin hat man nie Zeit für sich selbst“, sinniert sie. „Aber das Schöne ist, dass ich immer bei meinen Kindern sein kann. Letztens habe ich bei der Hecke im Garten Unkraut gejätet, während meine 2-jährige Tochter im Schatten gedöst hat. Sie hat sich mit einem Klettenblatt zugedeckt und ich habe ihr während des Jätens ein Schlaflied vorgesungen. Ich habe keine Work-Life-Balance. Ich lebe.“


Für die Vielfalt

Ein Satz, den Ilse Maier nur unterschreiben kann. Die Bio-Winzerin (57) lebt schon seit Jahrzehnten als überzeugte Bäuerin – mit einem Haufen Arbeit und inmitten ihrer vier Kinder, die dadurch ihre Mutter auch „im Job“ beobachten durften. Das Weingut Geyerhof (geyerhof.at), gelegen am Fuße des herrschaftlichen Stift Göttweig in Niederösterreich, produziert alle Weine biologisch. Umgestellt wurde 1988, damals waren sie echte Exoten. Doch auch heute werden Bio-Winzer noch oft belächelt.

Ilse Maier
Für die Frau mit dem warmen, festen Händedruck und der kräftigen Stimme hätte es aber nie eine Alternative gegeben: „Dass ich Bäuerin werden will, war klar. Aber eben biologisch. Schon als Kind war ich sensibilisiert für die Art und Weise, wie man mit der Natur umgeht, von der man doch lebt. Biologische Landwirtschaft findet für mich im Kopf statt. Deshalb ist es mir auch wichtig, nicht nur mit dem Wein achtsam umzugehen, sondern auch zur Artenvielfalt in der Region beizutragen.“ Dieser Beitrag heißt Wildwux (wildwux.at). Vor drei Jahren von ihr initiiert, hat das Projekt einen ganzheitlichen Ansatz der Arterhaltung: „Mit Nistkästen für den Wiedehopf, Tümpeln für seltene Kröten oder Steinhaufen als Unterschlupf für Amphibien setzen wir ganz kleine Akzente, die es aber ermöglichen, dass unsere Kulturlandschaft trotz der Weinbauflächen vielfältig bleibt.“

Diese Haltung, sowohl der Natur als auch sich selbst ein gutes Leben zu gönnen, inspiriert auch die nächste Generation. Die Hofnachfolger, Josef und seine Freundin Maria, haben begonnen, Bienenstöcke aufzustellen und seit März gibt es auch vier Rinder. „Die stehen auf einer großen Weide und leben in den Tag hinein. Diese Freiflächen, die von den Tieren bewirtschaftet – weil abgegrast – werden, sind wiederum gut für viele Vögel. Im November werden die Rinder geschlachtet und von uns verkauft.“ Bei vier Stück viel Aufwand, aber nicht jede Investition muss sich gleich rechnen. „Das Projekt hat sich aus der Einstellung ergeben, dass das Leben mehr ist als nur Profit. Denn davon kann ich nicht abbeißen“, so Maier. Umso mehr freut es die Bäuerin natürlich, wenn ihre Einstellung trotzdem zu Anerkennung führt – besonders in der zeitweise etwas elitär wirkenden Weinwelt. So sind Geyerhof-Weine schon Dauergast in den Charts von Gault Millau und werden auch von der Spitzengastronomie, wie dem Wiener Steirereck, geführt und empfohlen.

Das Leben ist mehr als nur Profit. Davon kann ich nicht abbeißen.
Ilse Maier


Selbstversorgung

Maria Vogt
Schauplatzwechsel: der Hof von Maria Vogt (53) in Obersdorf bei Wolkersdorf – eingebettet in ein typisches Weinviertler Straßendorf. Vor jedem Tor werden hier andere Produkte angeboten: Erdbeeren, Erdäpfel, Paradeiser – das Angebot macht Lust auf eine Jause unter schattigen Bäumen. Maria betreibt ihren Hof, auf dem es von Gemüse über Getreide bis hin zu Schafsmilch und Wein fast alles gibt, mit einer Mischung aus erdiger Leidenschaft und humorvollem Aufklärungsspirit. Ursprünglich Bankangestellte, hat sie sich nach einem längeren Südamerika-Aufenthalt für diesen Lebensweg entschieden. „Ich habe gesehen, wie ungerecht die Welt funktioniert. Durch die Kolonialisierung hatten die Menschen dort keine Möglichkeiten, eigene Wege zu gehen. Für mich war es notwendig, einen Kontrapunkt zu setzen. Daher hab ich mich gegen die Bank und für ein Leben als Bäuerin entschlossen.“
Das war 1989 und wurde getragen von „Motivation, Offenheit, aber auch Naivität“, wie Maria heute lachend erzählt. Der Hof, der der Familie ihres Mannes gehörte, war zu klein, um davon wirklich leben zu können. „Wir haben daher ein Gemeinschaftsauto, teilen uns auch die Maschinen mit anderen. Und wir setzen auf biologische Vielfalt und Selbstversorgung“, so Maria. Die Konsumenten aus der Region wurden zu persönlichen Kunden, die die Produkte, aber auch die Arbeit an sich schätzen lernten. „Ich sage oft: Passt gut auf auf uns kleinen Bäuerinnen und Bauern. Denn ihr braucht uns, wenn ihr in eurer Region eine Ernährungssouveränität haben wollt.“
Was Maria Vogt an ihrem Leben am meisten mag? Den Rhythmus der Natur, in dem sie sich geborgen fühlt: „Wir leben im Jahreslauf der Natur, wirtschaften und ernten, wir investieren, wenn wir das Geld haben, und wenn nicht, dann nicht. Es ist ein gutes Leben.“ So hört sich wohl das sehr entspannte Glück an.

Solidarisch

Den Traum vom Glück am Land hat sich auch die 28-jährige Michaela Fassl erfüllt. Gemeinsam mit ihrem Freund Max hat sie am ehemaligen Sepplashof (sepplashof.at) ihres Großvaters in Litzelsdorf eine solidarische Landwirtschaft gegründet. Die Mitglieder einer SoLawi erklären sich bereit, die Produktionskosten einer Landwirtschaft für eine Saison zu übernehmen. Im Gegenzug wird die gesamte Ernte gleichmäßig auf alle Mitglieder aufgeteilt. Somit werden Erfolge wie Überschüsse, aber auch Verluste durch Ernteausfälle gemeinsam getragen.
„Die Idee dazu kam, als Max und ich die Doku Farmer John – mit Mistgabel und Federboa gesehen haben, in der ein solches Projekt präsentiert wurde.“ Sie hatten damals schon eine ziemliche Wut auf die konventionelle Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie, in der Massentierhaltung, Gentechnik und Pestizideinsatz auf der Tagesordnung stehen. Damals studierten sie noch beide in Wien und jobbten nebenbei in einer Filiale des Seifenherstellers Lush. „Und uns war schnell klar: Wir wollen uns nicht nur über Missstände ärgern und diskutieren, sondern auch was tun.“

Michaela Fassl
Sie nahmen Kontakt mit anderen SoLawis in Österreich auf und starteten 2011 selbst mit dem solidarischen Gemüseanbau. „Viele SoLawis sind eher im urbanen Umfeld angesiedelt. Wir waren uns nicht sicher, wie das Projekt im Südburgenland aufgenommen werden würde“, erinnert sich Michaela. Es wurde ein Erfolg. Das wesentliche Element: Mitbestimmung. Das Projekt ist auf die Bedürfnisse der Hofgemeinschaft zugeschnitten, alle Beteiligten können sich einbringen und gemeinsam über die Entwicklung des Hofes entscheiden. Befreit von Marktdruck und Konkurrenzdenken gelingt es, Wert auf Qualität und Sortenvielfalt zu legen und Lebensmittel ohne Ausbeutung von Mensch und Natur zu erzeugen.
Mit viel Elan ist Michaela auch diese Saison bei der Sache. „Das Schlimmste an meinem Job als Gemüsebäuerin ist die Abhängigkeit vom Wetter: Letztes Jahr hat es tagelang geregnet, bis der abschüssige Boden abgerutscht ist und die dort gepflanzten Erdäpfel im Endeffekt zwanzig Meter weiter aufgingen.“ Das Schönste an der SoLawi ist die Gemeinschaft. 35 Ernteteiler sind in dieser Saison dabei. Junge Mütter, Künstler, Pensionisten, Lehrer – die Gruppe der an sozialem Biogemüse Interessierten ist bunt gemischt. Sie tauschen Rezepte aus, lesen und gestalten die monatliche Ronenzeitung und machen auch schon mal gemeinsam Sauerkraut. Um die Solidarität unter den Mitgliedern zu fördern, wird angeregt, selbst zu bestimmen, wie viel jedem Einzelnen das Projekt wert ist.

Wir wollten uns nicht nur über Missstände ärgern, sondern auch was tun.
Michaela Fassl

Abgestimmt wird auch darüber, was angebaut wird und wie und wo das Erwirtschaftete verteilt werden soll. Begrenzt vorhandene Produkte sowie Raritäten werden mit Gewichtsangabe oder Stückzahl pro Ernteanteil gekennzeichnet, sodass niemand zu kurz kommt. Bei Überschüssen gilt „freie Entnahme“. „Im ersten Jahr habe ich auch noch Gemüsekisterl gepackt, heuer haben wir beschlossen, die wöchentliche Ernte mittels mobilem Marktstand in drei Ortschaften zu verteilen“, erzählt Michaela. „Letztens kam eine alte Frau mit Körberl zum Stand und wollte bei uns einkaufen. Wir haben sie über das Projekt aufgeklärt und sie war total begeistert.“
Michaela hat Bildungswissenschaften und Gender Studies studiert und arbeitet halbtags in einem Frauenberufszentrum. „Ich wollte diesen Teil von mir nicht aufgeben.“ Von mittags bis spät abends findet man sie dann auf dem Gemüsefeld. Ab und zu kommen Dorfbewohner vorbei, sehen sie auf dem Feld buckeln und wundern sich, warum sich jemand so Junger so etwas antut. Aber im Wundern schwingt dann auch immer ganz viel Bewunderung mit.

InlineBild (38a8b2e8)Julia Elpon (35) hat auf ihrem Hof im Burgenland die „Schaf-Aktie“ eingeführt. Anteilsscheine werden gut verzinst in Form von Fleisch zurückbezahlt.

„Ich habe mich schon an der Uni stark mit der Produktion regionaler Lebensmittel, mit Kreisläufen und Ökobilanzen befasst. Danach hatte ich einen tollen Job, aber zehn Jahre Büro waren dann genug. Jetzt lebe ich die Praxis. Ich züchte Krainer Steinschafe. Die sind robust und zutraulich und wandern mit Hütehunden von Weide zu Weide. Ein artgerechtes Tierleben ist Grundlage für einen ethisch vertretbaren Fleischkonsum. Dank der Schafaktie kann ich am Hof viel besser kalkulieren.“

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Ilse Maier (57) hat ihr Weingut Geyerhof im Kremstal 1988 auf bio umgestellt. Mit dem Projekt Wildwux fördert sie zudem die Artenvielfalt der Region.

„Als wir umgestellt haben, war bio nicht chic, jeder sagte, Biowein sei grauslich. In den ersten fünf Jahren habe ich viel lernen müssen: besser und genauer auf die Weingärten zu achten etwa, viel Handarbeit einzusetzen und Krankheiten gegenüber eine höhere Toleranz zu haben. Bei Verkostungen war es mir immer wichtig, bei den ,Normalen‘ dabei zu sein. Und wenn wir gute Platzierungen erreichen, ist es heute noch eine Genugtuung zu sagen: ,Biowein kann das auch.‘ Die biologische Landwirtschaft ist aber vor allem eine Kopfsache: Wenn man sich dazu entschließt, lebt man anders. Man achtet anders auf die Natur und will sie bewahren.“

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