Babys im Parlament: Speaker of the House füttert Baby, während der Papa eine Rede hält

Im neuseeländischen Parlament tummeln sich die Babys. Für einen Abgeordneten ist nun der "Speaker of the House" als Kinderbetreuer eingesprungen. Wunderbar? Ja schon - aber eigentlich erst, wenn es keine Nachricht mehr wert ist.

Der neuseeländische Parlamentsabgeordnete Tamati Coffey nimmt seinen sechs Wochen alten Sohn mit ins Parlament. Der Rest der Welt mag das mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch nicht so ganz hinkriegen, zumindest im neuseeländischen Parlament klappt es ziemlich gut. Während Coffey seine Rede hält, übernimmt der Speaker of the HouseTrevor Mallard, dessen Rolle vergleichbar mit der des Nationalratspräsidenten in Österreich ist, kurzerhand die Betreuung des Babys. Er hält den kleinen Tutanekai auf dem Arm, füttert ihn mit der Flasche und leitet nebenbei die intensive Diskussion des Plenums über Treibstoffpreise.

"Manchmal kann ich ein wenig nützlich sein", sagt Mallard. 2017 hat der Speaker die Regeln des Parlaments in Wellington gelockert, um es kinderfreundlicher zu machen. Die Abgeordneten nutzen die neuen Möglichkeiten gern, immer wieder sind Säuglinge im Plenarsaal zu sehen. Auch Ministerpräsidentin Jacinda Ardern nimmt ihr Töchterchen Neve, das im Juni 2018 während der Amtszeit ihrer Mama zur Welt kam, regelmäßig mit zur Arbeit. Rund ein Dutzend der 120 Abgeordneten Neuseelands hat zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie Ardern Kinder bekommen. Der Abgeordnete Coffey und sein Ehemann Tim sind erst vergangenen Monat mithilfe einer Leihmuttter Eltern geworden. Speaker Mallard passt das alles ganz gut: Er habe festgestellt, dass Kinder die Atmosphäre am Arbeitsplatz verbessern würden.

Auch Männer verdienen keine Medaille für Kinderbetreuung

An und für sich ist das ja eine ganz schöne Geschichte. Weil die Generationen zusammenkommen, weil Kinderbetreuung als ein natürlicher Teil des Alltags gelebt wird, der nicht nur zu Hause passieren und nicht nur von Frauen erledigt werden muss, und weil eine Regenbogenfamilie nicht diskriminiert, sondern unaufgeregt gleichberechtigt behandelt wird. Unterm Strich werden aber wieder einmal Männer für etwas gefeiert, was eigentlich selbstverständlich sein sollte - und bei Frauen auch selbstverständlich ist.

Hätte eine Abgeordnete ihr Baby mit ins Parlament genommen, sähen Reaktionen und Berichterstattung wohl ein bisschen anders aus. Kinderbetreuung ist in der öffentlichen Meinung und Realität noch viel zu oft "Frauensache", die am besten getrennt vom Arbeitsleben geschieht (sonst: Rabenmutter!) und zu Gunsten des vermeintlichen Kindeswohl zur Gänze auf Kosten der Bedürfnisse der Frau gehen muss (sonst: Das arme Kind!).

Brechen Frauen mit dieser Rolle, ist die Aufregung oft groß, damals wie heute. Vor fast dreißig Jahren stillte die grüne Politikerin Christine Heindl ihren Sohn im Parlament und sorgte damit für einen riesigen Skandal in Österreich. Heute schaut es nicht viel besser aus. Erst letztes Jahr hatte im deutschen Bundesland Thüringen die Landtagspräsidentin einer Abgeordneten die Teilnahme an einer Abstimmung versagt, weil sie ihr sechs Wochen altes Baby dabei hatte. Sind Frauen Mütter, sind die Erwartungen der Gesellschaft fast unerreichbar. Kümmern sich Männer um Nachwuchs, würde man ihnen am liebsten gleich einen Orden verleihen. Auch dieser Umgang mit Geschlechterrollen fördert letztlich nicht die Gleichstellung, sondern zementiert alte Stereotype weiter ein.

Oder, wie der Grünen-Politiker Michel Reimon zusammenfasst:

 

Aktuell