Back from black

Amy Winehouse – das war lange ein Synonym für Aussetzer, Alkohol und Abhängigkeit. In den Schubladen der Klatschjournalisten lagen schon die Nachrufe auf die britische Sängerin bereit. Stattdessen muss die Klatschpresse jetzt ganz andere Nachrichten drucken: Die 27-Jährige ist zurück im Leben – mit einem neuen Mann an ihrer Seite und einem Album in Planung.

Es war nur eine kleine Meldung, die das britische Klatschblatt The Sun Anfang Dezember druckte: „Amy ist wieder zurück! Aus Barbados kam die Sängerin braun gebrannt und gut erholt retour", war dort kurz und knapp zu lesen. Mehr Zeilen gab Ms Winehouses einmonatige Inselauszeit wohl auch beim besten Society-Reporter-Willen nicht her. Anders als bei ihren Urlaubstrips zuvor gab es diesmal nämlich keine Nackt-Exzesse am Strand, keine betrunkene Amy, die anderen Barbesuchern ihre halb geleerten Cocktailgläser klaute, und keine Paparazzi-Fotos, auf denen sie abgemagert, zugedröhnt und heruntergekommen aussah. Im Gegenteil: Die 27-Jährige wirkte wie ausgewechselt. Und das ließ sich Yellow-Press-mäßig einfach nicht ausschlachten.

Freilich hätte man erwähnen können, dass Amy ihren Barbados-Urlaub dazu genutzt haben soll, ein neues Werk vorzubereiten. Was durchaus von Neuigkeitswert gewesen wäre. Denn seit ihrer zweiten Platte Back to Black, die 2006 erschien, gab es keine weiteren Alben. Doch dieses Detail verschwieg man. Wahrscheinlich haben es ihr die Sun-Journalisten übel genommen, dass ihre Nachrufe auf Amy, die sie schon fix und fertig in der Schreibtischschublade liegen hatten, nun wohl doch nicht gedruckt werden.

Totgesagte leben länger. Dabei hatte es eine Zeit lang so „gut" ausgesehen: Im Internet kursierten Seiten mit „Erratet, wann Amy sterben wird"-Wetten - mit einem iPod als Gewinn. Und selbst treueste Fans trauten sich kaum, dagegen zu halten. Zu augenfällig waren die Parallelen zwischen der von Magersucht und Drogenexzessen gezeichneten Amy und Ausnahmesängerin Janis Joplin, die im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis starb. Und da Ms Winehouse in der jüngeren Vergangenheit mehr Konzerte abgebrochen als gegeben hatte, stand sie zumindest karrieretechnisch schon mit mehr als einem Bein im Grab.

Überlebenskünstlerin. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Erst recht, wenn sie nicht nur Bühnen-, sondern auch Überlebenskünstler sind. Und dazu darf Amy zählen. Leicht hat sie es nämlich nicht gehabt. „Ich möchte, dass die Leute meine Stimme hören und ihren Kummer einfach für fünf Minuten vergessen", schreibt sie mit 13 Jahren in einem Schulaufsatz. Und was Kummer ist, weiß sie schon damals sehr genau.

Weiter geht´s auf Seite 2.

Schon kurz nach ihrer Geburt beginnt ihr Vater, Mitch Winehouse, nämlich eine Affäre - ein offenes Familiengeheimnis. Er verlässt die Familie, als sie zehn Jahre alt ist und heiratet wieder. Etwas, was Amy ihrem Vater nie ganz verziehen hat. Jahre später klagt sie ihn im bitteren Song What it is about men an. Doch als Teenager hat sie dieses Ventil nicht. Sie ist aufsässig, eckt überall an, fliegt von mehreren Schulen.

Talent und tiefer Fall. Doch irgendwie schafft sie es, sich erst einen Job als Musikjournalistin zu besorgen und dann einen Platz in einer Jazzband. Mit der tingelt Amy durch Bars - und wird entdeckt. Ihr geniales Debütalbum Frank schlägt ein wie eine Bombe, macht die 20-Jährige über Nacht zum Star. Ein Riesenerfolg - den sie aber nicht genießen kann. Denn ihre geliebte Oma Cynthia, eine Jazzsängerin und ihr großes Vorbild, stirbt.

Amy sucht Trost bei Blake Fielder-Civil. Es ist der Beginn einer turbulenten On-off-Beziehung. „Blake" steht bald auf ihrer Brust, gleich neben dem Namen ihrer Großmutter und dem Schnörkelschrift-Tattoo „Daddy's Girl". Doch Blake ist keiner, an dem sie sich festhalten könnte - außer auf Partys und Paparazziabschüssen. Als das Paar im Mai 2007 heimlich heiratet, kann es seine Drogensucht schon nicht mehr verbergen. Später gehen sie gemeinsam auf Entzug, doch sie brechen zu früh ab. Im Rausch lieben, schlagen, trennen und versöhnen sie sich - bis zur Scheidung im August 2009.
Eine Erleichterung für Amys Eltern, die stets den Exmann für die Drogensucht ihrer Tochter öffentlich verantwortlich machen. Amys Familie ist keine, die die Schuld bei sich sucht. Und schon gar keine, die sich dezent im Hintergrund hält. Während die Sängerin aus der Reha in Rückfälle stolpert, beschreiten Papa, Mama und Bruder Alex Winehouse den medialen Weg, klagen über das Leben mit dem drogenabhängigen Star. Allen voran Vater und Manager, der sogar eine TV-Doku
Meine Tochter Amy drehen lässt, in der er Familienfilme aus ihrer „glücklichen" Kindheit zeigt und sich selbst weinend auf der Therapeutencouch.

Weiter geht´s auf Seite 3.


Daddy macht Karriere.
Doch irgendwie hat Amy auf Barbados all das hinter sich lassen können. „Amy ist seit einem Jahr clean. Nur ihr Alkoholkonsum muss noch weniger werden. Sie ist zurück im Berufsleben, viel im Studio und sie isst wie ein Mähdrescher. Sie will dauernd, dass ich ihr Rindfleisch vorbeibringe."

Ob Amy glücklich darüber ist, dass ausgerechnet ihr Vater diese frohe Botschaft verkündet, ist fraglich. Zumal es Mitch Winehouse bei seinen Interviews nicht nur um seine Tochter geht. Denn zeitgleich promotete er noch etwas anderes: seine erste eigene Platte als Jazzsänger, die kürzlich veröffentlicht wurde - bei Amys 2009 gegründetem Musiklabel Lioness Records. Aber immerhin berichtet er in den „Werbepausen" begeistert vom neuen „normalen und netten Mann an Amys Seite": dem britischen Regisseur Reg Traviss. Mit ihm plant Amy bereits, nach nur einem halben Jahr Beziehung, zusammenzuziehen. Ansonsten liefert das Paar keine Skandale.

Back to life. Dementsprechend hat das Medieninteresse abgenommen. Normalität hat im Boulevard wenig Platz: Amy modelt und designte für die aktuelle Kollektion von Fred Perry, trat als Backgroundsängerin ihres 13-jährigen Patenkindes Dionne Bromfield, das bei ihr unter Vertrag steht, in einer TV-Show auf und überraschte mit der Nachricht, in diesem Monat eine Mini-Tournee in Brasilien zu absolvieren.

In ihrem neuen Album, das demnächst veröffentlicht werden soll, will sie ihre turbulente Vergangenheit verarbeiten. "Ich mag nicht zurückblicken und jammern: 'Oh mein Gott, was war das für eine schreckliche Zeit!' Ich denke lieber: 'Super, dass ich da durchgekommen bin!'" So gesehen hat die SUn doch nichts verschwiegen: Amy ist wieder zurück - im Leben.

Aktuell