In Balance mit Benedikt

Man muss nicht in die Tiefen moderner „Work-Life-Balance“-Literatur oder fernöstlicher Schwarz-Weiß-Philosophien abtauchen, um das Geheimnis für mehr Lebensqualität zu erfahren.

Was macht Helmut S., Chirurg und Leiter einer größeren Krankenanstalt in Bayern, um 6.45 Uhr in der Kirche des Stifts Göttweig? Er singt. Und das nicht irgendwo
versteckt in den hinteren Bankreihen, sondern im Chorgestühl, gleich neben dem Hochaltar, mitten unter den Patres, nur selbst ohne Talar. „Vor neun Jahren haben meine Frau und ich Stift Göttweig das erste Mal gesehen, auf dem Donauradweg von Passau nach Wien. Vor acht Jahren habe ich meinen ersten Exerzitienkurs hier gemacht, weil ich psychisch unter meiner Last zusammenzubrechen drohte. Seitdem läuft mein Leben wieder in geordneten Bahnen - und damit das so bleibt, komme ich alle Jahre wieder", sagt der Stammgast, der inzwischen auch im Refektorium der Ordensbrüder gern gesehen ist. Jana K. singt ebenfalls gern in der Kirche, aber nicht wie Helmut auf der „Bühne", sondern lieber unten im Publikum. Sie ist auch kein Exerzitiengast wie Helmut, sondern macht nur kurz Urlaub im Stift Göttweig: mit dem Wunsch nach Kontemplation, aber auch um in aller Ruhe ihrer Leidenschaft, dem Zeichnen, nachgehen zu können. „Und weil ich heuer die Gelegenheit habe, in der Sonderausstellung Meisterwerke aus der berühmten Grafischen Sammlung des Stifts Göttweig zu sehen," sie.Was Helmut und Jana gemeinsam haben? „Sie erleben

hier ein paar Tage nach einem Rhythmus, den der heilige Benedikt schon vor knapp 1500 Jahren in Europa predigte: ,Ora et labora et lege!‘ (Bete und arbeite und lese!) - sie befolgen also modern gesprochen die Work-Life-Balance im Sinne Benedikts", sagt Pater Justus, Ordensmann in Göttweig seit seinem 17. Lebensjahr. Und er betont das für die Muße stehende „lege", das in der weltlichen Interpretation der Regula Benedicti „leider untergegangen" sei.

Die Arbeit mit sich selbst

„Müßiggang ist der Seele Feind“, schrieb Benedikt in seiner Regula und legte somit fest, dass neben spiritueller auch materielle Arbeit zu leisten ist, um innere Ausgeglichenheit zu erlangen.

„Diese innere Balance gerät heute vor allem durch den extrem hohen Stellenwert des Arbeitsplatzes in der Gesellschaft aus dem Gleichgewicht.

Die Folgen
Stress, Burn-out, manchmal sogar Medikamenten-missbrauch".
Aus diesem Grund sucht man beispielsweise im Stift vergeblich nach einem Internetanschluss im Exerzitienhaus, kann aber im Rahmen ausgedehnter Spaziergänge auf dem Göttweiger Berg leicht zu sich selbst finden.
Ob bewusst oder unbewusst - der Urlaub im Kloster beginnt damit, dass man Körper und Seele in Einklang mit dem spirituellen Alltag bringt. Dieser wird nicht nur von den Kirchenglocken bereits um sechs Uhr eingeläutet, sondern richtet sich vor allem auch nach den persönlichen Bedürfnissen aus. Helmut beispielsweise versäumt keines der täglichen Morgen-, Mittags- oder Abendgebete, während Jana lieber aus regelmäßigen Wanderungen in der Umgebung meditative Kraft schöpft und nur zur Andacht um 18 Uhr schreitet. „Unsere Gäste bestimmen selbst, ob und wie viel geistliche Begleitung sie von uns wünschen", sagt Pater Justus. Die Begleitung heißt Pater Richard und ist „Gastmeister" des vis-à-vis der Stiftskirche gelegenen Exerzitienhauses - der Herberge mit einfachem Inventar und überwältigendem Ausblick auf die Wachau. Während er für alle ein offenes Ohr hat und nur gelegentlich in Erscheinung tritt, erfahren Exerzitiengäste von Pater Columban intensive spirituelle Betreuung. Doch was sind Exerzitien? „Geistliche Übungen, um das Leben zu ordnen - und Tage des ganzheitlichen Lebens, um sich selbst durch Meditation und Gebet eine neue Orientierung zu geben", so Pater Columban. Neben gemeinsamen Wander- und Psalmen-exerzitien bietet er unter anderem auch Schweige- und Fasten-Einzelexerzitien an.

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